fie brauchte ihn nicht so nötig, daß sie nicht für ihn an einem anderen Wesen Ersatz finden würde.
Melleicht aber mußte er noch seinem Unglück dankbar sein. Es hatte ihn darüber belehrt, worin des Lebens wahre Güter bestanden — nur daß die Lehre zu spät kam, gerade bei Thoresschluß.
Mitten in der Stadt gab es einen Platz', den Marno- Platz, auf dem neben dem neuen Postgebäude eine stattliche Ruine stand, die Ueberreste des einstigen spanischen Missionshauses. Tie Annalen der Stadt sprachen bon diesem Trüm- merwerk mit Stolz. Während des Unabhängigkeitskrieges hatte sich hier eine kleine Schaar von Texanern drei Tage lang gegen eine zwanzigfache feindliche Uebermacht verteidigt, und Mann für Mann bis auf den Letzten waren sie gefallen — voll Todesfreudigkeit, denn sie fielen für eine teure Sache.
Wenn er fallen wurde, dann war es für eine Sache, die ihm gleichgiltig war — und wie sein Leben, so würde auch fein Tod keinem Wesen, das er lieb gehabt hatte, nützen. Selbst der Trost blieb ihin versagt.
Nein, der Trost blieb ihm nicht versagt. Das Land', für das er fallen würde, war das ihre, war ihr Vaterland, und sie liebte es, sie war darauf stolz. So warf ihm das Schicksal doch noch ein Mmvsen mitleidig in den Hut, eine letzte Zehrung auf den letzten Weg.
Immer und immer dächte er an sie; jetzt erst war sie ihm auf ewig verloren — denn an seiner Stelle war jetzt ein Anderer. Wer er dächte an sie nur noch mit dem ruhigen Mute eines Sterbenden, der dem Tod unerschüttert ins Antlitz sieht und der von allem, was die Welt Lockendes gehabt hat, schon Wschied genommen.
Schon länger als drei Monate trug er nun seinen Offiziersrock, aber die Kunde, auf die das ganze Land mit fieberhafter Ungeduld wartete, wollte nicht kommen.
Manchmal, auf seinen einsamen Spaziergängen, sah er hier Und da auf einem Hause eine schwefelgelbe Fahne wehen. Tas bedeutete, daß in dem Hause ein Pockenkranker lag. Tie Pocken wären in San Antonio chronisch und die Gesundheitsbehörde strengte sich dagegen nur ziemlich ober- stächlich an. Vielleicht kam eines Tages die schwefelgelbe Fahne auf seinem eigenen hübschen Häuschen zu fchjweben, dann brauchte er auf den Krieg nicht länger zu warten.
Mer es bedurfte der schwefelgelben Fahne nicht. Es Sber Morgen des! 23. April. Sechs Wochen später, ang JUUi lag im Häfen von Tampa in Florida eine Transportflotte vdn dreißig Dampfern zum Ausläufen fertig, auf dem ein l^p ed itiouskorps von 15000 Mann versammelt war. Much; das Detachement von Texas befand sich darunter. Herwarth hatte eine Kajüte mit einem Kameraden zusammen, aber in der ersten Nächt, nachdem dis Floste in See gegangen war, stieg er auf Deck.
„Wer da?" rief ihn: die Steuerwachje zu.
Er steche dem Wachtposten, einem Schwärzen, ein Goldstück zu, und als dieser in ihm' einen Offizier erkannte, salutierte er.
Herrlich glänzte der dichtbesäte, dunkelblaue Sternenhimmel in seiner hellen Pracht und in der Flut sprühten Millionen goldene Funken auf. Nur das dumpfe, hämmernde Geräusch der Maschine und das Aufrauschen des Wassers Unter der Schraube dräng durch die Stille.
Was wollte der einsame Offizier? fr agte sich der Posten, warum blieb er nicht in seiner Kajüte?
Noch, immer stand Herwarth an der Bordwand und sah hinaus in die goldene Nacht.
Er dächte an DeutschDand, er dachte an Carla, er dachte an seine begrabene Liebe und er dachte an die erste Schlacht.
Zehntes Kapitel.
„Zimmer für Tage, Wochen, Monate. Pensionat inter- uational. Familienpension", stand mit eingravierten Buchstaben auf dem breiten polierten Stahlschild eines stillen vornehmen Hauses in der Nähe des Großen Gartens zu Dresden.
