Ausgabe 
2.4.1902
 
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In Norden stieg Wilm Jansen zn Tobias ein, der allein in seiner Wagenecke saß, Wilm trug einen schwarzen Flor nm seinen linken Arm.

Der alte Schiffer war furchtbar aufgeregt.Recht mutt bestahn. Ick hebb de Moordkeerl infaugen. Tat weetst, 't auuere geiht de Herrens in Emden an, [eggt nse Paster, t geiht di god, mien Jong?"

»Ja, so weit. Onkel is ja nu gestorben, un er hat rechtschaffen für mich gesorgt."

Jerst de Parre, denn de Quarre. Nu kann 't losgahn met de Frijeri."

Milin seufzte. Er hatte noch nicht einmal Ebbas Haus betreten dürfen.

Dat ward all god", tröstete Tobias.Als erst Jan Jürgens jien letzt Brod bakken is, denn hettt Hangen und Bangen vör ji ookn End."

Er hielt die Bibel aufgeschlagen auf seinen Knieen. Viertes Buch Moses Kapitel vierunddreißig. Von den Städten der Leviten, Freistätten und Totschlag", las Wilm Jansen.

Ihn erbarmte des alten Mannes, und er drängte die Worte zurück, die ihm auf den Lippen schwebten. Welt­erfahrener als Tobias Brecden, zweifelte er stark daran, daß Jan Jürgens zum Tode verurteilt werden würde.

In dem altertümlichen Amtsgebäude in Emden tagte das Gericht. In der Mitte des Saales thronte der Präsi­dent mit dem Staatsanwalt, dem Verteidiger und den nötigen Schreibern; links saßen die Geschworenen, rechts ine Zeugen.

Als der Angeklagte hereingeführt wurde, sahen seine Landsleute einander verwundert an; sie hatten Jan Jür­gens kaum wieder erkannt, so vorteilhaft sah er aus, sauber friesiert und nett gekleidet/ mit niedergeschlagenen Augen, manierlich, fast bescheiden, ohne eine Spur der viehischen Roheit, die ihn daheim von der Schulbank an gefürchtet

Auf die Frage, er ^ch schuldig bekenue, sagte er: "?ra=' gleich hinzu: er glaube wenigstens, daß

allev sich so verhalte, wie diese glaubwürdigen Zeugen aus- sagten; er selbst wisse allerdings von nichts.

Ter Präsident forderte ihn auf, den Vorgang zu er­zählen, wie er ihm vorschwebe.

Er sei an jenem Sonntagabend beim Eschenwirt ein­getreten, erklärte er, und habe dort getrunken, viel ge­trunken, um den Groll hinunterzufpülen, den er auf jemand gehabt habe und werter weiter wisse er eben nichts.

Ob er diesen Groll gegen Niklas Breeden gehabt habe? a

Nein. Gegen Wilm Jansen. Der hätte ihn ein paar Tage vorher beleidigt. Und er habe sich vorgenommen, ihn tüchtrg zu verhauen.

Nur zu verhauen?" warf der Staatsanwalt ein.

Ja. Das wäre seine Absicht gewesen. Dann aber habe er getrunken, und es sei ein Unglück: wenn er trinke, wisse er von nichts mehr. Dann sähe er Blut und dann rniisse er Mnand umbringen, beit nächsten besten, seinen liebsten Freund. Er wisse es eben nicht.

vor ^an ihm die Vorkommnisse der Nordener Mrmeß

Ja, da sei er auch betrunken gewesen.

, Ob er nicht doch auf Niklas Breeden Groll gehegt habe, ferner Base Ebba wegen?

Darüber wunderte sich Jan.Up Niklas Breeden? Herr Präsident, ntch en Spier. Nee. De was en Seel von en Mrnfchen."

Menn seine Thai ihn aufrichtig reute, warum er sich ruckst sofort dem Gericht gestellt habe?

Er wäre wie von Sinnen gewesen, als er begriffen hatte, was er eigentlich angerichtet habe. Es wäre ihm nicht möglich gewesen, Tobias in die Augen zu sehen, irgend einem seiner Landsleute. Da sei er blind und toll davongerannt. Und nachher nachher habe er sich ge­schämt, umzukehren.

Auch der Zettel, der unter Ebbas Fenster gefunden worden war, kam zur Sprache.

Jan leugnete nicht, daß er von ihm herrühre.Man t was dumm Tüg, Herr Präsident!" .Er hätte schlechter gelebt als ein Hund, dabei habe er noch erfahren, wie seine Verwandte, die Ebba, der er sein Lebtag herzlich zugethan gewesen sei, sich anstelle, als ob sie sich Gott weih welcher

Schandthat von ihm versehen müsse, und ihm das!Schlimmste wünsche. Das habe ihn geboßt und er habe dem albernen Ding einen Possen spielen wollen. Das sei aber auch alles. '

Durch seine gelassene, fast gewählte Rede erreichte er es, eilten weit günstigeren Eindruck auf die Geschworenen zu machen, als das blasse, hagere Mädchen mit den dunklen Schatten um die Augen, das höhnisch, leidenschaftlich, ver- achtüch gegen seinen nächsten Blutsverwandten zeugte, als! alle diese knorrigen, stadtfremdeii Jnselfriesen, die ein Bündnis oes Hasses und der Rachlust gegen ihren ange- klagten Landsmann geschlossen zu haben schienen.

