Ausgabe 
1.3.1902
 
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Leit. Aber ist denn da noch ein Zweifel möglich? Der Pfandleiher nahm sofort den Ring ans! meiner Hand, den ich interessiert betrachtete. Ich hätte ihn gern zurückgekauft, wenn sich der Mann dazu verstanden hätte. Aber er er­klärte kurz und bündig, daß er kein Versügungsrecht darb über habe."

(Fortsetzung folgt.)

Zm Rebel.

Skizze aus dem Londoner Leben.

Von M. C. Carpenter-M>eher.

(Nachdruck verboten.)

Blutig rot, wie eine große, feurige Scheibe, ohne Glanz, ohne Strahlen, schien die Sonne herab auf die Fünf­millionenstadt.

John Halfter streckte ein wenig fröstelnd den musku­lösen, vom Tropenbrand mager gewordenen Körper und schritt schneller vorwärts durch den Hyde Park der glitzern­den, träumerisch schönen Serpentine zu. Wie schön es war, einmal wieder alle diese Plätze zu besuchen, die ihn sämtlich grüßten aus der Vergangenheit, ihn, der nicht Heimat, nicht Vaterhaus sein eigen nannte. Ihm war dies die Heimat. Hier hatte er als Kind gespielt, hierher war er mit seinem Lehrer als College-Schüler gewandert, und hierher war er auch gewandert, damals, in dem einzig schönen Mai als Student, wo die junge, ideale Liebe sein Herz begeistert hatte! Hier an der Serpentine hatte er ja die Königin seines Herzens zuerst gesehen. Das reizende, junge, kindliche Mädchen mit den veilchenblauen Augen und den krausen, dunklen Locken, die hier alltäglich mit ihrer Gesellschafterin wandelte. Wie ein Schatten war er den beiden Damen gefolgt, hattesie" lachen und plaudern hören und dünkte sich einem Könige gleich, als er eines Tages, wieder ihnen folgend, ein kleines, goldschnittgerändertes Notizbüchlein aus rotem Saffian mit einem goldenen E Und einer Krone darüber fand nursie" konnte es verloren haben!

Stammelnd, verwirrt überreichte er es ihr.

O, mein Herr, Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen, ich danke Ihnen", sagte sie hocherfreut mit lieb­lichem Lächeln und nahm das Büchlein aus seiner Hand. Und von jenem Tage an erwiderte sie stets mit Freundlich­keit seinen Gruß, bis sie nie mehr kam. Auch der Wagen, den die beiden Damen stets nach dem Spaziergang be­stiegen, erschien nicht mehr.

Er wußte nichts von ihr; nicht wer sie war, noch woher sie kam, wohin sie gegangen; sie war seine Königin noch immer tönten ihre Worte in seinem Ohr noch immer glaubte er den süßen Veilcheudust zu atmen, der sie und das kleine Buch umschwebte.

Dann war das Afrikafieber über ihn gekommen. Er hatte hart gearbeitet, gelebt, wie man dort drüben lebt, höchster Genuß, härteste Arbeit, alles heiß, flammend, tropisch. Und nun war er zurückgekehrt ein reicher, sehr reicher Mann jung, jung noch an Jahren, aber ver­braucht. Das Leben dort macht mürbe, e§- rächt sich an den Menschen. Mm wollte er das Leben recht genießen leben!

Hier an der Serpentine fiel ihm die Vergangenheit wieder ein. Wer wohl das schöne Mädchen gewesen. Die Equipage und alles andere wiesen ihn darauf hin, daß er sie nur unter den oberen Zehntausend zu suchen hätte.

. Versunken in alte Gedanken, hätte er nicht der dichten, weißen Schleier, die über das Wasser sich breiteten, ge­achtet. Wie von Feenhänden geschlungen, flogen sie durch­einander immer dichter und dichter werdend. Die Nixen der Serpentine tanzten einen Reigen.--1

Ein eisiger Schauer schüttelte John Halfter und führte Air zurück in die Gegenwart.--, Wie dicke Gardinen

hrng es von den Bäumen herab, legte sich auf Weg und und hüllte ihn ein. Und im Nu ward es finster, stockfinster um ihn herum. Londoner Nebel!

alter Narr, setze mich natürlich mitten hinein in dieses Fieberwetter verteufelte Lage", brummte John Halfter. Er suchte den Weg nach Marble Arch einzuschlagen, tastend schriitit er vorwärts, Schritt um Schritt! Tiefe, stille Finsternis um ihn herum, kein Laut einer menschlichen Enme. Das BorwärtMommen Wär sch« beschwerlich; alle

Augenblicke rannte er gegen einen Baum oder eine Bank, doch rastlos strebte er vorwärts. Da was war das? Eine Stimme! Rief nicht jemand? Er schrie in bas Dunkel hinein, da kam auch schon die Antwort:

Wollen Sie mir nicht helfen? Ich ward vom Nebel überrascht!" Es Ivar eine weibliche Stimme.

