Ausgabe 
1.10.1902
 
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Satte, Mehrere livrierte Diener des Grafen erhoben sich bei seinem Eintreten. Er wollte eben von neuem seinen Namen nennen, als ein Zimmerlakai, ganz in Schwarz, englisch geileidet, auf ihn zutrat, und ihm, während er ihm half, den Ueberrock abzulegen, zuflüsterte:

Ich habe den Befehl, den gnädigen Herrn zur Frau Gräfin zu geleiten. Wollte mir vielleicht der gnädige Herr folgen."

Er öffnete eine riesige Flügelthür, die in das Vestibül führte, und schritt Georg voran. Sie durchschritten einen Vorsaal und zwei große Salons mit hocheleganten Pla­fonds, die Wände sehr luxuriös mit Gemälden behängt. Hierauf hob der Kammerdiener eine Portiere, rief mit vernehmlicher Stimme:Herr Georg Rakenius!" und zog sich dann zurück, um den eben hierher geleiteten Besuch eintreten zu lassen. Georg trat ohne Zögern ein-

Er befand sich in einem viel kleineren Salon, als die, die er eben durchschritten, einer Art Boudoir, das ganz abgeschlossen und sehr kokett, wenn auch sehr überladen, eingerichtet war erhellt von einer einzigen Lampe, die ein Schirm aus Spitzen ganz verhüllte.

(Fortsetzung folgt.)

Georg Büchner in Gießen.

(Nachdruck verboten.)

An einem der ersten Tage des Oktobers im Jahre 1833 war es, da wanderte ein junger Student schweren Herzens, in der hessischen Universitätsstadt Gießen ein. Er hatte allen Grund, niedergeschlagen zu sein. Ihm blühte das Los vier Semester an einer Universität ver­leben zu müssen, die ihm in keiner Weise Ersatz für das bieten konnte, was er verlassen. Aus dem schönen Straß­burg kam er an die alma water, die man noch kurz zuvor als die rüdeste in Deutschland zu bezeichnen pflegte. Und wahrlich, man kann dieser Bezeichnung, so kraß sie auch erscheinen mag, nur zustimmen. Hatten sich auch in den Jahren, da Georg Büchner, denn dieser war der junge Stu­dent, als Hörer in den Büchern der Universität inskripiert war, manches gebessert, konnte man auch die Verhältnisse, die nur wenige Jahrzehnte vorher timt Christian Laukhard in seiner tragisch-komischen GeschichteEulerkappers Leben und Leiden" so trefflich und nichts verhüllend geschildert worden waren, als vergangen und glüMch überwunden bezeichnen, ein Abglanz jenes Renommistentums herrschte auch noch zu diesen Tagen, und Georg Büchner, der stets eine etwas verschlossene, weil zu tieferen Gedanken und Grübeleien geneigte Natur war, fühlte sich auch jetzt noch abgestoßen von dem Leben und Treiben der Gießener Stu­denten. Aus welch' anderen Verhältnissen kam er aber auch heraus! Trug er doch nicht nur die Erinnerung an die zwei in Straßburg verlebten, schönsten Jahre seines Lebens mit sich, ihn begleitete auch das Bild seiner Braut, die er verlassen mußte, um den Gesetzen seines Vater­landes Hessen zu genügen, die ihm ein zweijähriges Stu­dium an der Landesuniversität vorschrieben. Die Stadt des jungen Goethe, das ganz französisch gewordene Straß­burg, iu das ihn sein für französisches Wesen schwär­mender Vater geschickt, hatte er verlassen müssen und nun auf einmal hinein in das damals so kalte und nüchterne Gießen, doppelt kalt und doppelt nüchtern für den, der sich,, wie es bei Büchner der Fall, von dem ganzen aufdringlichen studentischen Leben der Zeit, so abgestohen fühlte. Dazu kam ein innerer Widerstreit, der dem Jüng­ling, Büchner stand als er nacy Gießen kam im zwanzigsten Lebensjahre, manch' bittere Stunde bereitete. Er war dem Wunsche seines Vaters folgend, sowohl in Straßburg, wie rn Gießen Hörer an der medizinischen Fakultät. Aber sein Herz zog ihn zu einem anderen Fach. Büchner war vne kein zweiter ein inniger Naturbeobachter und Lieb­haber der Natur. Für Naturschönheiten konnte der ernste, *xeJ angelegte junge Mann, sich im höchsten Grade be- gerstern. Und diese Begeisterung hatte ihn seine ganze ^ugendzert hindurch begleitet. Der Dichter vonDantons Jv-«. Ult$ t,on »Lenz", jener Novelle, in der die Natur- fchrlderungen an erster Stelle genannt werden müssen, war schon in seiner Heimatsstadt Darmstadt gerne in dre prachtvollen Wälder der Umgegend gewandert und hatte dort ganze Tage dem innigen und einsamen Beschauen der Natur und ihrer Schönheit gewidmet. So war sein ganzes Herz ber den Naturwissenschaften und ihnen wollte er seine

Kraft, sein ganzes Können widmen. Mer der Wille des Vaters hinderte ihn daran. Diesem kam es darauf an, seinen Sohn zunächst einen festen, sicheren Lebensberus zu schassen. Den glaubte er ihn in dem Stande, den er selbst angehört, als Mediziner bieten zu können und auf seinen Wunsch und Befehl wurde Georg Büchner Me­diziner. Diese inneren Zwiespalte waren es, welche dem jungen Büchner, als er in Gießen einzog, das Herz schwer machten. Tiefe Schwermut drückte ihn nieder, zu­mal da auch körperliche Leiden, Büchner war nervenkrank das ihrige dazu beitrugen.