Der Präsident rief den Vorsteher auf, um auszusagen über Jan Jürgens Vorleben und Charakter.

En Leegenbüdel, Herr Präsident; en niederträchtigen Keerl, en rechten Schuft. Nich een god Haar is an den Minschen."

Ein Lotterbube", versicherte der Pastor auf Befragen, . »voll von Gewaltthat, Tücke, Grausamkeit, Trunksucht, Rach­gier und feiger Verstellung. Als kleiner Junge ergötzte er sich damit, Katzen bei lebendigem Leibe zu braten und jungen Möiven die Augen auszustechen"

Der Verteidiger unterbrach hier: Niemand frage nach Knabenstreichen. Ob der Herr Pastor dem Erwachsenen eine unsittliche Handlung nachsageti könne?

Ja! Rohheit, Gewaltthat, Mord, wiederholte Be­drohung."

Dazu schütelte Jan Jürgens wehmütig den Kopf.Ick weet nid), worum de Herr Paster mi so slecht makt."

Darauf redete der Staatsanwalt. Er faßte die Urteile derjenigen zusammen, in deren Mitte der Angeklagte auf» gewachsen war; er verwies auf seine Vorbestrafung. Seiner Ansicht nach war das Verbrechen ein wohlüberlegter Mord, Nur in der Person hatte Angeklagter sich vielleicht geirrt. Vielleicht! Ausgeschlossen war es keineswegs, daß der Streich, der Niklas Breeden fällte, auch wirklich Niklas! Breeden galt. Die durchaus glaubwürdige Zeugin, Ebbaj Jürgens, versicherte unter ihrem Eid,' daß ihr Vetter ge­schworen habe, jeden Mann umzubringen, der um sie freie. Die besinnungslose Trunkenheit, auf die der Angeklagte poche, sei nun vollends eine sehr durchsichtige Lüge. Sie habe ihn nicht gehindert in Nacht und Dunkelheit, das in einem Holzstall hinter eingeklinkter Thür aufbewahrte Beil des Eschenwirts zu finden und für seinen Zweck mitzu­nehmen. Ein besinnungslos Betrunkener hätte über die umherliegenden Holzstücke unfehlbar stürzen müssen, konnte auch nicht jemand vom Dorf zum Strand, vom Strand zum Leuchtturm verfolgen, den Flüchtenden, einen kräftigen, elastischen Mann, einholeii und ihm mit einem einzigen wuchtigen Schlag den Schädel zerschmettern, tote es hier geschehen war. Er wollte auf Mord erkannt wissen, vor­bedachten, wohlüberlegten Mord mit Ausschluß aller und jeder mildernden Umstände und beantragte die Ver­urteilung zum Tode, eventuell zur längsten zulässigen Zucht­hausstrafe.

Ganz anderer Ansicht war der Verteidiger, und er zweifelte von Anfang iiicht, daß die Herren Geschivorenen seiner Meinung beitreten würden. Er ging zurück in die, Kindheit des Angeklagten. Früh verwaist stand der arme Junge inmitten einer Schar von Verwandten und Nachbarn, die eine unbegreifliche Abneigung gegen das hilflose Kind an den Tag legten. So erklärte sich die Kluft zwischen dem Angeklagten und seinen Landsleuten.Und nun, meine Herren Geschworenen, denken Sie sich diesen ohne Eltern­zärtlichkeit aufgewachsenen Menschen, dessen Gemüt ver­härtet ist durch zahllose, unverdiente Kränkungen, der erwiesenermaßen erblich, belastet ist mit krankhaftem Jäh­zorn, denken Sie ihn sich zurückgestoßen, verachtet, verspottet, von dem Mädchen, das er liebt, in feiner übermenschlichen Aufregung, beschimpft, beleidigt von einem bevorzugten Nebenbuhler, wird er nicht blind und toll um sich 'chlagen in der Hilflosigkeit seines Schmerzes, seiner Mut? Denn, meine Herren Geschworenen, Sie müssen sich be- 'tätidig vor Augen halten, daß weder dem Gemüt noch dem Verstand meines Klienten die Pflege geworden ist, die Staat und Gesellschaft ihm schuldig waren, die allein einen Menschen befähigt, die ihm angeborenen Leidenschaften zu bändigen. Wer dieses Zügels entbehrt, den nenne ich hilf­los im eminentesten Sinne des Wortes, und unterliegt er den Versuchungen des Lebens, so beklage ich ihn, ich ver­damme ihn nicht. Seine Schuld ist die Schuld derer, diel