Ein Weib draußen bei diesem Nebel! Wie ruhig ihre Stimme ist, keine Spur von Angst oder Schrecken, dachte John Halfter und rief zurück:Bleiben Sie stehen, gehen Sie keinen Schritt weiter, aber rufen Sie, ich werde suchen. Sie zu finden!"

Er geht dem Schall nach da, was ist das er kommt jetzt aus einer ganz anderen Richtung.

Sie haben Ihren Platz verlassen; wenn Sie nicht stehen bleiben, so werde ich niemals im stände sein, Sie zu finden, seine Stimme klingt sehr gereizt,es ist schreck­lich, daß die Frauen niemals thun können, was sie sollen"

Er war zu länge aller Kultur fern gewesen und viel zu sehr Gewaltmensch geworden: wenn der geringste Wider­spruch sein leicht erregbares Blut reizte, kannte er die Sitten der gebildeten Welt nicht mehr.

Verzeihen Sie, ich wollte Ihnen behilflich sein, ich werde mich nicht mehr bewegen", ihre Stimme klang so ruhig, ohne jede Verletztheit, so ehrlich entschuldigend, -daß Halfter sich schämte. Endlich ertönte dasHier bin ich" ihm ganz nahe, und er erfaßte eine kleine, zartbehand- schuhte Rechte, die sich ihm hilfesuchend entgegenstreckte. Ern. feiner, schwüler Veilchenduft schlug ihm entgegen, und eine freudig erregte Stimme sagte:Ach, wie danke ich Ihnen, Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen"

John Halfter stutzte. Die Stimme, der Veilchenduflt doch ihm blieb keine Zeit zum Nachdenken .

Er nannte seinen Namen und erzählte, daß er sich auch vom Nebel überraschen ließ, dann schlang er seinen rechten Arm um ihre schlanke Taille sehen konnte er die Unbekannte nicht, und führte die ihm willenlos Folgende langsam vorwärts, mit dem linken Arm vorsichtig nach etwaigen Hindernissen tastend und ihnen ausweichend.

Da stieß er an ein Gitter, und mit Freuden erkannte er, daß sie am Wellington-Denkmal angekommen. Nun lag ihr Ziel nicht mehr fern, dort drüben war ja Marble Arch, sie hatten nur den Platz zu überqueren.

Er löste jetzt den Arm, der sie umschlungen gehalten, und legte ihre Hand auf denselben, sie so weiterführend.

Sie begannen jetzt, da sie nicht mehr die Bäume zu fürchten hatten, zu plaudern. Sie erzählte ihm, daß sie eine Deutsche sei.

Sie, mein Fräulein, eine Ausländerin? Ja, aber sie sprechen vollendet englisch ?"

Ja, mein Vater---" sie machte eine große Pause;

endlich fuhr sie fort,lebt in Deutschland- wo ich auch! von jetzt ab immer leben werde, doch wir sind Engländer ich liebe Deutschland, aber ich liebe auch England. Dies wird mein letzter Besuch für lange Zeit hier sein, und deshalb unternahm ich auch täglich jetzt, zu dieser Stunde, nach dem Lunch, wenn meine Angehörigen ruhten, einen Spaziergang nach meinem geliebten Park, nach der Ser­pentine, die ich als Kind so gern besucht habe, und immer war es mein höchster Wunsch, einmal Boot auf ihr zu fahren es geschah nie, aber ich liebe sie noch immer.

Warum mcht? Es giebt dort so viele Boote?"- ftagte er.

Ja, sehen Sie, wir" sie zögerte stockendi Mädchen dürfen doch eben nicht alles, was wir mögen --doch lenkte sie ab,Sie dürfen nicht denken, daß ich immer allein bin, oft begleitet mich! meine alte, gute Dofsy meine Gesellschafterin", fügte sie erklärend hinzu.

John erzählte ihr von AfrikaAch" sagte sie,ich hatte mir immer gewünscht, ein Junge zu sein, schade, ich habe nicht einmal einen Bruder, wir sind vier Schwestern, wie schön muß es sein, sich die Welt zu erringen--"

Er mußte lächeln über ihren IdealismusSchön selten hart immer" sagte er,und die Frau, sie taugt nicht für diesen Kampf, ihr winken andere Ideale

Während sie so plauderten, waren es ganz eigene Ge­danken, die Johns Hirn durchkreuzten. Familtenglück, Liebe Frauenliebe. Der Wunsch nach dem Zauber, den eine liebende, geliebte Frau dem Dasein des Mannes allein zu geben vermag, erstand in ihm heiß, lebhaft auf­flammend.

Da fragte sie ihnrSind wir noch immer nicht da-?"-