Ausgabe 
1.3.1902
 
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(Nachdruck verboten.)

Ein verhängnisvoller Ring.

Novelle von E. H a i n b e r g.

(Fortsetzung.)

Am nächsten Morgen, nach genossenem Frühstück, machten sich Vater und Tochter ans Werk.

Toch wie gründlich sie auch suchten, jeden Gegenstand auseinander nahmen, jedes Blumenarrangement, jede ein­zelne Blume sorgfältig betrachteten, der Ring war nirgends zu finden."

Verlieren wir den Mut nicht, Hella, jetzt heißt es, die Polstermöbel in der Nähe dieses Tisches zu untersuchen."

Es geschah. Die Hände tasteten zwischen Rücklehne und Sitz der Sessel hinab, allein auch hier dasselbe Resultat.

Nun noch der Teppich, Hella, die letzte Möglichkeit."

Und beide kauerten am Boden nieder, suchten und tasteten an allen Ecken und Enden. Doch nichts, nichts!

Holthaus erhob sich.Es war vergebens, Hella."

Sie sah ihn mit einem trostlosen Blick an.

Es ist ein sehr trauriges Resultat, Hella. In doppelter Beziehung."

Hella seufzte.

Kein Zweifel mehr", fuhr Holthaus fort,unter unfern Gästen befand sich ein Dieb!"

Hella schrie laut auf:Vater!"

Es ist so, mein Kind, eine traurige Erfahrung, aber leider nicht anzuzweifeln."

Aber wer, wer könnte?"

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1902. Nr. 33.

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ÄK rid bläut der Winter noch so sehr Mit trotzigen Geberden, Und streut er Eis und Schnee umher, Es muß doch Frühling werden.

Und drängen die Nebel noch so dicht

Sich vor dem Blick der Sonne, Sie wecket doch mit ihrem Licht Einmal die Welt zur Wonne.

Blast nur, ihr Stürme, blast mit Macht, Mir soll darob nicht bangen;

Auf leisen Sohlen über Nacht Kommt doch der Lenz gegangen.

Und wenn dir oft auch bangt und graut, Als . sei die Höll' aus Erden, Nur unverzagt auf Gott vertraut!

Es muß doch Frühling werden. Geibel.

Du meinst, wer dieser Dieb wohl sei? Ja, wer das ergründen könnte. Jedenfalls ist es ein Unwürdiger, den wir aus unserem Kreis auszustoßen haben."

(Siebt es denn gar keine andere Möglichkeit, das Ver­schwinden des Ringes zu erklären; ich kann mir das gar nicht vorstellen, daß ihn jemand mit Absicht sollte ent­wendet haben."

Deine reine Seele vermag das nicht zu fassen! Ach, Hella, es giebt so viel unergründliche Tiefeli im Menschen­herzen, daß wir fast niemand davon atlsnehmen können."-

Aber, lieber Vater, Du wirst doch nicht jeden einzelnen unserer Gäste im Verdacht haben?"

Vorderhand doch, Hella, bis die Entdeckung des wirk­lichen Diebes uns zeigt, daß die anderen itnschnldig sind."'

Aber das wäre ja schrecklich, Väterchen, wenn ich in jedem Gast, der uns demnächst Besuch abstatten wird, den Dieb des Ringes vermuten sollte."

Tas brauchst Du auch nicht, mein Kind, halte Dein Gemüt frei von jedem persönlichen Mißtrauen, bis ein bestimmter Verdacht, eine nicht abzuweisende Bestätigung Dir sagt, dieser ist der Unwürdige. Bis dahin vergiß die ganze leidige Angelegenheit."

Tas würde ich ja gern, wenn der Ring mir nicht, abgesehen von seinem sonstigen Wert, so überaus teuer wäre, als Erinnerung an meine gute, so früh von uns, gegangene Mutter, und altes Familienerbstück."

Tu hast recht, Hella, der Ring !var für Dich von hohem, idealem Wert, obgleich auch sein materieller nicht zu unterschätzen ist, und er wohl gerade deshalb seinen Liebhaber gefunden hat. Doch das letztere ließe sich ja wohl verschmerzen, ich bin nicht so arm, um..Dir nicht ein anderes, gleich wertvolles Schmuckstück kaufen zu können. Doch nun genug davoic, vergiß den unangenehmen Vorfall, während ich in aller Stille meine Nachforschungen betreibe, ich möchte doch wissen, wer von unseren Freunden sich unseres ferneren Umganges unwürdig gemacht hat." Er reichte Hella die Hand.Leb' wohl, mein. Kind, suche noch ein wenig zu ruhen, oder gehe an die frische Luft, daß die nervöse Abspannung vergeht und Tu wieder frisch und heiter aussiehst. Laß Dir nichts merken. $e unbefangener Tu jedem einzelnen gegenüber bist, je leichter dürfen wir hoffen, daß der Dieb sich verrät."

Sprich das häßliche Wort nicht aus, Väterchen, es durchschauert mich bis in das tiefste Mark."

Armes Kind, Du hast bis jetzt die Kehrseite des mensch­lichen Herzens noch nicht kennen gelernt, Dir war bis jetzt nur vergönnt, des Lebens lichte Höhen zu schauen, ®ettt Glaube an das Gute und Edle int Menschen wurde noch nicht erschüttert. Doch für jeden glaube mir - kommt einmal die Stunde, wo dies schöne Vertrauen sich als Trug­bild erweist, wo auch der festeste Glaube wanken wird, wo der Himmel über uns einzustürzen und die Erde m eilten Abgrund zu versinken droht, wo Gott uns zu verlassen