Ausgabe 
1.1.1902
 
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schon gern gethan aber die Signora bleibt auch der gegen­über unnahbar und selbst in unserer Kirche sieht man sie Tiictt/'

Eine Christin ist sie aber doch; sie verehrt die Ma­donna. Bianca sagt"

O, was Deine Bianca nicht alles sagt, und Du nicht alles zu erzählen weißt", unterbrach Giono etwas spöttisch den Gefährten. Dieser aber ließ sich nicht beirren, er war viel zu sehr im Zuge und stolz darauf, daß er eben mehr als die anderen wußte. Er fuhr daher fort:

Ja, ich weiß noch mehr: weiß, warum die Signora jetzt so häufig nach der Brücke geht. Vor wenigen Tagen hat sie einen großen Brief mit vielen Siegeln erhalten, darinnen muß es gestanden haben, daß ihr Gatte nun Wieder­kehre tagtäglich erwartet sie ihn."

Well!" rief der Irländer ungläubig;ich wünsch's schon, daß Dein Principe kommt, Franzesco; denn vergeblich Warten bricht zuletzt das Herz, und leid sollte es mir um die schöne Signora thun, wenn's Lied hier so enden würde, aber ich furcht's fast. Paßt nur auf, eines Tages wird die arme Fremde, des Wartens müde, von der Brücke hinab in die Toca springen dann denkt daran: Ich sag's voraus!"

Staunend sahen seine beiden Gefährten den Sprecher an. Doch Franzesco lachte dabei laut heraus:Welch ein Cecino!*) der sieht Gespenster bei Hellem Tage!" Und Giono stimmte heiter dieser Ansicht bei, indem er die schwarzen Haare zurückwerfend, erklärte:Nein, Amico, das ist keine Frau wie Eure gelbhaarigen weißen Signoras. So eine mag Liebeskummer wohl hinab ins Wasfer ziehen hier die Signora aber nimmer. Die sieht eher aus, als könne sie eines Tages den, der sie vergeblich warten ließ, durch die ganze Welt suchen gehen, um ihm das Stilet ins falsche Herz zu stoßen."-

*) Schlimmer Kauz.

(Fortsetzung folgt.)

Neujahr in Vergangenheit und Gegenwart.

Von Dr. Theodor Adler.

(Nachdruck verboten.)

Es ist eine weit verbreitete Sitte, größere Zeitabschnitte im Leben des einzelnen wie der Gesamtheit mit Fveudrn- bezeugungen, Beglückwünschungen und ost ausgelassenen Lustbarkeiten zu feiern. Ob wir dazu, wenn wir den Dingen auf den Grund gehen, immer Ursache haben, mag dahin­gestellt bleiben. Die Zahl derjenigen und es sind just nicht die schlechtesten welche in der Wiederkehr des Tages, an dem man vor so und so viel Jahren geboren wurde, eher einen Anlaß sehen, sich selbst zu bedauern und zu bemitleiden, als sich von allen Seiten beglückwünschen zu lassen, ist nicht gering, und über das Neujahrsfest haben nicht wenige die gleichen Gedanken, auch wenn sie dabet nicht in unangenehmer Weise daran erinnert werden, daß Nem- jahr und die nächste Zeit danach die schwersten Zahltage im Jahre sind, die vom Familienoberhaupt um so drückender empfunden werden, als kurz vorher schon das Wethnachts-- fest auf den goldenen Inhalt des Geldbeutels wie ein starker Aderlaß gewirkt hat. Der Gedanke, daß von der uns auf Erden vergönnten kurzen Zeitspanne wiederum ein Jahr in das Meer der Vergangenheit gesunken ist, daß wir nicht wissen, was das neue Jahr an Mühsalen und Schmerzen bringen wird und ob wir in abermals 365 Tagen noch am Leben sein werden, sollte einen jeden eigentlich zur ernsten Nachdenklichkeit stimmen. Wer, gleich als ob wir uns über die Fragen der Zukunft absichtlich hinwegtäuschen und hinüberlügen wollten, ist das Gegenteil der Fall. Üeberall herrscht eitel Jubel und Fröhlichkeit, ohüe daß man eigent­lich einen stichhaltigen Grund dafür angeben könnte; aber es ist nun einmal so und wird fürs erste schwerlich anders! werden.

K. Von allen denen, welche sich am Neujahrsmorgen, wenn der Tag längst zu neuem Leben erwacht ist, fragen, warum sie eigentlich gestern abend so viel von der Syl­vester-Bowle getrunken haben, daß ihnen die Welt heute nur in unllaren Umrissen erscheint, werden auch die wenigsten wissen, warum gerade jetzt das neue Jahr beginnt, und man kann ihnen ihre Unkenntnis auch bilngerweise nachsehen; ?bnn der erste Januar oder astronomisch und kalender- mätzig gesprochen =3 der il. Dag nach der Wintersonnen­

wende ist ein ganz willkürlich gewählter Zeitpunkt, ank dessen Stelle ebenso gut ein beliebiger anderer Tag zum Jahresanfang hätte gewählt werden können, und in früheren Zeiten hat man auch thatsächlich Neujahr vielfach zu ganz anderen Zeitpunkten gefeiert.

