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ag, unterhalb der Bank für Verteidiger saß, daß er sie
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: „Hat Franz mit hen?"
»der eine Verurteilung?"
„Tas kann man mit Bestimmtheit nicht immer sagen. Tie Geschworenen haben oft ihre ganz besonderen Eigenheiten. Aber die Rechtsanwälte täuschen sich selten-"
„Tas wäre wichtig zu wissen" murmelte sie, ohne daß er es hörte. Tann begann sie von neuem: „Hat Franz mit Dir über die Gräfin Doroukoff gesprochen?"
,^Ja, nur einen Augenblick."
„Ist er immer noch entschlossen, zu schweigen?"
„Mehr als je."
„Und sie? — Tu siehst sie so oft, Tu bist sehr befreundet mit ihr. Tu kennst ihren Gedankengang. Sie hat wohl ihre Absicht noch nicht geändert, nicht wahr? Sie würde selbst schweigen, wenn sie die Gewißheit hätte, daß er verurteilt würdet
probieren, man muß zuerst wissen, auf welcher Seite dre öffentliche Meinung steht. — Na, laß uns von etwas anderen: reden. Tu Wirst Wohl der Verhandlung ber- K-ohnen?"
Mill Dich Deine Schwester dahin begleiten?"
„Ja. Ich habe schon von der Staatsanwaltschaft eine Eintrittskarte erlangt."
„Sage ihr, sie möge nur ruhig blerben, was auch immer geschehen mag. Sie soll vor der großen Menge nichts von ihrer großen Freundschaft, die sie für mich hegt, verraten, und sag ihr insbesondere, daß ich von ihrer schwesterlichen Liebe zu mir tiefgerührt bin. Sie macht es mir leichter, diese schweren Tage zu überstehen."
„Ich will ihr alle Deine Worte ausrichten," „Hast Tu dieser Tage die Gräfin gesehen?" „Ja", murmelte Georg undeutlich.
„Tu bist wirklich ein unglücklicher Mensch. Dir, memem besten, meinem einzigen Freunde kann ich's ja gestehen.: gewiß läßt mich das Glück, das ich empfinden würde, mein Gefängnis zu verlassen, ein Leben zu leben wie jeder andere, und besonders die Sorge um meine Ehre es lebhaft wünschen, freigesprochen zu werden; aber der Gedanke, daß es mir dann meine Freisprechung ermöglicht, sie wiederzusehen und die Vergangenheit dort wieder aufzunehmen, wo ich sie gelassen habe, — dieser Gedanke beherrscht alles und ist stärker als alles. Ter erfüllt mich mit Seligkeit Und erhellt meinen Kerker wie goldstrahlendes Sonnenlicht."
Bleich und erregt hörte Georg seinen Worten zu, ohne ein Wort erwidern zu können, und litt dabei furchtbare Qualen. Doch fand er wenigstens den Mut zu bemerken:
„Tu würdest sicher freigesprochen, wenn sie redete. Noch iß es Zeit. Willst Tu, daß sie es thut?"
„Nein und tausendmal nein, um keinen Preis der Welt. Hat sie Dich wiederum beauftragt mich dies zu fragen?"
„Ja", antwortete er, glücklich, lügen zu dürfen, um ihn etwas aufzumuntern.
„Sag ihr, daß ich ihr vom Grunde meiner Seele Hanken lasse, aber daß ich es nun und nimmer annehme."
Georg Rakenius verließ seinen Freund tieftraurig und voll Verzweiflung. Dessen letztes Geständnis hatte ihn tief erschüttert. Tie Liebe Sempachs war in seiner Wgefchlossen- heit, in seinem Unglück und feiner trostlosen Einsamkeit nur noch gewachsen. Wenn er freigesprochen wurde, was sollte dann aeschehen? Georg durfte nicht daran denken und verbau nie mit aller Gewalt die zerfressenden Gedanken von Eifersucht, die in seiner Seele emporstiegen.
Nach Hause zurückgekehrt und von seiner Schwester sofort befragt, mußte er ihr einen Teil seines Gespräches mit Sempach wiederholen und betonte mit Vorliebe alle jene Punkte, die Minna betrafen. Ein Punkt schien ihr besonders ausgefallen zu sein.
„Also meint der Rechtsanwalt des Herrn von Sempach", efie, „daß man sich während der Verhandlung über den uck Rechenschaft geben kann, den der Angeklagte aus Publikum und Geschworene macht, — ob er ihnen sympathisch ist oder nicht?"
„Gewiß riechen sozusagen die großen Rechtsanwälte des Gerichts auf Grund verschiedener Geräusche und Stimmen, einer gewissen Fühlung zwischen Angeklagten und Publikum, verschiedener elektrischer Strömungen, die durch den Saal gehen, auf wessen Seite sich die öffentliche Meinung hinneigt."
