Ausgabe 
1.3.1902
 
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und die Furien der Hölle uns zu ergreifen scheinen. Möge Dir dieser Augenblick noch lange fern bleiben."

Vater, lieber Vater", sagte Hella, und barg für Minuten ihren Kopf an dessen Brust,wie schrecklich malst Du die Welt."

Aber leider nur zu wahr. Doch vergiß und werde ruhig. Ich muß Dich jetzt Zerlassen, meine Anwesenheit in der, Fabrik ist notwendig; wenn ich zurückkehre, hoffe ich mein heiteres Töchterchen wieder zu finden."

Wie gut Du bist, Väterchen."

Als Holthaus gegangen, überkamen Hella aufs neue die peinlichen, grüblerischen Gedanken. Konnte es denn möglich sein, daß jemand unter der Gesellschaft sich be­funden, der wie ein gemeiner Dieb die sich ihm bietende Gelegenheit benutzt, und sich den Ring, als wertvollstes Objekt, angeeignet hatte?

Noch konnte sie es nicht glauben, noch sträubte sich ihr Inneres mit aller Macht dagegen, all die Menschen, mit denen fie bisher freundlich verkehrt, mit solchem Verdacht, wenn auch nur in Gedanken; zu beleidigen.

.. Ta öffnete sich die Thür, und herein trat eine ältere, wurdrg aussehende Dame, welche die oberste Leitung des Hauswesens in ihren Händen hatte, und zugleich schon seit einer Reihe von Jahren Mutterstelle bei Hella vertrat.

Liebste Frau von Dettmar!" mit diesem Ausruf eilte ihr Hella entgegen,wie gut, daß Sie kommen. Sie sollen mir helfen, mich in den Menschen wieder zurechtzufinden, die Papa mich in so abscheulichem Lichte sehen ließ,"

Es handelt sich um die Diebstahlsgeschichte?"

Auch Sie sprechen von einem Diebstahl?"

Ja, wäre es denn anders möglich, nachdem Sie das oberste zu unterst gekehrt, und den Ring dennoch nicht qe- filnden haben?" a

Aber einer unserer Gäste!?"

Frau von Dettmar zuckte die Schultern.Unmöglich ist das nicht, meine Liebe. Langfinger gießt es überall. Dennoch müssen Sie zu unterscheiden wissen, liebe Hella, mancher thut aus Not und Verzweiflung, was ihm sonst Nimmermehr in beit Sinn kommen würde."

Aus Not?. Hella schaute die Tarne verwundert an. Jemand aus unseren Kreisen sollte in solche Not geraten können, ohne andere Hilfe finden zu können, als zum Diebe zu werden?"

Auch diesen Kreisen ist die Not nicht fern, Hella, ^^^b.^stverjchuldete sowohl, wie solche, die ein ungünstiges Geschick, oder auch der kleinliche Jammer des täglichen Lebens auferlegt."

. "?ber Not, wirkliche Not, bei diesem äußerlichen Glanz und Wohlleben, das fasse ich nicht."

Liebe Hella, Sie haben noch nicht in die Tiefen geblickt, 2huen war vergönnt, im Sonnenschein zu wandeln, lachende und blühende Auen lagen vor Ihren Blicken, aber es gießt 5?ch lonnenlofe Gegenden, wohin nie ein Strahl jener alles Belebenden dringt. Und je kahler und dürftiger es in der eigenen Heimat ist, je mehr sehnt sich dann der Mensch hinaus in jene sonnigen Gefilde, wo jener Frohsinn und Heiterkeit zu Hause find. Wollen Sie es denn dem Dürstenden verargen, wenn er am sanft niurnielnden Quell, oder am blumenumsäumten Büchlein seinen Durst zu löschen sucht?"

Liebste Frau von Dettmar, so schwer wäre das Leben? Da wäre eZ ja das größte Unrecht der Besitzenden, nicht alles dahinzugeben, um jene Darbenden nicht in Nacht und Elend versinken zu lassen."

Auch darin giebt es Grenzen, liebe Hella. Die Er­fahrung und Nachdenken lehren, daß ein Unterschied auch im materiellen Besitze, wie in jedem anderen bestehen muß. A. der Reiche sollte nie unterlassen, da mit warmer Menschlichkeit und wirksamer Hilfe einzutreten, wo wirk- llche Not sich nicht allein emporhelfen kann. Wenn das alle Besitzenden bedächten und sich nur als Verwalter ihres erworbenen oder ererbten Gutes betrachteten, um wieviel Schritte näher stände alsdann die Menschheit jenem großen Ziel allgemeiner Verbrüderung, die meist nur auf völlig verkehrtem Wege gesucht wird."

Hella war still und nachdenklich geworden, die Worte >er mütterlichen Freundin regten sie zu völlig neuen Ge­danken an. Zeder einzelne ihrer Bekannten mußte gleich- am vor ihrem Geist Revue passieren. Wen unter all den ebensfrohen Menschen konnten di« Verhältnisse oder das Unglück wohl so weit getrieben haben, um jene Der-

Meifllrngsthat zu begehen, denn anders sah sie nun den Diebstahl nicht mehr an.

