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Haben Ausländerinnen auch tot der Konkurrenz teil­genommen?" fragte Georg.

Nein, die waren ausgeschlossen. Es hat sich bloß um die im Auslande lebenden Russinnen gehandelt."

Also ist die Gräfin eine geborene Russin?"

Jawohl; eigentlich stammt sie aus dem Kaukasus, halb Russin, halb Armenierin. Man sagt sogar, daß ihre Vorfahren, auch hochadlig, ungarischen Ursprungs waren. Es muß auch in ihren Adern noch etwas Magyarenblut fließen", fügte er lachend hinzu.

Also ein heißes, lebhaftes Blut? Ich frage blos wegen meines Porträts! Es ist ja noch lange nicht fertig, und ich kann dem Fleisch noch mehr Kolorit, der Farbe des Gesichts einen ausdrucksvolleren Ton verleihen."

Thun Sie es immerhin", riet der Graf.Der Teint Ihres Modells ist ein äußerst warmer. Ein sehr heißes, sehr ungetrübtes Blut scheint in ihren Adern zu pulsieren. Alles verrät eine brillante Gesundheit und läßt eine heiß­blütige Natur, die echte leidenschaftliche Magyarin vor- aussetzen. ... Ich spreche als Beobachter einem Künstler gegenüber, und da ist dies schon erlaubt zu sagen. Ich muß aber noch rasch hinzufügen, daß im Verhalten, in den Manieren der Gräfin nichts diese Heißblütigkeit, diese Leidenschaftlichkeit verrät. Denn sie ist von vollendeter Haltung und Zurückhaltung, vielleicht sogar sehr zu­rückhaltend in einer Zeit, wo sich viele anständige Frauen manche Redefreiheiten gestatten. Aber diese Reserve paßt eben zu ihrem strengen Gesicbtsansdruck, zu dem großen Ton, den sie führt, und zu der ganzen hohen Stellung, die sie einnimmt. Man begreift von ihrem Standpunkte aus, daß sie, um gewisse Dinge anzuhören, oder gar zu sprechen, zu sehr von ihrer Höhe herabsteigen müßte. Sie bleibt auf ihrem Platz, auf ihrem Piedestal, auf das sie ihre Geburt, ihr Reichtum und ihre beinahe göttliche Schönheit gestellt und erhoben hat."

Donnerwetter! Ist das eine Lobrede!" rief Georg lächelnd.Und verdient es der Graf, der Gatte eines solchen Weibes zu sein? Steht er auf gleicher Höhe mit dieser Gottheit?"

Er stand wenigstens auf ihr. Alles und jeder be­wunderte ihn vor fünf Jahren noch am Tage seiner Hoch­zeit. Er war ein blendender Kavalier, mit stolzen Mienen, und verstand seinen Namen und Titel auch würdig zu tragen. Denn durch irgend einen Anlaß des Kaisers Nikolaus I. haben er und seine Nachkommen das Anrecht aus das PrädikatDurchlaucht". Aber damals warf er seine letzten leuchtenden Strahlen, die Sonne versank, und er ist sehr rasch hinab in das Flachland gestiegen, wenn man den Posten eines Botschaftsrates in Berlin herabsteigen nennt. Gott, ich bitte Sie! Man heiratet nicht ungestraft im Alter von 45 Jahren nach langem, sehr bewegtem Leben eine Frau von 22 Jahren wie die, deren Bild wir Ihnen soeben entworfen haben."

Liebt er sie nicht mehr?" fragte Georg.

Es heißt, er liebe nur mehr, Whist zu spielen, doch in facto liebt er sie noch rasend. Man sieht ihn alle Tage gegen 5 Uhr den Diplomatenklub betreten; da findet er noch seine drei ständigen Whistspieler, und die Partie be­ginnt. Sie ist ganz verdammt hoch- nebenbei bemerkt, und es werden hohe Differenzen verzeichnet. Um sieben diniert er im Klub, selten zu Haus, und um neun beginnt die Partie von neuem, um bis Mitternacht zu dauern."

Nun, das muß ja für die Gräfin sehr angenehm sein, einen solchen Mann zu haben", rief Georg lachend.Hat sie zum Trost wenigstens Kinder?"

Nein, und alles läßt vermuten, däß sie «auch, keine mehr bekommt, jetzt nachdem die Sonne sank."

Ja, was macht sie dann mit ihren Wenden?"

Sie liest, zeichnet oder malt; denn sie ist Künstlerin Lurch 'amd durch, lieber Freund. Deshalb wird sie auch Ihr Bild, oder lieber Ihre mit Chic aus dem Kopfe ent­worfene Studie sehr verlocken, ich bin überzeugt davon."

Wgemacht, ich werde es ihr schicken", beschloß Georg.

Er war jetzt so gut als möglich unterrichtet und glaubte nun das Gespräch auf ein anderes Thema lenken zu können, um nicht den Anschein zu erwecken, sich zu sehr Mit der Gräfin Doroukoff zu befassen.

