Ausgabe 
1.2.1902
 
Einzelbild herunterladen

71

wucherte, schien ordentlich unter den Augeir zu wachsen, dabet duftete aus tausend üppigen Blütentrauben der Flieder, die ganze Atmosphäre mit süßem Aroma erfüllend,

(Fortsetzung folgt.)

Alles oder nichts.

Novellette von C. Ger har di

(Nachdruck verboten.)

Du willst also wirklich nach Schlesien gehen?" Jäh erhob sich Hilde Alten vom Klavier, ihre Augen blitzten ihren Gatten an, der soeben mit einem Briefe in der Hand das Zimmer betreten hatte-

Ja, ich habe mich dazu entschlossen", erwiderte er ruhig,und Dr. Bergrot hat sich bereit erklärt, mich hier zu vertreten".

Dieser Entschluß spricht von Deiner Gleichgiltigkeit, Deiner Lieblosigkeit gegen mich!" rief sie erregt.

Kannst Du dieses glauben, so kennst Du mich nicht", sagte er schmerzlich.Hilde, Du mußt es doch wissen, daß die tiefe Liebe, die mich um Dich werben ließ, nur gewachsen ist in den Jahren unserer Ehe."

Schöne Worte, nichts mehr. Dein Beruf steht Dir höher, als ich. Wann sehe ich Dich, wann hast Du Zeit, Gedanken für Deine Frau: Der größte Teil des Tages gehört Deinen Kranken; sie beschäftigen Dich sogar, wenn Du bei mir bist!"

Wär's anders; Du würdest mich minder achten", gab er schwer zurück. Sie aberfuhr immer lebhafter fort:

Wie mir zu Mute ist, wenn ich beinahe stets allein bin, während ich zu Hause von Eltern und Geschwistern umgeben war, daran denkst Du nicht- Oder wenn doch, so glaubst Du, daß ich an meiner hübschen Wohnung, meinem Flügel, meinen Blumen Genüge finde- Auf vieles muß ich verzichten; für das Theater hast Du keine Zeit, Gesellschaften, Bälle magst Du nicht, doch ich bin noch jung, und sehne mich nach Freude! Allem aber setzest Du die Krone aus, indem Du in das abgelegene schlesische Gebirgsdorf gehen willst, um gleichgiltige Menschen, die am Typhus erkrankt sind, zu behandeln!"

Gleichgiltig ist mir niemand, der leidet, und dem ich nützen kann."'

Aber mich, die ich Dir am nächsten stehe, und leide, vergißt Du!"

Hilde, Du tbust mir unrecht! Wohl kann ich Dir nicht allzuviel Zerr widmen, aber Dein Wohl steht mir höher, als alles andere in der Welt- Du bist mein teuerstes Gut, mein Leben würde ich hingeben, um Dich glücklich zu machen."

Er wollte sie an sich ziehen, doch Hilde wehrte ihm.

So erfülle meine Bitte, geh nicht nach' Schlesien!" Gespannt hingen ihre Augen an seinem charaktervollen Gesicht, aus dem sich der Kampf spiegelte.

Ich kann nicht, Hilde. Jene Elenden schreien nach Hilfe, und ich gab mein Wort-"

Gilt es Dir höher, als das Wort, das Du mir am Mtare gabst?" rief sie mit bebender Stimme.

Es handelt sich doch nur um eine Trennung von wenigen Wochen", murmelte er gequält-

Mir würden sie Jahre werden- Und wenn Du heim- kehrst, find es wieder andere Kranke, die Dich in Anspruch nehmen, eine neue Epidemie ruft Dich an andere Orte, nein, ich ertrage es länger nicht- Ich will alles oder nichts. Triff die Wahl zwischen mir und Deinem Beruf!"

Hilde, so grausam kannst Du nicht sein! Ich bin mit meinem Beruf verwachsen, er verschafft mir Befriedig­ung, und die Mittel zu behaglichem Leben"

Das ist nicht nötig, Papa ist reiche"

Doch nimmer möchte ich von seinem Gelds leben- Verlange nicht Unmögliches von mir- Du wußtest ja, daß Du Dich einem Manne der Arbeit angelobtest."

Ich war blind, nun bin ich! sehend- , Gelte ich Dir jo wenig, so zerreiße ich das Band zwischen uns, Im Hause meiner Eltern werde ich willkommen sein."'

Hast Du denn die Zeit unserer jungen Liebe ver­gessen, alles was' uns aneinander bindet?"' fragte er gramvoll.