Die Ehre, das neue Jahre einzuführen, verdankt der . Januar keinem anderen als Julius Cäsar, dem ersten großen Reformator des vor 1947 Jahren in eine grenzen-, lose Verwirrung geratenen Kalenders. Im vorcäsarischen Rom hatte mau das Jahr mit dem ersten März begonnen.- Da man aber nur 10 Monate zählte, von denen je vier! 31 Tage, und je sechs 30 Tage hatten, stimmte die Sache mit dem wirklichen Sonnenjahre in keiner Weise; das römische Neujahr wurde jedes Jahr um 11 Tage und den Bruchteil eines zwölften früher gefeiert, als es eigentlich hätte sein sollen. Numa Pompilius, der zweite sagenhafte König des alten Rom schob zwar bereits zwei neue Monate, den Januar und Februar ein und setzte für jedes zweite Jahr einen Schaltmonat fest, die Verwirrung war aber damit keineswegs behoben; die Herren Oberpriester waren schlechte Astronomen und ließen in den ihrer Obhut anvertrauten! Kalender eine derartige Verwirrung einreißen, daß man zu Cäsars Zeiten den Januar, zu dessen Beginn man die den Römern durch die damit verbundenen ausgelassenen Lust­barkeiten besonders ans Herz gewachsenen Saturnalien feierte, zur Zeit der herbstlichen Tag- und Nachtgleiche be­gann. Um in diesen Wirrwarr Ordnung zu bringen, berief Cäsar den alexandrinischen Astronomen Sosigenes, der zunächst zwei Monate, den einen von 23, den andern von 67 Tagen einschaltete, sodaß dieses Jahr, welches als das Jahr der Verwirrung annus confusionis bezeichnet wurde, nicht weniger als 445 Tage zählte. Der nächste 1. Januar wurde sodann auf den ersten Neumond nach der Wintersonnenwende des Jahres 46 von Christus festgesetzt, und von da an begann die julianische Zeitrechnung mit Sonnenjahren von 365 Tagen und einem allemal im vierten! Jahre eingeschobenen Schalttage. Daß dieser erste Neu­mond nun damals 12 Tage nach der Wintersonnenwende stattsand/ ist der Grund, warum noch heute nach fast zwei­tausend Jahren der kürzeste Tag und der Jahresanfang nicht {usammenfallen, sondern um 11 Tage von einander ge-, chieden sind eine Kuriosität, welche beweist, wie sehr ier Goethesche Faust Recht hat, wenn er sagt:Es erben sich Gesetz und Rechte, wie eine ewige Krankheit fort."

Weit näher hätte es gelegen, den 21. Dezember, den Tag der Wintersonnenwende, zum Anfangstag des Jahres zu machen, oder, da sich im Bereiche der christlichen Kultur das ganze festliche Jahr nach den hohdn KirchenseiertageN richtet, das neue Jahr mit dem ersten Weihnachtsfeiertags, dem 25. Dezember anfangen zu lassen. Nach dem ersteren Datum, der heiligen Wintersonnenwendnacht, haben nun auch die alten Germanen in vorchristlicher Zeit gerechnet, ein Brauch, der endgiltig erst in Vergessenheit geriet, als Karl der Große den letzten selbständigen deutschen Stamm, die Sachsen, in langen Kriegen, seinem Szepter unterwarf.! Der Termin des Weihnachtsfestes als Jahresbeginn hat aber bis in das sechzehnte Jahrhundert hinein an vieles Orten Deutschlands in Geltung gestanden.

Das Christentum in seinen ersten Ansängen war über-i Haupt nicht geneigt, die Zeitrechnung der heidnischen römi­schen Welt anzunehmen; besonders erregte der 1. Januar Anstoß, weil an diesem Tage die schon genannten Satur­nalien bei den lockeren Sitten der damaligen Zeit, unteg Orgien gefeiert wurden, die der asketischen Gesinnung der Urchristen ein Greuel waren, weswegen sie diesen Tagin Fasten und Trauer für die Heiden" verbrachten. Sie stempelten daher vielfach den Tag der Fleischwerdung Christi, nämlich den Tag Mariä Verkündigung zum Jahresanfang, was in Deutschland bis ins 9. Jahrhundert ganz allgemein Brauch war. Als dann in der Kirche der Marienkultus zu immer größerer Bedeutung gelangte, rechnete man das Jahr? auch von anderen Marientagen an, und so gab es in Europa! nun die verschiedenstenMarienjahre", bte namentlich in Italien und in den rheinrschen geistlichen Kurfürstentümern Mainz, Köln und Trier zu Recht bestanden und eine uw geh eure Verwirrung verursachten, wenn es galt, den Zeit-, punkt eines etwas weiter zurückliegenden Ereignisses genau, zu bestimmen.

Auch auf den 4. März, den Jahresanfang in vor- cäsarischen Zeiten, griff man zurück: doch verließ man diesen Brauch frühzeitig mir alleiniger: Ausnahme der Republik