Ick, ba lag's, das alte, verwitterte, unregelmäßig gebaute Herrenhaus, umgeben von dem dunklen Parke mit dem scheinbar undurchdringlichen Gestrüpp und den nachtschwarzen Gängen zwischen den alten, weitästigen Bäumen, die ihre Schatten in der mondhellen Nacht gespenstisch herüber warfen auf das alte, stille Gebäude mit den vielen kleinen, niedrigen Fenstern und der hohen Freitreppe. Die leuchtende Flamme der brennenden Lutschinntäs fiel von dort, vereint mit dem Lichtschein einer Menge erhellter Fenster hinaus zwischen die alten Baumgruppen, deren Wipfel leise rauschten — vielleicht drohend ,grollend, als schüttelten sie Unheil herab. Aus allen Büschen schienen gespenstische Arme zu längen, unheimlich schattenhafte Gestalten winkten hinter den dicken Stämmen hervor. Es flüsterte, summte und stöhnte in der tiefen Nachtstille. Alles schien zu leben und zu atmen, zu warnen oder auch zu nicken Und zu winken, den Ankommenden entgegen.
Clarita wenigstens bäuchte es so; es befiel sie eine Unerklärliche Augst, ein seltsames Grausen dieser nächtlich schlafenden Natur gegenüber, die ihre Phantasie-Gebilde belebten. In ihrem Kopfe pochte und schwirrte es, als sollten dre Adern springen. Entschieden mußte sie dieser Aufregung, die ihre Sinne zu verwirren drohte, Meister werden. Ihre Willenskraft überwand das kindische, abergläubische Bangen eben zur rechten Zeit; denn ein Ruck, und bie den Fahrweg des Parkes daher sausende Troika hielt vor der erleuchteten Freitreppe. Am Fuße derselben stand der Intendant, ein greiser Mann, ihm zur Seite seine Frau Taliana Petrowna, des Hauses Hüterin, umgeben von einem ganzen Kreis Dienstboten. Sie alle sehnten sich, den jungen Bärin zu sehen, einen Zipfel feines RöckcheuN zu küssen, wobei sie jedoch hinreichend Zeit behielten, die fremde Barinitschi zu betrachten, welche statt der Herrin gekommen war. Sie küßten ihr gleich Lisavetta Sergewna den Saum des Kleides, unterdes der Intendant, nach einer Verbeugung bis zum Boden, den gnädigen Herrschaften voraus, ins Haus, leuchtete, sobald Feodor, der all' den Leuten fröhlich zugenickt und die alte Taliana Petrowna auf die runzelige Wange geklopft, Claritas Hand erfaßt und sie einführte in das Haus feiner Väter, in das ersehnte Orna- toffsko.
XVI.
D i e erste Spur.
Wer verrät, er verwahre ein Geheimnis, hat schon dessen Hälfte ausgeliefert, und die zweite wird er nicht lange behalten.
Jean Paust-
So war Clarita in Ornatoffsko. Seit zwei Tagen lebte sre daran, wie eine zum Hause Gehörige mehr noch — als stellvertretende Herrin. Daß, sie dieselbe in Wahrheit sei, ahnte , natürlich keine Seele, und ihr selbst erschien es oft wie ein Traum. Aber wachend und träumend stand der Gedanke an ihre Aufgabe vor ihrem Geiste. Endlich schien des Rätsels Lösung so nahe gerückt, daß! jeder Augenblick den Schleier lüften, konnte, der desgeliebten Gatten Schick- sal verhüllte. Sein Name war hier unvergessen, dessen hielt sie sich vom ersten Moment an versichert, da sie die greifen Köpfe unter der Dienerschaft erblickte. Alte Leute fanden sich, genug im Dienste des Herrenhauses; Kyrills, Jegors, Dimitris gab's mehrere, wenngleich, unter den letzteren der fehlte, den Clarita kannte, von dem sie eine Spur zu finden hoffte. Er war mit Alexis aufgewachsen, und so wahrscheinlich aus Ornatoffsko gebürtig es mochten daher dort noch Angehörige von ihm leben, es hieß nur die Augen offen halten.