Du lösest es' durch Deine Wahl- So trage die Folgen!" Sie fach nicht den Blick voll Schmerz und Vor­

wurf, der sie traf; mit brennenden Augen starrte sie hinaus aus den noch winterlichen Garten- Da wandte sich Dr- Werner Alten, und verließ den Salon, um in seinem Arbeitszimmer ruhelos auf und nieder zu schreiten, eine Beute qualvoller Gedanken. Wie ein betäubender Schlag hatten ihn die Worte seiner Frau getroffen, und unmöglich dünkte es ihn, sich von ihr zu trennen- Daß sie so unglücklich an seiner Seite war, hatte er nie geahnt- Freilich war sie verwöhnt von den Ihren, und er hatte nicht Muße gefunden, mit ihr zu tändeln- Wer hätte sie nicht trotzdem seine Liebe fühlen müssen! Wenn sie ihn jedoch so leicht ausgeben konnte, hatte sie ihn dann je geliebt, hatte nicht nur flüchtiges Wohlgefallen sis bewogen, sein Weib zu werden? Nein, nein, zu deutlich hatte er damals die Liebe in ihren Augen gelesen- Solch' ein Gefühl konnte doch nicht sterben! Sicher war es nur Trotz, der Hilde so hart machte; wenn sie ruhiger ge­worden, würde sie ihr Irren einsehen- Er wollte an sie schreiben, sie bitten, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, bei ihm ausMharren- Er konnte sie ja nicht entbehren, sein Lieb, sein Weib, seinen Sonnenstrahl, wenn er es auch zuweilen vermißte, daß sie nicht Teil nahm an dem, was seine Seele erfüllte-

Acht Tage später hielt vor dem freundlichen Hause in der Lennestraße in der Residenz ein Wagen, auf den ein Koffer geladen wurde- Dr. Men folgte; sein düsterer Blick flog zu den Fenstern seines Heims empor, an denen sich kein Frauenantlitz zeigte. Auf feinen aus tiefstem Herzen kommenden Brief hatte Hilde zu seinem Schmerz erwidert:Du überzeugst mich nicht- So widme Dich denn ganz Deinem Berufe, und werde darin glücklich. Mein Rechtsanwalt wird die Scheidung einleiten. Leb wohl!"---

Nun weilte Dr- Alten schon einige Wochen in D. Mehrmals täglich schritt er die Dorfstraße entlang, betrat die niedrigen Häuschen, ging von einem Krankenbett zum andern, und überall schauten die bleichen Gefichter dankbar zu ihm auf. Bewundernswertes hatte er in der kurzen Zeit geleistet, energisch für Reinlichkeit und gute Luft in den Wohnungen gesorgt, für gute Pflege, und mit feinem reichen Schatz au Wissen die Epidemie bekämpft- Nicht immer rang er dem Tode die Beute ab, aber ost rettete er ein Menschenleben, und dann leuchteten seine ernsten Augen. Aus eigenen Mitteln hatte er ein kleines Spital für die Aermsten und Kränksten errichtet; an nichts ließ er es ihnen fehlen, obwohl er selbst wie ein Spartaner lebte.

Seine einzige Erholung war ein abendlicher Spazier­gang in das Land hinein, auf die Berge- Und doch sand er keine Erfrischung; denn fein treuer Weggenosse war sein Schmerz- Was die Tagesarbeit unterdrückt, ließ die Muße wieder ausleben; unablässig dachte er an sein Weib, das doch nicht mehr fein Eigen war- Zuerst hatte er noch gehofft, ein versöhnendes Wort zu erhalten, das Bekenntnis:Ich liebe Dich, ich bleibe Dein!" Ja, er hatte geträumt, sie eines Tages in seinem Zimmerchen int Gasthofe zu finden, die holde Gestalt. Vergeblich! Statt dessen traf ein Brief ihres Bruders ein, indem dieser ihm Nachricht von der eingeleiteten Scheidung gab- Also doch! Wie ein weidwundes Tier sich in den Tiefen des Waldes verbirgt, war Werner an jenem Wend die ent­legensten Pfade gewandelt. Er rang mit seinem Gram, aber die Liebe zu Hilde starb nicht in ihm- Ws er ins Dorf zurückkam, erschraken die Leute vor seinem erstarrten Gesicht- Beinahe hätte er gewünscht, ein Opfer der Seuche zu werden, doch sie verschonte chn. Seinem Rechtsanwalt sandte er feine Vollmacht, auf die Scheidung unter jeder Bedingung einzugehen, nur ihm nie mehr von der An­gelegenheit zu schreiben- Was einst sein Glück; jetzt sein Leid war, sollte begraben sein für immer- Doch unerträglich dünkte es ihn, wieder in der Residenz, fern von Hilde zu leben, sie vielleicht einmal zu treffen am Arm eines andern! Nein, er würde weithin gehen, wo mau feine Hilfe brauchte, wie jetzt hier, wo er Studien machen konnte zum Wohle der leidenden Menschheit; denn ihr gehörte er fortan allein!

Mehr als drei Jahre sind vergangen. Golden scheint die Frühlingssonne auf die stattlichen Häuserreihen Ham­burgs, auf den Hafen- Soeben ist ein großer Dampfer angekommen, die Ketten werden an Bord geworfen, bs»