Nr. 49.
Mittwoch den 2. April.
1902.
MM
v
-aimimii
knn du die Richter auch mit Kunst für dich gewannst, Was hilft cs, wenn du selbst nicht los dich sprechen kannst? Rück ert.
(Nachdruck verboten.)
Tobias Breeden.
Von Luise Westkirch.
(Fortsetzung.)
Unerwartet, int letzten Augenblick, bog Tobias aus, sodaß der blind Einherstürmende durch seine eigene Wucht, die den ertoarteten Widerstand am Körper des andern nicht sand, ins Taumeln geriet. Ta packte er ihn von der Seite und entwand ihm das Messer. Sie rangen — stumm, verbissen, in glühendem Haß auf dem öden Eiland, unter dem tiefhängenden Himmel. Und nur der heulende Sturm war Zeuge, nur die wildrauschende, kampsesfroh« See, die ge- spensterhaften Gerippe der gescheiterten Schiffe und die grell kreischenbett Möwen, die, neue Beute toittenib, mit klatschendem Flügelschlag über ihren Häuptern kreisten. Lange rangen sie. Jan Jürgens Hünenstärke war geschwächt durch ein elendes Flüchtlingsleben. In des alten Mannes Brust aber stieg das Bewußtsein des unersetzlichen Verlustes, die Erinnerung an eine wochenlange, vergebliche Jagd mit elementarer Gewalt empor, sobald er ben Leib des Mörders unter seinen Fingern spürte. Die Erbitterung verzehnfachte seine Kraft, machte seine Muskeln zu Stahl.. Er rang Jan Jürgens nieder.
Er drückte sein Knie ans des Ueberwundenen Brust. Und nun kam die große Versuchung über ihn. Vor seinen Augen tanzten Funken, seine Hände krampften sich um den Hals des Buben.
Jan Jürgens röchelte, blau int Gesicht.
„Mörder — Mörder —!"
„9iee-, sagte Tobias, sich besinnend, „bat 's tntett Meenung nid). Ick will 'n Hangmann nich bedreegen." Und mit dem Fuß zog er die zu Boden gefallenen Stricke heran und fing an, den Daliegenden zu binden.
Jan sah ihn verwundert an. „Wat schall dit behüben?" „Tu mußt na Emden, Jan Jürgens." „,Na Emden?"
„Use Paster Hel mi swören laten, dal ick nich sölvsten Gericht Hollen Wall, un bat was god. Tu schallst na Emden."
„Man üntnter to! Ick hebb ’r nix gegen. Meenst, ick harr dit Leven nich satt? In Emden hebbt se 'n Dach övern Kopp un to Middag ne Mahltid."
„Loop to!" kommandierte der Alte.
Jan wandte sich mit frechem Lachen. Als er in die funkelnden Augen seines Begleiters sah, schwieg er und ging.
„Bliv stahn." Tobias zog die Stricke um des Gefangenen Füße fest, oaß er hinfiel und sich nicht rühren konnte. „Ick haalt't Boot."
Jan schielte die schaumbedeckte See an, den tiefhängenden Sturmhimmel, von dem die Dunkelheit sich herabsenkte wie ein schwarzes Tuch.
„Emden lopt die nich weg, Tobias. Töw bet Morgen..
rode Voß hett nti. Wurst UN Sluck kosteten. Brmck'st blot ut'n Sand ruttobuddeln — ick wies' di't —"
Tobias war schon int Wasser. Watend, schwimmend erreichte er sein Fahrzeug und brachte es höher auf den Strand. Er zerrte seinen Gefangenen vom Boden aus und warf ihn über Bord vorn ins Schiff .. „Repp un röhv di. nich!"
Tiesmal halte Tobias den Wind für sich. Mit der Geschwittdigkeit eines Eilzuges sausten sie dahin. Er hielt nicht quer zum Pächter Haus hinüber. Er legte sein Boot gerade vor den rasenden Sturm und ließ sich die Küste entlang treiben bis zum Torf. Nach zehn. Minuten warf er Anker auf der Reede.
Ter Wagen beS- Eschenwirts fuhr schon ins Wasser, ihm entgegen; er brauchte bie Flagge nicht zu hissen. Der Pächter hatte von bes Alten tollem Wagstück erzählt. Nun stauben die Eiländer gebrängt am Wattstrand und sahen oas Schifflein daherfliegen. Und lauter unb lauter lief die Mär von DJlttnb zu Mund in Freude, in Bewunderung: „’t sünd ’r. Twee. in’t Boot. He hett ent! He bringt em! Oll Tobias hett Jan Jürgens to faaten kregen!"
Zwanzig Fäuste zerrten den Mörder vom Wagen. Sie sperrten ihn in die Kirche. Fünf hielten Wache. Der Schulmeister, der zugleich den Postdienst besorgte, mußte noch in der Nacht nach Emden telegraphieren, damit Schutzleute kämen, um den Verbrecher in Empfang zu nehmen.
„Gott Helpt de, de sik sülvenst Helpt", sagte Tobias zu. denen, die ihm beglückwünschend die Hand drückten..
Tie Kniee wankten unter ihm. Jetzt erst fühlte er bie übermenschliche Anstrengung. Aber obgleich er dem Umsinken nahe war, klopfte er auf dem Heimweg doch erst an Mutter Marinkos Fenster.
„Lütt Ebba, uu hebb keen Angst mihr. Jan Jürgens sitt in Nummer feier. Ick hebb 'm to faaten kregen."
Und er nickte befriedigt vor sich hin. „Ick mutt ehr Webber froh maken. Nun kannst tofreden fien, Niklas Brö'er!" —
Aber bas Mädchen blieb scheu, schweigsam, von krankhafter Furcht gequält ben ganzen, langen Winter hindurch:
Im Frühjahr kam Jan Jürgens Sache vor bas Schwurgericht in Emden. Tie Voruntersuchung hatte sich glatt abgewickelt. Der Sachverhalt lag klar, und ber Angeklagte! war geständig. So würben auf einen Tag int März sämtliche Zeugen ber Insel zur Verhandlung geladen: Tob tas, der Vorsteher, ber Geistliche, Mutter Marinko, Ebba, die. rote Trina, der Eschenwirt mit seiner Frau,