Bemühungen ruhten auch keinen Augenblick. Vorsichtig suchte sie nur zunächst ihre Leute kennen zu lernen. Das ganze Personal staunte die fremde Herrin an, welche so schön und vornehm schien wie die wirkliche Herrin, und doch ganz anders wie diese, eine Güte und Freundlichkeit offenbarte, wie man sie nimmer vorher er- ^laritas Stimme deuchte den Steppenleuten gleich Musik, und ihr gebrochenes Russisch gab ihrem fragenden Geplauder einen seltenen Reiz. Alle die alten Leute, von Taliana Petrowna angefangen, bis zu Jwaz, dem Leib- brtscher Feodors, herab, fühlten sich durch ein solches ge- ehrt, ihre Scheu verlor sich, dadurch etwas, und bis zu einem
gewissen Punkte berichteten sie gern alles, was die Fraqerin zu wissen wünschte. Mit Thränen sprachen sie von des alten Herrn Tod. Er war ihnen ein rauhes, hartes Väterchen gewesen, aber geliebt hatten sie ihn doch, wie der Hund seinem strengen Herrn ergeben ist. Ein Väterchen, das zuweilen dreinschlug, donnerte und wetterte, das war ihnen sympathischer als eines, das sie gar nicht achtete, und gleichgiltig an ihnen vorübergiug. Es war eigentüm- uA, ftnit welch zäher Zusammengehörigkeit diese in rauher Abhängigkeit gehaltenen, von dem verstorbenen Herrn oft hart behandelten Naturen an diesem und seiner Familie, — der ganzen gnädigen Herrschaft festhielten. Von der jetzigen Herrin sprachen sie jedoch offenbar nicht gern, jedenfalls nur voll Scheu und Vorsicht. Aehuliches machte sich bemerkbar, sobald Clarita das Gespräch auf die Leit von des alten Welsmarschalls Tod und auf dessen Söhne aus erster Ehe lenkte. Wie selbstverständlich fragte sie danach, mit erheuchelter Unbefangenheit die Namen Wladimir Iwanowitsch und Alexis nennend. That sie das, daun horchten die Gefragten wohl auf, zuiveilen zuckte es dabei auch in den verwitterten Gesichtern, aber — eine aus- giebtge Antwort kam nicht. Dieselbe gab eben zu, daß der alte Herr ein langsames Sterben gehabt habe, dem wenige! Tage später der jähe Tod Wladimir Jwanowitschs gefolgt fei, der eben erst aus dem Auslande zurückgekehrt gewesen. Ueber die Veranlassung jenes jähen Todes aber verlautete keine Silbe.
Von Alexis, Iwanowitsch sprach man gar nicht, und erst wenn Clarita kühn darauf beharrte, nach diesem zu forschen, dann kam der kurze, stereotype Bescheid — daß Alexis ^wauoioitsch zu spät nach dem hl. Rußland zurück-, Z^hrt lbi, um sein Väterchen noch am Leben zu finden.. Mitteilsamere fugten wohl noch bei, wie unglücklich tröst-, los der schone, junge Bärin über sein verspätetes Eintreffeu gewesen — aber keiner hatte auf Claritas rasche Frage nach dessen fernerem Verbleib eine andere Auskunft als: der junge Bärin sei sofort nach des Vaters und Bruders Tod wieder abgereist . wohin, das wisse man nicht. Keine geschickt eingeflochtene, direkte oder indirekte Frage erzielte anderes. Auch über Wladimirs Verscheiden ließ sich absolut nichts mehr ergründen. Der junge Bärin war gestorben, ob eines natürlichen oder gewaltsamen Todes — das wußte man entweder selbst nicht oder man durste oder wollte nicht darüber reden. Die Herrin war denn doch zu neu und fremd, um ihr ganz zu vertrauen, besser man hielt seine puufle im Zaum über Dinge, von denen zu sprechen einem übel bekommen konnte, falls die Herrin oder nur der In-, tendant es erfuhr. Da war's am sichersten, allen unlieben! Fragen etn einfaches: „Wir wissen es nicht" entgegenzu-, setzen. — Trostlos klang dieses Wort stets Clarita entgegen, wenn ihr ganzes Herz in stiller Folterqual nach einer Aus-i Anst seufzte. Doch es galt aufs neue, Geduld zu bewahren. War Alexis doch so lange von Ornatoffsko entfernt im Auslande gewesen, daß die Leute sich seiner entwöhnt! hatten, wodurch es sich ziemlich von selbst erklärte, wenn man ihn kaum vermißte, und die Erinnerung an ihn verblich, der Vergessenheit anheimfiel. Dies um so eher, da! allgemein Feodor, des alten Ornatosf Benjamin und Liebling, nunmehr als Herr auf Ornatoffsko galt. Den Knaben "ebte, kannte, vergötterte man. Er hatte eben nie die! jüngste Zeit abgerechnet, das stille Steppengut verlassen.
Feodor gehörte dorthin, und das Gut und die Leute gehörten ihm, eine Annahme, welche das ganze Wesen de« stolzen Herrin Wera Sergewna bei jeder Gelegenheit zu bestärken verstand. Der strengen Barinitschi küßte man bett Saum der Schleppe, und fürchtete sie. — Die feine, anspruchslose polnische Frau, des Väterchens erste Gattin, die nur ein paar Sommermonate in Ornatoffsko verlebt hatte, die war vergessen — vielleicht nicht bei allen, doch bei den meisten.
Die Ausnahmen ausfindig zu machen, war die Zeit noch zu kurz gewesen. Clarita begann ja eben erst, sich in ber neuen, fremden Umgebung einzubürgern. Der große, weite Park, Feoders Entzücken, übte auf sie gleichfalls big größte Anziehungskraft.
Sie hatte denselben aufgesucht. Der Tag neigte dem Wend zu, und die Luft war herrlich rein und wohl- thuend. Ein Gewitterregen hatte die ganze Natur erfrischt. Das zarthalmige Steppengras, das in' den AlleeU