Wir müssen diese Verhältnisse uns vor Augen halten, um den Schritt zu verstehen, den Georg Büchner that, als er kurze Zeit in Gießen war, und der doch mit allem, was er bisher gedacht und auch in Briefen an seine Eltern und an seine Braut kundgethan, im striktesten Gegensätze steht. Er, der noch im Juiti 1833 an seine Eltern schrieb:Ihr könnt voraussehen, daß ich mich in die Gießener Winkel- Politik und revolutionären Kinderstreiche nicht einlassen werde", stürzte sich jetzt Hals über Kopf in die Bewegung, die er noch kurz zuvor mit dem bittersten Sarkasinus gegeißelt.

Es ist hier notwendig, einen kurzen Blick auf die danialigen Verhältnisse in Oberhessen, wie überhaupt in Hessen zu werfen und die Bewegung, die von den zwei oberhessischen Städten Gießen und Butzbach ausging, näher zu betrachten.

Von den Tagen der großen Revolution in Frankreich kriselte" es auch iu Deutschland und eine eigentliche innere Ruhe wollte sich nicht mehr einstellen. Nur einmal wieder vergaß man sich und sammelte alle auf dem gleichen Wasfenplatze: als es galt, das Joch Frankreichs abzu­schütteln und Deutschland wieder frei zu machen. Als dieses geschehen, als der Tag der Leipziger Schlacht, der 13. Oktober 1813, war auch der Geburtstag Georg B-üchuers- das Sehnen der deutschen Patrioten gestillt, da kehrte man wieder zurück zu der inneren Ausgestaltung des Reiches, resp. seiner Einzelstaaten, und laut erscholl der Ruf nach einer Konstitution, laut lehnte man sich auf gegen die Bedrückungen, die namentlich die kleinen Fürsten ihren Unterthanen auferlegten und vorerst noch mit Worten for­derte man das, was man später mit Waffengewalt zu er­langen dachte und teilweise auch errang. Es war vorerst nur ein Gähren im Volke und eine gewisse Nachgiebigkeit gegen berechtigte Wünsche, die Einsichtigen wenigstens forderten nur das, was später Anastasias Grün in dem Berschen:Dürft ich wohl so frei sein, frei zu sein" aussprach, hätte manches Unheil und unnennbares Un­glück in vielen, vielen Familien verhüten können.

Stets hatte an diesen Bestrebungen Butzbach und Gießen einen hervorragenden Anteil. Von hier aus wurde die Agitation in das hessische und speziell oberhessische Landvolk hineingetragen. Daß speziell Gießen einen her­vorragenden Anteil an der Bewegung hatte, ist ja nicht zu verwundern. Denn Universitätsstädte, wo sich junge Leute aus allen Klassen der Bevölkerung, aus allen Lebenstierhältnissen und auch aus aller Herren Länder ver­einigen, sind stets ein fruchtbarer Boden für alle der­artigen Bestrebungen gewesen. Es kommt hinzu, daß gerade die Besten der Gießener Studenten sich der revolutionären Bewegung anschlossen, weil schon hierdurch naturgemäß eine Ausschließung von dem rohen Treiben der anderen Studenten bedingt war.

Vom Jahre 1830 aber gab es auch für Hessen keine Ruhe mehr. Schon dieses Jahr sah in Oberhessen Meute­reien aufrührerischer Bauern. Das folgende Jahr brachte in Nachwirkung des Hambacher Festes ähnliche Volksfeste in Butzbach und ganz besonders in Wilhelmsbad bei Hanau, einem auch jetzt noch sehr besuchten Badeorte, wo mehrere tausend Personen versammelt waren, um der Befreiung des Vaterlandes, von Fürst und Gewalt, zuzujubeln. Der Sommer 1833 aber brachte den Ausbruch. Das verun­glückteFrankfurter Attentat" am 3. April, an dem auch einige Gießener Studenten, sowie der Apotheker Trapp aus Friedberg teilnahmen, führte zu einem großen Hoch­tierratsprozeß. Aber man konnte den Verhafteten nichts anhaben, und 1834 wurden sie bereits aus dem Gefängnis entlassen.

An der Spitze der Gießener Studenten stand damals der Privatdozent Dr. Hundshag en- Er stand natür­lich mit deut sogenannten Butzbacher KreiZ, dem der be-