Q
Mittwoch den 1. Bktober.
HB ff
eTi}
WM
W
1902. — Nr. 146.
AM
(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel.
(Fortsetzung.)
„Ob sie es wird haben wollen!" fuhr der Graf von £ . . . fort. „Erst unlängst äußerte sie sich zu mir: Man hat mich noch niemals porträtiert. Ich sterbe vor Sehnsucht, ein Bild von mir zu haben, doch fehlt mrr der Mut zu sitzen. Sie haben ihr die Sitzungen erspart, lreber Rakenius." ,
„Wenn dem so ist," sagte der junge Maler lächelnd, „warum sollte ich diesen Zufallswurf, der mir nach Ihrem Ausspruch gelungen ist, nicht ausnützen, meme Herren?
„Entschieden", meinte Eduard A. ... „Endlrch, Sre arbeiten, nm zu leben, und die Gräfin ^ "
O ich spreche nicht davon, das Brld zu verkaufen. Dann wäre das Bild geradezu ihr aufgedrungen. Aber ich kann es ihr anbieten, falls es ihr gefällt, und sre es anzunehmen für würdig erachtet."
„Ob sie es annehmen wird, das weiß rch allerdings nicht. Aber ich bin sicher, daß es ihr gefallen wrrd", begann der Graf von X. . . von neuem. „Sre tonnen jedenfalls den Versuch wagen. Schicken Sie ihr diese Studre, ohne sich zu unterzeichnen, und ohne sich rrgendwre zu nennen. Ich werde ihr übermorgen einen Besuch abstatten- Es ist ihr Empfangstag. Sie wird unbedingt von der ano- nhnren Zusendung sprechen, und ich werde Ihnen berrchten, welchen Eindruck es auf sie gemacht hat. Sollte der Eindruck ein günstiger sein, dann erzähle ich ihr, was vor- gesallen, und sage ihr, daß ich derjenige war, der Ihnen zu dieser Sendung geraten hat."
„Nehmen Sie den Vorschlag an!" rief man von allen Seiten. „Dank dem Grafen sind Sie dann in keinem Falle kompromittiert." ,
„Also, meine Herren, nachdem Sre mrr alle dazu raten, will ich diese Studie hinschicken. Sie ist mir überdies nicht mehr von Wert, da Sie mir sagen, daß sre ern Porträt ist. Ich habe kein Recht, die Gräfin Doroukofs ohne ihre Zustimmung in die Mitte anderer Frauen zu stellen auf einem Gemälde, das bestimmt war, ausgestellt zu werden. Solche Dinge sollen zwar schon vorgekommen sein, doch mißbillige ich es von meinem Standpunkt aus."
Diese Unterredung wurde von einem Bedienten unterbrochen, der Madeira und Zigarren anbot.
„Es rst die Stunde Ihres Lunch, meine Herren", wandte sich Georg an seine Gäste. „Haben Sie die Güte, ihn bei mir abzuhalten."
Während man seiner Aufforderung nachkam, trat Georg einige Schritte abseits- nahm eine Bleifeder und kritzelte auf ein Stück Papier in aller Eile folgende Wörter „HH Hrbe gesiegt. Man hat sie erkannt-, .Sie
heißt Gräfin Olga Doroukoff. Ich will versuchen, noch Weiteres über sie herauszubekommen. Gedulde Dich! Auf bald'"
Er übergab das Papier heimlich dem Bedienten und trug ihm auf, es sofort dem gnädigen Fräulein zu über«, bringen.
24. Kapitel.
Nachdem er sich dieser Pflicht gegen seine Schwester entledigt hatte, kehrte Georg wieder zu seinen Gästen zurück und sagte, an einem Glase Madeira nippend:
„Ja, unter anderem, mir fällt selbst gerade ein, Sis haben vergessen, mir die Adresse der Dame zu nennen,: der ich das Bild zusenden soll. Ich bin über Berliner High-Life-Namen nicht so orientiert wie Sie, meine Herren, und der bloße Name der Gräfin Doroukoff giebt mir nicht genug Aufklärung."
„Das beweist, mein lieber, großer Künstler", entgegnete der Graf von X. . ., „daß Ihr Kopf mehr zu denken hat als der unsrige — oder vielmehr an etwas Wichtigeres zu denken hat. Die Gräfin wohnt in der Voßstraße 52. Jeder Mensch kann Ihnen ihr Palais zeigen. Es ist das ehemalige Haus des gewesenen russischen Attachee, Prinzen Tschigorin, jenes Russen, mit dem sich ja vor Jahren ganz Berlin wegen einer Spielaffaire beschäftigt hat, und der plötzlich vor drei Jahren Berlin verließ, um sich auf seine Güter — ich glaube im Kaukasus — zurückzuziehen.'<
„Ja, ja, ich erinnere mich noch", unterbrach ihn Eduard A. . „Tschigorin verschwand dann infolge einer gewissen peinlichen Geschichte, in die seine Gemahlin, die schone Prinzessin Alexejewna, und fein Sekretär, ein verdammt hübscher Bengel, verwickelt waren. Das Palais blieb eine Zeit lang unbewohnt, wurde dann zum Verkauf ausgeboten und vom Grafen Doroukoff gekauft."
„Ah, es giebt also noch einen Grafen Doroukoff"!, fragte Georg mit möglichst harmloser Stimme.
„Gewiß, mein Lieber, und sogar einen ganz echten, sehr authentischen Grafen, aus sehr altem Adel und unverfälscht reiner Rasse, eine Persönlichkeit, die an Adel und Ansehen sämtliche russische Fürsten in den Schatten stellt."
„Um Rakenius vollkommen aufzuklären", sagte der Graf von F. . ., „können wir noch hinzufügen, daß das Vermögen des Grafen ebenso bedeutend wie sein Name berühmt und geachtet ist."
„Und daß seine Frau sehr hübsch rst", fugte der Baron von N. . . . bei.
„O! Hübsch, der Ausdruck klingt wohl zu schwach. Sie können ruhig und gefahrlos sagen: schön. Als srch voriges Jahr einige Narren zusammenthaten — rch war auch darunter — eine Liste von Weltdamen aufzusetzen, dre um den Schönheitspreis des Auslandes in ^ondon konkurrieren sollten, wurde einstimmig die Gräfin Doroukoff, geborene Fürstin Balaljewna, eine Rose uns dem Kaukasus^ au die Spitze derselben gestellt.^