Man kehrte tiochuräts zu dem Gladiatorenkampf, der ja die Veranlassung zu dieser Zusammenkunft gegeben hatte, Kurück, um noch einen Blick daraus zu werfen, ließ noch einige Bemerkungen fallen, und bann trennte tnan sich.

Sobald der letzte seiner Gäste sich verabschiedet hätte, suchte Georg sofort seine Schwester auf. Er teilte ihr alles mit, was er herausbekommen hatte und schloß mit den Worten:

So, jetzt werde ich handeln!".

Ja, wie? Was willst Du thun?"

Ich werde mich unverzüglich zu ihr hinbegeben. Es ist 5 Uhr. Der Graf beginnt seine Whistpartie im Di­plomatenklub : er wird nicht stören."

Und Du glaubst, daß sie Dich empfangen wird?"

Gewiß, sobald ich ihr meinen Namen nennen lasse. Sie wird dann sehen, daß ihr die List an jenem Wend nicht gelungen ist, daß ich sie erforscht und herausgefun­den habe, und sie wird Angst bekommen."

Ich halte sie für keine Frau, die sich so leicht ein­schüchtern ließe. Sie wird Dir einfach sagen lassen, daß sie heute nicht empfängt, oder noch einfacher daß sie Dich nicht kennt, und Du bist dann gezwungen, einfach umzukehren._ Ich würde es lieber sehen, wenn Du hingingest, wenn sie Dich auffordert oder bittet, sie zu besuchen."

Auf ihre Bitte? Nimmst Tu denn an, daß sie--"

Warum nicht? Folge doch dem Rate Deiner Freunde und schicke ihr das Bild. Nur setze Deinen Namen darunter. Ter Anblick dieser Leinwand, Dein unterschriebener Name werden ihr einen heftigen Stoß geben. Sie wird sich sagen, daß Du vor keinem Schritt zurückschreckst, daß Du der Mann bist, zu wagen und zu wollen, daß sie mit Dir rechnen muß. Und dann wird sie Dich holen lassen; ich bin fest überzeugt. Verliere also keine Zeit. Unterzeichne Dich sehr leserlich und deutlich und schicke ihr unverzüg­lich das Bild. Du giebst dem Boten den Auftrag, es ein­fach abzugeben, ohne etwas zu sagen, gerade so, als wenn man es erwartete."

Und wenn sie wirklich die Absicht hat zu schreiben- wie soll sie wissen, wo"

Wo Du wohnst? Indem sie einfach im Adreßbuch nachsieht. Und schließlich wird ihr ja jeder Mensch die Adresse des Malers Georg Rakenius sagen können. Du bist bekannter, als Du glaubst, mein lieber Georg."

Er gehorchte ihr auch in diesem Falle, und eine Viertelstunde später verließ die Studie das Atelier von Halensee, um nach der stillen Voßstraße überzusiedeln.

Um 8 Uhr, als Georg eben sein Abendbrot eingenommen hatte, wurde ihm ein Brief übergeben, den ein Bedienter für ihn abgegeben hatte.

Er erbrach ihn sofort. Sein Inhalt lautete: Mein Herr!

Man hat bei mir ein Bild abgegeben, das Ihre Unterschrift trägt. Es ist jedenfalls zu verkaufen, und Sie haben vermutet, daß ich es kaufen könnte. Ich werde mich vielleicht dazu entschließen, doch müssen wir uns vorher über den Preis einigen. Ich weroe Sie heute gegen neun Uhr empfangen.

Hochachtend

Olga Doroukoff."

Was sagst Du nun?" fragte Georg seine Schwester, indem er ihr den Brief zeigte.Das ist geradezu unver­schämt."

.Was thut's? Du hast erreicht, was Du gewollt."

Das ist wahr."

Um 9 Uhr betrat Georg Rakenius das Palais der Gräfin Doroukoff.

25. Kapitel.

Menschen, die im gewöhnlichen Leben in der Regel schütztern sind, werden oft kühn, ja sogar oft verwegen, sobald sie den Entschluß gefaßt haben, ohne schwach zu werden, direkt aufs Ziel loszugehen. Dasselbe war der Fall mit Georg, der nun entschlossen war, in der Gräfin nur eine Frau seinesgleichen, wenn auch nicht durch Ge­burt, so doch an Bildung zu sehen der sich bei seinem Eintreten durch keinen Luxus, durch keinen Pomp, womit sich einige Existenzen umgeben, beirren lassen wollte. Der Künstler verschwand gänzlich, um dem Weltmanne Platz zu machen, der sich über nichts wundert, der es wenigstens nicht zeigt, der zwar oft, aber im Geheimen bewundert, ohne sich jedoch den Anschein zu geben, zu bewundern.

Dem Schweizer, dem Hüter des Palais, warf er seinen Namen hin, und sagte, daß ihn die Gräfin erwarte. Dann durchschritt er festen Schrittes, mit hocherhobenem Kopse den Hof und gelangte in ein riesiges Vestibül, wo man schott durch zwei Tam-Tam-Schläge seine Ankunft avisiert