Inhaberin dieser Pension war die verwitwete Frau Major von RaszinS'kä, eine kleine, aber dafür sehr distinguierte Dame in den Fünfzigern. Tie Majorswitweu-Pen- sionen sind in Deutschland leider nur ziemlich knapp bemessen, Und so sah' sich Frau von Raszinska eben genötigt, ein Gewerbe zu betreiben. Da sie aber darauf bedacht blieb, in ihre Pension nur Personen von Wand und Wür--
den aufzunehmen, so bärste sie sich damit trösten, daß sie wenigstens in gleichwertiger Gesellschaft blieb. Schwerlich hatte es jemals in der Pension von Frau von Raszinska ein Mitglied gegeben, das nicht einen vollwichtigen Titel trug oder doch wenigstens von Adel war. So kam es denn, daß, als sich eines Tages eine Dame bei ihr meldete, die sich Frau Von Angern nannte, und die, wie sich herausstellte, eine verwitwete Frau Geheimrat war, diese Dame eine offene Aufnahme bei Frau von Raszinska fand. Sie verlangte für sich zwei Zimmer, was sich insofern machen ließ, als Frau von Raszinska ihr Nachtlager in das Badezimmer verlegte, und über den Preis ging die Frau Geheimrätin wie über etwas ganz Nebensächliches! hinweg. Nur wünschte sie dafür, nicht an der allgemeinen Pensionstasel, sondern allein für sich in ihren Zimmern zu speisen, was ihr denn auch trotz der damit verbundenen Umständlichkeiten mit dem Gedeck und den unbequemen Portionen, die man einem einzelnen Esser vorlegen muß, m anbetracht dieses Preises bewilligt wurde. Frau von Angern hätte eben frische Trauer, sie hatte ihren Mann verloren, wie sich Frau von Raszinska und die übrigen Herrschaften sagten, deshalb wünschte sie möglichste Zurückgezogenheit, und solche Gefühle mußte man ehren.
Ottilie kehrte von Nizza zurück.
Mit dem anbrechenden Frühling und der Beginnenden Reisesaison waren Berliner Bekannte von ihr in Mzza ein» getroffen, sie war ihnen eines Morgens aus der Promenade in die Arme gelaufen, sie wurde von ihnen mit Fragen überschüttet, und sogleich sann sie auf Flucht. Eine merkwürdige Sehnsucht nach Deutschland überkam sie. IN ihrem Garten in Berlin fingen jetzt die Bäume an zu blühen und die Vögel zu singen, im Tiergarten, der ihrer Villa gegenüber lag, tauchten wieder helle Kleider auf, und von den Spielplätzen und Sandhaufen darin tönte wieder lustiges Kindergeschrei. Es waren dies Tinge, auf die sie früher freilich kaum geachtet hatte, die fie aber bei der ganzen Wandlung, die jetzt mit ihr vorgegangen war, mit einer Art von Sehnsucht erfüllten; dort unter den Bäumen, die jetzt zu blühen anfingen, war sie einst zufrieden und glücklich gewesen. Tort fand sie den Frieden, den sie verloren hatte, vielleicht wieder.
Sie dachte jetzt auch viel an den Verstorbenen. Sie dachte an die Stunde, als sie ihn vor sich; liegen sah — weiß, stumm und tot. Damals hatte etwas mitten durch den Schmerz des Abschieds wild jubelnd in ihr aufgeschrieen — nun war das still geworben. Manchmal war es ihr, als ob! der Tote nicht ganz von ihr geschieden, als ob fie zärtlich und hütend wie im Leben noch fern unsichtbarer Geist umschwebte, U'nd er sah in ihr Herz, und kein Geheimnis, war ihm mehr darin verborgen. Was sie in jener Stunde an ihm gesündigt hatte, das hatte er ihr längst vergeben. Was sie aber an Anderen gesündigt — das ihr zu vergeben, dazu hatte er nicht die Macht. Er sah sie nur mahnend an, mähnend Md wartend, als verlangte er etwas von ihr, etwas) was ihm und ihr selber keine Ruhe ließ, bis es erfüllt war — und keine Andere konnte es erfüllen, als sie selbst.
Es ließ ihr keine Ruhe, nachts drängte es sich in ihren Schlaf, es fraß M ihrer Gesundheit und deshalb' wunderten sich die Bekannten in Mzza auch! über ihr blasses) schlechtes Aussehen. We wurde von ihnen gefragt, ob sie leidend sei. Ja, sie war es — aber wer ihr Helsen konnte, das war kein Arzt.
Wenn sie an das Geschehene zurückdachte, so schien es ihr manchmal wie ein Traum oder als wäre nicht sie selbst, sondern eine Andere jenes Weib' gewesen — damals jenes Weib, das sich; ihm an den Hals geworfen und, ihr ganzes! Selbst vergessend, von Neid, verletzter Eitelkeit und Rach!- sucht entflammt, ihn ins' Verderben gestürzt. . . Es war kein Traum, es war geschehen, und sie wär die Urheberin,:
Geliebt hatte fie ihn. Er hätte ihre Liebe nicht erwidert. Nur Freundschaft war es, was er für sie hatte. Sie hätte sich getäuscht — und das hätte er ihr ohne Rückhalt gesagt. So niedrig wär sie geworden.. Sie durste nicht hinuntersehen in den Abgrund, wenn sie vor Scham! nicht vergehen wollte.
Was sje quälte ,— war es die Schani, war es die Reue, war es die Unmöglichkeit, das Geschehene wieder gut zu machen, auch wenn sie den Willen dazu hatte?
(Fortsetzung folgt.)


