Ausgabe 
1.9.1902
 
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Napoleon III* und die Frauen.

Die kürzlich in deutscher Sprache erschienenen Aus­zeichnungen, welche der General Baron Gourgaud von Ge­sprächen und einzelnen Aeuherungen Napoleons I. aus Sanct Helena hinterlassen Lat, gaben, schon als sie in Frankreich veröffentlicht wurden, Anlaß zu mancherlei Er­örterungen über das Verhältnis des großen Korsen zu den Frauen. Fleißige Zusammenschreiber, wie Frädöric Masson und Joseph Turquan, haben schon früher Bände damit gefüllt, jedes einzelne bekannte Liebesabenteuer des Kaisers aufzuzählen, so baß wir von Gourgaud in dieser Hinsicht Uichts neues erfahren. Wir wußten auch bereits^ daß Na­poleon, so wenig er die Frauen missen konnte, im Grunde gering von ihnen dachte oder wenigstens sich diesen An­schein gab. Es mag empfindsamen Gemütern daher eine Art Trost sein, daß gewisse Schriftsteller gerade in seinem Verhalten den Frauen gegenüber die Motive des schließ­lichen Unterganges des Helden gesucht haben. Sie teilen das Drama, welches das Leben des Kaisers bedeutet, in mehrere Akten, gleiche Abschnitte, setzen die Peripetie, den Umschlag in seinem Schicksale, hinter die grausame Ver­stoßung seiner ersten Gemahlin Josephine und leiten aus dieser Handlung sein späteres Unglück, seinen Sturz her.

Ein ebenso bequemes^ wie oberflächliches Verfahren, dessen Willkür sich am leichtesten durch einen Vergleich mit der Rolle Nachweisen läßt, welche die Frauen im Leben des zweiten Kaisers aus dem Stamme der Bona­parte, Napoleons III., eingenommen haben- Denn wenn man in der brutalen und cynischen Behandlung der Frauen die Ursache für das Ende des Oheims finden will, so ließe sich mit gleichem Rechte und gleicher Einseitig­keit erwidern, daß dasjenige des Neffen durch! seine Weich­heit und Nachgiebigkeit gegen das weibliche Geschlecht zum mindesten beschleunigt worden ist.

In der That: in jeder Phase seines wechselvollen Lebens sehen wir Napoleon III. unter der Einwirkung einer Frau oder der Frauen überhaupt. Nicht, daß diese Ein­wirkung immer aus seine Entschlüsse und Handlungen eine entscheidende Bestimmung ausgeübt hätte, wohl aber zeugt sie von dem ständigen Bedürfnisse des Mannes, mehr als bloßen Sinnenrausch, vielmehr gewissermaßen eine Er­gänzung, das Ausfüllen einer Lücke im eigenen Dasein bei den Frauen zu suchen. Ihre idealen Eigen­schaften, ihre Schönheit, Anmut, ihr leichter Sinn ziehen ihn an, erholen ihn von den schweren Sorgen und Plänen, die sein Gehirn wägt, geben ihm neue Kraft und Freude zum Leben. Er ist der Typus desHomme ä femmes". Allmählich beginnt das Urteil der Allgemeinheit dein Cha­rakter dieses Herrschers gerechter zu werden, von dem schon Bismarck unvergleichlich treffend sagte, man über­schätze seinen Verstand auf Kosten seines Herzens. Alle, die ihn kannten und ihn geschildert haben, die Fleury, Canrobert, Gallifet usw., hören nicht auf, seine Gutmütig­keit zu rühmen. Sie hat sich den Frauen gegenüber stets am stärksten bewährt. Man kann, in diesem Sinne, sagen, daß sein Verstand das Gebäude seiner Macht errichtet, sein Herz aber es gestürzt hat.

Diese Gutmütigkeit, die von Sinnlichkeit nicht frei ist, erscheint als das Erbteil seiner Mutter Hortense de Beau­harnais. Ja, man möchte auf deren Mutter Josephine zurückgreifen, um sie zu erklären, und eine Verwandt­schaft zwischen ihr und der angeborenen liebenswürdigen Nonchalance der in den Tropen erzeugten Großmutter zu konstatieren. .Das ist allen dreien, Josephinen, Hortense und Napoleon III. gemeinsam: schrankenlose Uneigennützig­keit, eine bis an Schwäche grenzende Hingebung, wenn das Herz einmal gesprochen hat. Und das Herz sprach bei allen dreien oft viele, wechselnde Sprachen. Napoleon III. hatte seiner Mutter in echter Kindesliebe angehaugen. Sie war die Vertraute seiner ersten kleinen Leiden und Schmerzen. Sie hatte den wesentlichsten Zug seines Cha­rakters früh erkannt, als sie ihnen einendoux entete" einen lanften Starrkopf nannte. Sie wußte, mit welcher fatalistischen Zähigkeit er an seine Mission, das Erbteil seines Oheims einst anzutreten, schon glaubte, als noch mehrere besser berechtigte Verwandte zwischen ihm und dessen Schatten standen. Hatte er die Mutter in seine Unternehmung pon Straßburg nicht vorher eingeweiht, so überraschte dieses sie gewiß kaum. Entsprach die Art, wie der Putsch vorbereitet und insLeniert worden war, doch

nur allzusehr der Eigenart des Sohnes, dem jede Art von Furcht, auch die Furcht vor der Lächerlichkeit, fremd war. Der Tod der Königin Hortense bedeutete für Louis Napoleon mehr als nur den Verlust einer zärtlichen und zärtlich geliebten Mutter. Er enthüllte ihr zugleich die Verirrungen ihres Lebens, die Existenz eines im Ehebrüche mit dem Grafen Flahault erzeugten Stiefbruders de Morny und stürzte so ihr Bild von dem Piedestal herab, das er ihr in seinem kindlichen Innern errichtet hatte.