, Nur einer stand hoch und rein vor ihrem Geist, an den kem zweifelndes Forschen sich heranwagte, und gerade dieser eine sollte nun zum Gegenstand eines fast unwiderlegbaren Verdachtes werden.

. Ter Fabrikherr kehrte mit stark umwölkter Stirn heim, em Zug von Besorgnis lagerte um seinen Mund, der sich noch um einen Grad vertiefte, als Hella ihm zum ersten- male wieder heiterer entgegentrat.

Sein Blick verfinsterte sich immer mehr, je sorgloser! und beinahe heiter Hella zu plaudern begann.

Schon mehrmals hatten die Blicke von Vater und Tochter sich gekreuzt, und Hella bemerkte mit Erstaunen, wie sich alsdann die Augen des Vaters mit einer gewissen Scheu von ihr abwandten. Was hatte er nur?Väterchen", sagte sie, als sie wieder einmal einem solch ausweichendem Blick begegnete,hast Tu etwas gegen mich, habe ich Dich irgend­wie betrübt?"

Holthaus stand auf und umfaßte sie.Nicht Du, mein uebes Kind, aber ich sorge mich um Dich!"

Tu sorgst Dich um mich weshalb denn, Väterchen?"

Ach, liebstes Kind, es wird mir so schwer, Dir von dem zu sprechen, was doch Notwendigkeit ist."

Hella sah fragend zu ihm auf, als er nun wiederum! eine Pause, machte.Du ängstigst mich, was ist es?"

Ter Vater strich liebkosend über Hellas Wangen.Mein liebes - Kind, sag', steht Dir nicht Loßberg näher, als alle anderen? Hast Tu nicht hoch von ihm gedacht?"

Hella stand für Minuten das Herz still. Dann atmete fie freier auf, während heiße Purpurglut ihre Wangen bedeckte. Hatte Loßberg bei dem Vater um sie geworben? Ja, ich schätze ihn hoch, oder besser, ich verehre ihn als einen braven, edlen Charakter."

Mein armes Kind!" flüsterte Holthaus mit leiser, bewegter Stimme,daß ich Dir den Glauben an seinen Wert nehmen inuß. Denke nicht mehr an ihn, er ist ein Ehrloser!"

Vater!" Es war nur das eine Wort, welches sie sprach, aber eine Welt voll Gram drückte sich darin auch ein so tiefes, unendliches Weh sprach aus ihrem erblaßten Gesicht, daß Holthaus sich voll tiefen Schmerzes abwenden mußte, um seine eigene Ergriffenheit nicht zu verraten.

Mein liebes Kind, was hilft das alles, es muh eben überwunden werden. Du nmßt Dich mit dem Gedanken vertraut machen, daß es ein Unwürdiger war, der sich in Dein unschuldiges Herz stahl. Auch ich bin ja von ihm getäuscht, auch ich hielt ihn für den ehrenwerten Charakter, dem man das Kleinod seines Herzens unbedenklich an- vertrauen durfte."

Und jetzt, Vater, denkst Du nicht mehr so, worauf gründet sich Deine so plötzlich veränderte Ansicht?"

Holthaus durchmaß einige Male das Zimmer, wie um sich Ruhe und Fassung zu den nächsten Worten zu sammeln. Tann ergriff er Hellas Hand.Du fragst, mein Kind, worauf sich diese meine «Ännesänderung gründet? Hast Tu vergessen, welche Frage, welche Zweifel uns beschäftigten? Wenn ich Dir nun sage, daß ich begründete Ursache habe, Loßberg für den Dieb zu halten."

Unmöglich ! Vater, sage, daß das unmöglich- ist!"

Wie gern wollte ich das, Hella; wenn da überhaupt noch ein Zweifel herrfchen könnte; aber leider ist das ja unmöglich."

Unmöglich, sagst Du, unmöglich, daß Herr von Loßberg ein Ehrenmann ist!?"

Nennst Du es etwa ehrenwert, wenn jemand die Gast- fteundschaft so schmählich verletzt, daß er der Tochter des Hauses einen wertvollen Ring heimlich entwendet, um ihn dann beim Pfandleiher zu versetzen?"

Und das hätte Loßberg gethan? Loßberg? Vater, ist da' wirklich kein Irrtum möglich?"

Nein. Ich sagte es Dir schon", kam es mit harter Stimme von Holthaus Lippen, der sichtbare Schmerz seines! Lieblings machte ihn hart, er glaubte auf diese Weise ihrem allzu gesteigerten Empfinden am leichtesten Einhalt ge­bieten zu können.Ich selbst sah den Ring auf dem Tisch des Pfandleihers liegen, und Loßberg hatte soeben das Lokal verlassen."

Und der Pfandleiher hat eingestanden, daß Loßberg ihm den Ring gegeßen?"

»,Wo denkst Du hin l Das verbot ihm die Akrsthwiegen-