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beobachtete er wie bisher ein hartnäckiges Schweigen, so daß es dem Präsidenten trotz seines Trängens und Zuredens nicht gelang, dasselbe zu brechen. „Ich habe nichts zu sagen, ich will nichts sagen, ich werde nichts sagen." Das Publikum war enttäuscht, und ein Flüstern ging durch den Zuhörerraum. Bis dahin hatte man sich immer noch gesagt: „Bis jetzt hat er wohl noch nicht gesprochen, aber in der letzten Stunde wird er schon reden", und jeder hatte irgend eine pikante Enthüllung erwartet. Infolge Lieser Enttäuschung war man versucht zu glauben, er hätte überhaupt nichts zu entdecken, und keiner war ihm dafür dankbar oder bewunderte ihn, geschwiegen zu haben. Nach^ dem man ihn zuerst auf den ersten Mick für einen sehr- hübschen Jungen von vollendeter Tistinktion gehalten hatte, warf ihm jetzt der weibliche Teil des Auditoriums, der stets zu Widersprüchen geneigt ist, seine Zurückhaltung und ferne zu große Kälte vor. Man hätte ihn lieber etwas erregter gesehen; — er Hütte die Fragen des Präsidenten mrt weniger Trockenheit beantworten, — er hätte in der Kehle, ja sogar manchmal auch in den Augen Thränen haben sollen. Tas wäre viel interessanter gewesen. Eine sehr bekannte Tame aus der Lebewelt flüsterte ihrer Freundin folgende Bemerkung ins Ohr: „Es ist ein ganz hübscher Anfänger. Er spricht ganz richtig, nur agiert er beinahe gar nicht; matt könnte ihn für ein Stück Holz halten." Es war ihr, als befände sie sich in einem Theater, wo der Künstler Thränen und Lachen entlocken muß, wo er es bis aufs Aeußerste ankommen lassen muß, um seinen Efiekt zu produzieren. Sie konnte sich nicht da hinein denken, daß Herr von Sempach vor dem Gedanken zurückschrecken mußte, diese Menge und Zuhörerschaft zum Zeugen ferner Gefühle zu machen. Wer konnte wissen, was in ihm letzt vorglng, welcher! Muts und welcher Kraft er bedurfte, sich so zurückzuhalten, um Herr über sich selbst zu bleiben, um nrcht selbst weich zu werden, um nicht die anderen weich zu machen! Vielleicht war Bertha Rakenins die Einzige, die ihn verstand, die ahnte, was er jetzt leiden mußte .
(Fortsetzung folgt.)
Frauenberufs- und Heiratsfrage.
Unter den Ursachen wirtschaftlicher Art, welche die Frauenberufssrage hervorgerufen haben, steht die Heiratsfrage an erster Stelle. Es ist eine unbestreitbare Thatsache, daß weitaus die meisten Frauen nur deshalb einen auf Erwerb gerichteten Beruf ergreifen, weil sich ihnen keine Gelegenheit zur Heirat darbietet und sie infolgedessen gezwungen sind, sich selbständig ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Ter Ueberschuß an unverheirateten Frauen wird Sm Teil bedingt durch die ungleiche Verteilung der Gelechter aus der Erde. Während beispielsweise in Britisch- Jndien gegen 6 Millionen Frauen zum Gleichgewicht der Geschlechter fehlen, ist in den Kulturstaaten Europas ein Ueberschuß von 4% Millionen Frauen vorhanden; für Teutschland allein ist durch die Volkszählung vom 1. Dezember 1900 ein Ueberschuß von fast einer Million Frauen festgestellt worden.
Tie Ursachen dieser Erscheinung sind nur teilweise erkennbar. Ein großer Ueberschuß an Frauen war schon in den Städten des Mittelalters vorhanden, doch machten sich damals die wirtschaftlichen Folgen nach nicht so bemerkbar, weil ein großer Teil auch der unverheirateten Frauen rn der Hauswirtschaft Verwendung fand. Im Lause des 19. Jahrhunderts ist das Mißverhältnis jedenfalls verschärft worden durch die Auswanderungen, die zu zwei Drittel Männer und nur zu ein Drittel Frauen aus Deutschland fortführten, woraus sich dann auch wieder die Ueber- zahl der Männer in den Kolonialländern erklärt. So fehlen z. B. in Nordamerika eine Million Frauen; allerdings nur noch in dm jüngeren, westlichm Gebieten, in den alten Oststaaten besteht schon Frauenüberschuß. Neben der zahlreicheren Auswanderung der Männer wird der Frauenüberschuß auch durch die größere Sterblichkeit der Männer, hervorgerufen durch gefährltche und aufreibende Berufe, Kriege usw., begünstigt.
