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(Nachdruck verboten.)

Die Viper.

Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-

(Fortsetzung.) 55. Kapitel.

Ter Tag, der nicht allein von dem Angestellten Sanft­lebens, sondern auch pon Franz von Sempach, Georg Ra- kenius, seiner Schwester und der Gräfin Doroukoff unge­duldig und sehnlichst erwartet wurde, kam endlich heran.

Minna verließ zur abgemachten Stunde dicht ver­mummt und verhüllt, das Haus, ging nach dem Potsdamer Bahnhofe und fuhr mit dem Halbelfuhr-Zug nach Potsdam, ohne scheinbar bemerkt zu haben, paß mehrere Personen, die sie auf Schritt und Tritt verfolgt hatten, gleichzeitig mit ihr in verschiedene Waggons gestiegen waren.

In Potsdam bog sie sorglos und vergnügt, die Frische Lust in vollen Zügen einatmend, von einer Straße in die andere, bis sie in der einen der Königstraße einen Moment eine Hausnummer zu suchen schien und endlich vor einem Hause von sehr anständigem Aussehen stehen blieb.

Sie zog die Portierklingel und verschwand in dem Hause, sobald man ihr geöffnet hatte. ,Sie hatte sich vor dem Eintreten nicht einmal umgewendet, um sich etwa zu überzeugen, ob ihr jemand gefolgt war.

Tret Stunden vergingen. Tie Angestellten Sanft- lebens, sowie dieser selbst, die auf verschiedenen Stellen Posten standen, und beobachteten, hatten niemand das Haus verlassen sehen. .Es blieb verschlossen, in tiefe Ruhe ver­sunken, diskret, gleichgiltig gegen den Lärm der Außen­welt, ohne selbst ein Geräusch zu machen. Doch im Lause des Nachmittags endlich öffnete es sich wieder ganz sachte, Ium Minna herauszulassen, die eiligen Schrittes den Weg »ach dem Bahnhofe zurücklegte. .Sie kam gerade noch zu­recht, als der Dreiuhr-Zug aus der Halle dampfen wollte, Und schlüpfte noch rasch in ein Coups zweiter Klasse.

Präzise halb fünf Uhr war sie wieder in die Augsburger Straße zurückgekehrt und nahm ihren Dienst wieder auf.

Während die Beamten Minna bis nach Berlin folgten, blieb Sanftleben in Potsdam zurück. Sehr niedergeschlagen Nnd ohne jede Hoffnung wollte er, bloß um sein Gewissen zu beruhigen, Erkundigungen über das Haus einziehen, worin Minna einige Stunden zugebracht hatte. Es war von einer hochbetagten, alten Dame bewohnt, die noch dazu krank und gelähmt war. Sie hatte sich erst vor sechs Monaten dort niedergelassen, in der Meinung, daß ihr die Potsdamer Luft besser bekommen würde, als die von Ber­lin, wo sie bis dahin immer -gelebt hatte. Sanftleben gelang es, mit zwei von ihren Dienstboten zu sprechen: Ihre Herrin hätte eben den Besuch von Minna erhalten, ttnem vrav°n Mädchen, das früher in demselben Hause mit

ihr gewohnt hatte, nämlich in der Augsburger Straße 174, und deren muntere Frische, Leben und Geplauder die alte Dame immer etwas zerstreute.

Nachdem sich dies Sanftleben hatte von verschiedenen Setten bestätigen lassen, mußte er sich zuaestehen, daß es trotz des besten Willens von der Welt doch recht schwer sei, auf diese alte, achtbare, kranke und gelähmte Dame einen Verdacht der Mitwissenschast an dem Verbrechen in der Augsburger Straße zu hegen oder zu lenken. Er mußte auch gegen seinen Wellen zugeben, daß Minna ihren Herrn keinesfalls angelogen Hatter der von ihr angegebene Grund, um einen Urlaub zu erhalten, war em vollkommen reeller, und an diesem so lang ersehnten Tage, an dem man sie auf einem Fehler zu ertappen hoffte, war ihr Benehmen das anständigste von der Welt, würdig eines jeden Tugendpreises. Man hatte sich also umsonst in Un­kosten gestürzt, war ins Feld gezogen für nichts und wieder nichts. Die ganze Agentur Sarütleben, von ihrem eigenen Chef angeführt, war auch zu keinem günstigeren Resultat gelangt, als Hesekiel, der aus seine eigene Person ange­wiesen war. Daraus mußte man notwendig folgern: ent­weder hatte man Minna ungerecht verdächtigt, oder sie war von einer solchen Gerissenheit, daß man ihr das Verbrechen niemals nachweisen konnte.

Dieses Ergebnis am Vortage der Verhandlung mußte die Freunde Sempachs selbstredend tief niederschlagen. Mer es war notwendig, daß Sempach erführe, wonach er sich zu richten habe, und so mußte sich denn Georg entschließen^ sich zu ihm zu begeben.

Alle unsere Versuche sind mißglückt", sagte Georg, Sie haben sich sogar zu Gunsten dieses Mädchens ent­wickelt. Wer willst Tu denn nicht Deine Verdachtsgründe dem Gerichtshof mttteilen?"

Nein", antwortete er.Ich habe daraufhin meinen Rechtsanwalt befragt. Er hält es für besser, nichts zn sagen, wenn wir nicht im stände sind, etwas zu entdecken. Ein leerer Verdacht, ohne auf Beweise zu basieren, würde mir nur schaden. Tie Staatsanwaltschaft würde sich dar­aus eine Waffe gegen mich machen, und mich beschuldigen^ Zeugen zu verleumden, und das würde nur dazu dienen,: mir alle Sympathieen der Geschworenen und der Zuhörer­schaft zu rauben. Ich werde also auf dem einzigen Stand­punkt, auf den ich mich stellen kann, verharren: ich er­kenne die Schwere der gegen mich vorgebrachten Klagen an, aber ich könne aus den Und den Gründen nicht schuldig sein. Ich behaupte meine Unschuld und werde sie so laut Und mit solcher Energie behaupten, daß ich es vielleicht doch dahin bringe, meine Richter zu über­zeugen. Allerdings, falls das Stubenmädchen der Fran von Sanden in ihren Aussagen eine gewisse Grenze über­schreitet, dann werde ich sre von meiner Seite aus an­greisen, das ist auch die Ansicht meines Verteidigers^ Aber man kann da nichts von vornherein beschließen« Man mutz erst sozusagen die Luft bei Gerichtshofes aus^