„Also", sagte sie, „können sie im letzten Moment nach dem Ende der Verhandlungen sagen: Das ist ein Freispruch
elegant angezogen.
Nach einer Verbeugung gegen das Haus und die Geschworenen ließ er einen langen Blick über die Zuhörerschaft schweifen, erkannte auch so manchen seiner FFeunde und Genossen, doch er verriet in nichts das Erkennen. Ein kaum bemerkbares Lächeln verriet Fräulein Rakenius,^ die^ aus besonderer Gunst im ersten Rau die Rechts anwälte, neben dem 9 . ...
„Er will nicht, daß sie spricht."
„Und Tu willst es auch nicht", schleuderte sie ihm ins Gesicht und warf ihm einen Mick voll Schmerz, Vorwurf und Erregung zu.
Ohne ein Wort weiter zu verlieren, verließ sie ihren Müder.
56. Kapitel.
Tie Verhandlungen in dem Prozeß, der von den Zeitungen und der Oeffentlichkeit schlechthin „das Verbrechen der Ausgburger Straße" genannt wurde, begannen am 17. Januar.
Seit früher Morgenstunde drängte sich eine Menge Neugieriger mit oder ohne Eintrittskarten vor den Eingängen des Moabiter Justizpalastes. Sie war aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzt, doch die feinere Welt und das weibliche Geschlecht war überwiegend. Dieser Prozeß war keiner von denen, die die gemeine Masse, das Gros ves Volkes hinreißen, das sich nur für schwere Verbrechen und für heftige, theatralische Bewegungen undGesten interessiert. Es war besonders von Interesse für ein feineres Publikum, das mehr empfindsam als begierig war, verdorben, aber durch elegante Laster verdorben, lüstern nach einem Skandal, aber nach einem etwas verschleierten Skandal, der voll Reserve und voll Kniffe war, der die Dinge mehr erraten ließ, als daß sie gesagt wurden. Es war nicht das Berlin, das heute zum Justizpalaste eilt, es war bloß das „Ganz-Berlin", das sich in die Gerichtsverhandlung begab, wie es sich in irgend eine Theater- Premiere begeben hätte, gern bereit, sich aufzuregen, eventuell auch zu meinen, aber auch zu lächeln, da es in dem guten Bewußtsein war, daß seine Nerven geschont würden, daß man ihm Entsetzen und Aufregung ersparen werde.
Tie Frauen, versehen mit Eintrittskarten, waren in der Mehrzahl. Schon zu früher Stunde stahlen sie sich in den Saal, auf ihre reservierten Plätze, dann überfluteten sie bald die Zeugenbänke, und einige versuchten sogar, sich in die Rechtsanwaltsbank einzuschleichen. „Nur ein kleines Plätzchen, meine Herren", wisperte kokett lächelnd etne sehr hübsche Schauspielerin, „ich trage einen Rock so gut wie Sie."
Auf die Tribüne des Hintergrundes, hinter den für den Gerichtshof bestimmten Plätzen, setzten sich nach und nach einige Staatsmänner, Amtspersonen in städtischer Kleidung, und Lebemänner, die größtenteils den großen Mrliner Klubs angehörten, namentlich dem Künstlerklub, dem die Geschichte ganz besonders naheging, da der Angeklagte Herr von Sempach eines seiner bekanntesten Mitglieder gewesen war. Mit einem Wort: es war das Publikum einer großen Premiere.
Erst um halb zwölf Uhr befahl der Präsident, den Angeklagten vorzuführen. Er erschien bleich, aber gefaßt, mit hocherhobenem Haupte, jedoch ohne Geziertheit — in einem schwarzen, zugeknöpften Gehrock und einer dunklen Hose,
erkannt hatte. ,,, , _
Tie Fassung der Anklageschrift war wesentlich verändert. Franz von Sempach hatte sich vor der Jury nur gegen die Anklage zu verantworten: „Messerstiche und Verwundungen, die mit Absicht, ohne Zwang, beigebracht waren, die aber keine Wsicht in sich schlossen, den Tod herbeizuführen, diesen jedoch beschleunigt hatten."
Auf dieses Verbrechen stand die Strafe des Zuchthauses auf ein bestimmtes Zeitmaß, aber infolge einer anderen Bestimmung des § X, modifiziert durch das Maigesetz, konnte der Gerichtshof im Falle der Annahme mildernder Umstände, an Stelle des Zuchthauses eine Kerkerstrafe bis fünf Jahre Maximum, zwei Jahre Minimum, verhängen. Nach Aufnahme der ersten Formalitäten und nachdem sich alle Zeugen zurückgezogen hatten, befragte der Prä-? sident den Angeklagten.
Anfangs beantwortete er die an ihn gestellten Fragen ohne Zögern, ohne Verwirrung, doch mit kurzem Tonfall, in etwas trockenem Tone. Aber als man zu der Frage kam, wie er den Abend des Mrbrechens verbracht hatte,