, Mehr noch als durch den natürlichen Frauenüberschuß wird aber die Heiratsfrage beeinflußt durch die Ehelosig- kett der Männer: die Männer heiraten in Teutschland durchschnittlich 2i/2 Jahre später als die Frauen, im Alter von 30—50 Jahren sind noch 15 Prozent der Männer ledig, totb im Alter von 50 und mehr Jahren sind 8 Prozenit
Junggesellen. . Ob, wie vielfach behauptet wird, das 19. Jahrhundert tm Vergleich zum 18. eine Abnahme des Hei- ra ens überhaupt gebracht hat, läßt sich statistisch nicht seststellen, Wohl aber, daß tn der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts, ungeachtet einzelner Schwankungen, je nach dm Jahren wirtschaftlichen Aufschwunges und wirtschaft- lrcher Krrsis, dre Heiratshäuftgkeit im ganzen die gleiche geblieben ist. In den letztm Jahren ist sogar, hervor- Zerufm durch das Bundesgesetz von 1868, welches alle polizeilichen Beschränkungen der Eheschließung aushob, sowie durch die bei der Arbeiterschaft das frühe Heiraten begünstigende Freiheit der Erwerbsthätigkeit und dieJndustris^ entwickelung eine Vermehrung der Jungheiraten bei der Jndustriearbeiterschaft eingetretm. Wenn trotzdem dis Heiratsziffer im ganzen nicht gestiegen ist, so folgt daraus, daß die Heiratsziffer in den übrigen Bolksklafsen (vor allem m den begüterten Ständen) abgenommen haben muß. Taß in der That vor allem die begüterten Stände es sind, in denen die Eheschließung später und seltener geworden ist, liegt nahe genug: wie die Heiratsstatistik angiebt, heiratet heutzutage der Fabrikarbeiter früh, der Beamte spät; da ist es wahrscheinlich, daß gerade dieser Unterschied sich m den letzten Jahrzehnten verschärft hat. Umsomehr muß man, wenn tncm die für das ganze Volk geltenden Zahlen der Heiratsstatistik betrachtet, sich stets bewußt sein, daß die Heiratsziffer der begüterten Stünde thatsüchlich noch viel ungünstiger ist.
Interessant ist es, den Gründen dieses Unterschied«« nachzugehen. Nach Ansicht von Tr. Robert Wilbrandt, welcher die uns bier beschäftigende Frage in dem von ihm bearbeiteten vierten Teile des Handbuches der Frauenbewegung (herausgegeben von Helene Lange und Gertrud Baumer) eingehend behandelt, liegen die Gründe weniger ur der Verschärfung des Kampfes ums Dasein durch die Bevölkertingsvermehrung und im Mitverdienen der Frau, das manchem Arbeiter die frühe Heirat erleichtert, als vielmehr in dem frühen Verdienst des Industriearbeiters und in der langen Berufsvorbereitung und der oft noch längeren unbezahlten Wartefrist in den höheren Berufen. „Tas vollberufsmäßige Mitverdienen der Frau ist im Proletariat, wenigstens in dessen oberen Schichten, doch noch die Ausnahme: es geschieht zwar mehr, als die Statistik angiebt, aber bis jetzt nur bei der Minderzahl. Auch der durch die Bevölkerungsvermehrung verschärfte Kampf ums Dasein kann daher nicht der Grund des späten Heiratens rn den oberen Klassen sein; sonst müßte er im Proletariat, das von dem Kampf ums Tasein so viel mehr zu leides hat als die begüterten Klassen und nicht allgemein durch Miterwerb der Frau in anderer Lage ist als jene, zum mindesten dasselbe bewirken. Allerdings kann man einwenden, daß im Proletariat, Ähnlich wie bei den der Natur noch näheren Völkern, oft leichtsinnig geheiratet wird, während in anderen Gesellschaftsklassen die Ueberkultur eine kluge Vorsicht bewirkt. Aber mindestens ebenso wichtig erscheint der allgemeine Zudrang zu den Beamtenstellungen und vor allem zu den gelehrten Berufen. Es ist Sitte geworden, zu studieren, auch ohne besondere Neigung und Begabung, nur weil das „Studieren" als standesgemäß, als ein angenehmes und geehrtes Los erscheint. Dadurch ist m den überschätzten gelehrten Berufen „Uebervölks-' rung", verschärfter Kampf ums Tasein und um die bevorzugten Plätze entstanden. Ter Staat hat dieses Ueber- angebot mit gering und spät beginnenden Gehältern bs- äntwortet: spätes Heiraten ist die notwendige Folge. Ta« kommt das schnelle Reichwerden in den minder geehrten, rein auf Gelderwerb gerichteten Berufen; das hat einen wachsenden Luxus, eine Verehrung des Geldes auch bei den anderen Berufen erzeugt. „Feudales Auftreten", sagt Wilbrandt zutreffend, „ist selbst in der Studentenschaft an die Stelle des idealistischen Schwärmens getreten; um so werter leben zu können, wird die Heirat hinausgeschvben oder nach Geld geheiratet. Statistisch feststellen läßt es sich nicht, aber ein Blick auf den Anzeigenteil eines großstädtischen Mattes zeigt, wie sehr das Geld die Hauptsache auf dem „Heiratsmarkt" geworden ist. Wo es zu wählen grebt zwischen Geldheirat und Ledigbleiben, da sind es nicht die Schlechtesten, die das zweite vorziehen."
Welchen Umfang bei uns in Teutschland die Ehelosigkeit der Frauen erreicht, das spricht sich in folgenden Zahlen aus, die für das ganze Volk gelten. Von 100 Personen weiblichen Geschlechts im Alter von 16—30 Jahren sind


