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ihre Pflichten gegen ihn versäumten. Und so, meine Herren Geschworenen, kann meiner, und wie ich hoffe, auch Ihrer Ansicht nach von Mord hier nicht die Rede sein, am allerwenigsten von einem vorbedachten. Das beweist auch das ganze Verhalten des Angeklagten vor und nach der That. Ich bitte Sie, auf Körperverletzung mit tätlichem Ausgang zu erkennen. Und was die mildernden Umstände anbetrifft, die der §err Staatsanwalt wegleugnet, nun, die liegen nach meinem Dafürhalten in diesem Fall so massenhaft gehäuft, daß ich in Verlegenheit gerate, wie ich ihre Fülle znsammenfassen soll! Dabei lege ich auf die zweifellos vorhandene, besinnungslose Trunkenheit meines Klienten bei der beklagenswerten That noch nicht einmal so viel Gewicht, als auf seine ganze. Kindheit, seine Jugend, die Art seiner Erziehung, den Kreis von Menschen, in deren Mitte der Eltern- und Freundlose ausgewachsen ist. Sehen Sie sich die heute vernommenen Zeugen dvch an, strüfen Sie vorurteilsfrei ihre Aussagen und die Weise, in der sie gemacht wurden. Meine Herren Geschworenen, ich nehme keinen Anstand, zu behaupten: jeder einzelne dieser Sengen ist ein mildernder Umstand für meinen Klienten!" —
(Schluß folgt.)
Onkel Max.
Eine Ostergeschichte von G. Guevillier. Autorisierte Uebertragung ins Deutsche.
(Nachdruck verboten.)
Unten in den Gesellschaftszimmern ging es nach dem Tiner am Ostersonntag lustig zu, und oben in einem kleinen Stübchen saß Eveline und konnte endlich meinen!
Eine Stunde, eine kleine Ewigkeit hatte sie vor vielen fremden Menschen ihre Thränen hinunterschlucken müssen aus Furcht, sich zu verraten. Nun endlich war sie in ihrem Zimmer allein, und in einem Lehnstuhl, die Hände vor dem Gesicht, gab Eveline sich ihrem großen Kummer, der für das junge Wesen fast zu viel schien, hin. . .
Wie kann man mit 17 Jahren schon so unglücklich sein?
Max, „Onkel Max" verheiratet sich! ... In sechs Wochen mit Frau von Roucey, einer jungen Witwe . . . ja, und sie, Eveline selbst? Sie hat ihn doch so lieb! So lieb!
Seit wann? Seit immer; soweit sie in ihre Kindheit zurückdenken kann, ist „Onkel Max" der Mittelpunkt für sie gewesen. Mit allem, was ihr Kinderherz bewegte, ist sie zu ihm gekommen! Zuerst freilich nur, um sich als „Baby" mit Näschereien füttern zu lassen. . . dann hatte sich Bewunderung hinzugesellt, denn als sie ihre ersten unsicheren Gehversuche machte, war „er" schon ein Jüngling gewesen. . . der sie auf den Knieen hatte tanzen lassen, „Hopp, kleines Käferlein."
Immer hatte er eine Ueberraschung, eine Liebkosung für sie gehabt. . . jedesmal wenn er zu den Eltern zu Tisch kam, io ar es für sie ein Festtag gewesen, dann hatte er es durchgesetzt, daß sie aus der Kinderstube herunterkommen durfte, und er hatte ihr schöne Märchen erzählt, von denen sie die ganze Nacht.geträumt hatte! .
„Gute Nacht, kleines Käferlein!"
„Gute Nacht, Onkel Max".
Sie nannte ihn Onkel, obgleich er eigentlich nur ein Vetter der Mutter war, aber der „Onkel" stand dem kleinen Mädchen näher.
Und mit. den Jahren häuften sich die Erinnerungen. Als sie fünf oder sechs Jahr alt war, da trug er schon die Uniform mit den blanken Knöpfen; er kam zwar seltener, aber seine Besuche waren fast noch schöner als früher. Ganz schnell kam sie herbei, und wich ihm nicht von der Seite. Und „er" streichelte dann ihre blonden Locken. Und sie war größer geworden, und ihre Än- hänglichkeit auch; an der Grenze zwischen Kind und Jungfrau hatte sich diese Anhänglichkeit in Liebe verwandelt. Ja, sie liebte! Und da war abwechselnd Lachen und Weinen ohne Ursache, Schmollen, Necken und Wiedervertragen gekommen, und das erste unbewußte Kokettieren und das Träumen in lauschigen Gartenplätzchen, und das sorgsame Behüten des kostbaren Geheimnisses .
O, wie die Erinnerungen auf Eveline einstürmten! Jeder Winkel in ihrem Zimmer barg deren. Auf dem
Kaminbord sein Bild. In dem Schrank Bücher, die er für sie ausgesucht; auf seinen Rat hat sie die Tapete, die Möbelstoffe gewählt, selbst den Betthimmel, der das jungfräuliche Lager umschließt.