Als er, Kaiser geworden und aus der Höhe seines Ansehens stehend, zusammen mit seiner Gemahlin Eugeuie das Schloß Arenenberg besuchte, wo er seine Jugend ver­bracht Hatte, wo seine Mutter gestorben und begraben war, das dann hatte veräußert werden müssen, nun aber von der Kaiserin zurückgekauft und ihm geschenkt worden war da bereiteten ihm die braven republikanischen Thur­gauer einen begeisterten Empfang. Und manche ehemals schöne und junge Thurgauerin, die jetzt, zur Matrone ge­reist, im Gedränge dem festlichen Einzuge der Majestäten zusah, mochte mit verstohlener Wehmut oder mutwilligem Lächeln um dreißig Jahre zurücDenken, als der Prinz auf flinkem Rosse bald in diesem, bald in jenem Städtchen des Kantons einkehrte, mit den Männern kameradschaftlich der edlen Schützen kunst oblag, mit den Frauen scherzte und liebte. Damals war er noch ein flotter Bursche ge­wesen, ein ausgezeichneter und kühner Reiter, ein Meister im Schlittschuhlaufen und auch sonst in allen Leibes­übungen gewandt. Diese Leidenschjaft für den Sport brachte ihm bald insofern praktischen Nutzen, als sie ihm in Eng­land die Thore der vornehmsten Kreise öffnete, trotzdem er picht mehr war als ein verschuldeter, immer in Geld­not steckender Prätendent, den in Frankreich niemand mehr ernst nahm, seitdem er in StraWurg und Boulogne den Spott der ganzen Welt erregt hatte. Prinz Louis Napoleon fand Zutritt zu jenem klernen aristokratisch^ Zirkel, in dem der vielgenannte Graf Grimaud d'Orsay als aner­kannter Herrscher thronte, und der englischen Lebe- und Sportwelt die Gesetze geschrieben wurden. In diesem Milieu lernte er jene Frau kennen, die Jahre lang die Gefährtin seines Lebens blieb: Miß Howard, eine vielbewunderte Königin der Halbwelt, von königlicher Haltung auch, und gewohnt, mit königlichem Glanze aufzutreten. Es liegi uns kein Bild von ihr vor, wohl aber manchs Schilderung ihres Aussehens. Alle bezeichnen sie als eine Schönheit ersten Ranges und bestätigen, daß sie nach außen hin voll­kommen den Schein der vornehmen großen Dame zu währen verstand. Sie geleitete den Geliebten nach Frankreich, nach­dem die Revolution von 1848 seine Verbannung geendet hatte, und blieb ihm zur Seite, als er zum Präsidenten der Republik gewählt worden war. Wie allmählich in ihr der Ehrgeiz wuchs, wenn nicht eine rechtmäßige Gattin, so doch eine mächtige, erklärte Favoritin zu werden, und wie nun ein verborgener, aber erbitterter Kämpf zwischen ihr und den Freunden des Prinzen entstand das 'ist früher schon einmal ausführlich an der Hand der so inhaltreichen Memoiren des Generals Fleury erzählt worden. Sie wurde schließlich Napoleon selbst unbequem, indem sie ihn geflissentlich öffentlich kompromittierte, bei Truppenbesichtigungen ihm im Vierspänner wie eine Herr­scherin nachfuhr, ungebeten auf einem Luilerienballe er­schien, kurz, allerhand Dinge that, welche seinen Gegnern unnötigen Stoff zu Angriffen boten. Es kam zum Bruche, aber Napoleon erwies sich auch bei dieser Gelegenheit als ein dankbarer Freund. Der Kaiser lohnte mit einem wahrhaft kaiserlichen Geschenke und dem Gräfintitel die Liebe, die der mittellose Prätendent genossen hatte. Die Freunde atmeten erleichtert auf und rückten Napoleon nun energisch! die Notwendigkeit vor Augen, im Interesse der Befestigung seiner jungen Macht eine Heirat mit einer ebenbürtigen europäischen Prinzessin zu schließen. Der geringe Eifer, mit welchem er diesen Plan aüfnahm, und zu verwirklichen suchte, entsprang der Abneigung des an ein ungebundenes Junggesellendasein gewohnten Vierzigers gegen eine Konvenienzehe, beweist aber wiederum, daß er nichther kalte, berechnende Verstandesmensch war, als der er verschrieen worden ist, Nach zwei Seiten werden Ver­handlungen angeknüpft, zuerst mit der entthronten schwe­discher: Königsfamilie Wasa um die Hand der Prinzessin Carola. Sie scheiterten, da diese schon dem sächsischen Thronfolger Albert versprochen wär. Aussichtsvoller er­schien die bei dem englischen Hofe anaebrachte Werburrg