Und wieviel kleine Geschenke, die nun heute zu Re- . liquien werden! Ta ein ganz zerkauter Federhalter. . . jener, mit dem sie die ersten Schreibversuche gemacht . . . es war eines Tages sehr schlecht gegangen, und zur Strafe hatte sie oben bleiben müssen. Und „Onkel Max" war doch gerade zu Tisch da! . . .
Aber nach dem Essen war er heimlich zu ihr gekommen, und hatte die Taschen voll Nafchwerk gehabt. Er hatte sie getröstet und gemeint, nur der Federhalter fei Schuld und hatte ihr einen andern versprochen.
Und dort das Programm zu der Vorstellung im Zirkus, der ersten! Wie sie sich zuerst vor all den Menschen und dem Lärm geängstigt, bis Onkel Max sie neben sich genommen hatte.
Und dann einmal — später — wie er ihr die Haare aus der Stirn gestrichen, und gemeint hatte: Käferlein, Tu bist nicht kokett genug, wie siehst Du zerzaust aus! Und er hatte ihr einen Taschenspiegel geschenkt. Und zur Einsegnung hatte er ihr ein Kreuz geschenkt das hing nun über ihrem Bett. . .
So war „er" ihrer ganzen Existenz beigemischt, und sich selbst unbewußt, glaubte sie ihm zu gehören, und er natürlich auch ihr! . . .
Und da die Ballkarte, die sie als Lesezeichen benutzt! Ein ganzer Roman! Sie war schon erwachsen, tourbe „gnädiges Fräulein" genannt, trug Kleider, die nur noch die Füße freiließen: fast 16 Jahr, eine Knospe, die sich dem Leben erschloß O, wie Eveline sich an die Zeit erinnert, unwillkürlich greift sic nach ihrem Tagebuch und liest:
. . . Also Mama hat endlich eingewilligt, es wird getanzt. Natürlich ein Nachmittagsball, aber doch ein Ball mit einem Kotillon! Papa, der immer neckt, meint, es wäre nur ein Kinderball. Aber es find auch Erwachsene eingeladen. Wenn er nur kommt. . . vielleicht macht er sich nichts daraus ... ich will ihn morgen fragen . . .
.... „Er hat zugesagt, o, wie ich ihn liebe. was ziehe ich nur an, um ihm zu gefallen . . . rosa? Mit vielen Schleifen ... ob Mama das erlaubt? . . ."
„Erst wollte Mama nicht recht, aber nun habe ich es doch durchgefetzt. Rosa Seidengaze, rosa Atlasfchuhe, und rosa Schleifen im Haar... er wird gewiß zufrieden sein. O! Wäre es doch erst Donnerstag, die Zeit vergeht so langsam!"
„. . . . Gestern war der Ball, und ich bin traurig! Es find eine Menge Erwachsene gekommen, und zuerst war ich auch sehr zufrieden. . . aber dann nicht mehr, er kam so spät ... ich tanzte gerade eine Polka, und wäre ihm doch so gern entgegengelaufen. Als ich frei war, habe ich ihn ausgefucht. Er plauderte mit Frau von Roucey! Wie schön die ist! Wenn ich ihr doch gliche, und mich auch so anziehen könnte! Onkel Max hatte mich nicht kommen sehen, und fuhr bei meinem „Guten Tag, Onkel Max" zusammen, als wenn ich ihm einen Schreck eingejagt hätte". „Ach Tu bist es, Käferlein." Ich muß ihm wirklich sagen, daß er mich nicht mehr so nennen soll, ich bin zu groß dazu. „Sieh, sieh," hat er dann gesagt, und mich angesehen. „Du siehst ja- tote eine Bonbonniere aus!" Ich habe bann weiter getanzt, aber Spaß hat es mir nicht mehr gemacht. Einmal ist Onkel Max in meine Nähe gekommen, er führte Frau von Roucey, ich habe wohl gemerkt, baß sie von mir sprachen, und habe auch verstauben, wie Frau von Roucey sagte: „Wissen Sie auch, daß bic Kleine niedlich wird?" Und er hat nichts geantwortet! Wahrscheinlich dachte er an die Bonbonniere. Aber ich werde mich rächen! . . . Vielleicht hat er auch Recht, es waren vielleicht zuviel rosa Bänder!"
Und Eveline schlägt die Blätter um, und liest weiter:
,;. . . . Nein! Das ist zu stark! Ich habe ihm doch ivirklich gezeigt, daß ich auf ihn böse bin, und nun fängt er ‘ schon wieder an. Merkt er denn gar nicht, daß ich ihn liebe. Er glaubt immer, ich fei noch ein kleines Mädchen . . . heute früh, als ich meine Ostereier aufstelle, wird mir eine große, weiße Kiste gebracht, darauf steht „Vorsicht" . . . rasch, rasch, mache ich sie auf, streue die Papierschnitzel umher und finde. . - ein großes, rosa


