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hatte ihrem dummen Backfischherzchen weh gethan — Gott sei Tank, es war aus dieser Heirat nichts geworden! Er saß noch ganz unverheiratet ihr gegenüber, das freute sie, sie wußte selbst nicht warum, Aber verraten, wer sie war, wollte sie nicht, und so entgegnete sie auf seine Frage keck: „Nein, ich entsinne mich dieses Namens nicht"
Tann wandte sie sich wieder dern Fenster zu, obgleich die flache, verschneite, windverwehte Landschaft der Mark Brandenburg des Ansehens kaum wert war.
Toktor Barner fand keinen Grund, das Gespräch fortzusetzen. Mißmutig legte er sich in die Ecke zurück.
Nack, einiger Zeit hielt der Zug an einer Station. Ter Schaffner erschien, und forderte den Doktor auf, in einem anderen Abteil Platz zu nehmen — zwei ältere Tarnen fliegen ein, und maßen ihn und die junge Dame mit er- ftaunten Blicken — ärgerlich ergriff er Handtasche und Reisedecke, grüßte flüchtig, und stieg in ein Herren-Abteil, das von Tabaksdampf angefüllt war. Er sah noch das ironische Lächeln auf dem Gesichtchen seiner jungen Reise- gesährtin, dann schlug der Schaffner die Thüre zu, und Doktor Barner kletterte mißmutig in die qualmerfüllte Höhle des Herrenabteils.
Was konnte er besser thun, als sich ebenfalls eine Zigarre anzünden? An dem banalen Gespräch der Herren mochte er sich nicht beteiligen, so legte er sich in das Polster zurück, und sah nachdenklich den Tampfwölkchen feiner Zigarre nach
Wie hatte er sich auf diese Neujahrsreise gefreut! Er sollte ja die Frau Wiedersehen, die er vor drei "Jahren verlassen — auf ihren ausdrücklichen eigenen Wunsch verlassen, um sein Herz in der Ferne zu prüfen. Er wußte den Brief noch auswendig, den sie ihm damals geschrieben: „Kehren Sie zurück von Ihrer Reise, dann wollen wir prüfen, ob das Gefühl, welches jetzt in Ihrem Herzen für mich zu sprechen scheint, wahr und echt loar. Zürnen Sie mir nicht, daß ich zweifle — ich bin kein junges Mädchen mehr — ich habe das Leben kennen gelernt, ich habe eine Tochter, die in wenigen Jahren erwachsen sein wird, ich möchte erst die Zukunft meiner Tochter sicher gestellt sehen, ehe ich mich entschließen kann, an meine Zukunft zu denken. Leben Sie wohl — in drei Jahren werden wir uns Wiedersehen — so Gott will."
Tas hatte sie geschrieben an dem Neujahrsmorgen nach, dem fröhlichen Sylvesterabend, an dem er um ihr Herz und um ihre Hand geworben! Und jetzt waren die drei Jahre um, und zu der morgen in ihrem Hause statt- findendeu Sylvesterfeier hatte sie ihn eingeladen — er hatte sich aufgemacht mit einem frohen Herzen, und jetzt saß er da mißmutig, trübsinnig, zweifelnd an sich, und an feiner Liebe.
Weshalb nur? War es das liebliche Gesichtchen des jungen Mädchens in dem Tamen-Abteil, welches ihn, den sechsunddreißigjährigen jungen Mann, so aus der Fassung gebracht?
Stets und ständig schwebte ihm das süße Gesichtchen vor. Vergeblich suchte er sich die ernsten Züge der schönen Frau in das Gedächtnis zurückzurufen — er erinnerte sich ihrer kaum.
Wie schwach und veränderlich ist doch des Menschen Herz! —
Mit lautem durchdringenden Pfiff brauste der Schnell- Zug in die Halle des Potsdamer Bahnhofs. Der Abend war schon hereingebrochen, das elektrische Licht warf seinen grellen Schein über die Menschenmenge, die den Bahnsteig anfüllte. Gepäckträger eilten hin und her — ein Trängen und Hasten — Umarmungen — Begrüßungen — keiner kümmerte sich um den anderen, alles hastete den nahen Ausgängen zu.
Ernst Barner stand au einem Pfeiler. Er hatte keine Eile, und wollte den Menschenstrom erst abfluten lassen, ehe er selbst ging. Auch hoffte er, noch einmal seine hübsche Reisegefärhtin zu sehen.
Ta fiel sein Blick auf eine hohe Frauengestalt, die sich suchend umblickte. Tas war ja seine alte Freundin! Schon wollte er auf sie zueilen, um sie zu begrüßen, als er mit einem Ausruf der Ueberraschung zurückfuhr. Seine junge Reisegefährtin drängte sich durch die Menge.
„Mama — meine liebe Mama. . ."
„Mein Kind — meine teure Käthe. . ." und in den
Armen lagen sich seine junge Reisegefährtin und seins alte Freundin, und küßten und herzten sicht
Ernst Barner wandte sich! ab. Tas war des Rätsels Lösung — aus dem kleinen Käthchen Bendemann war eine erwachsene junge Dame geworden. —
Sollte er die Professorin schon jetzt begrüßen? Doch es war bereits zu spät — die beiden Damen waren in dem Menschengewühl verschwunden.
Langsam und nachdenklich gestimmt begab er sich in sein Hotel.
Eine fröhliche Sylvestergesellschaft war in den eleganten Räumen der Frau Professorin versammelt. Mit der Wende des Jahres feierte man zugleich die Heimkehr der Tochter des Hauses, der lieblichen Käthe, die im duftigen weißen Kleide neben der ernst>schönen Mutter wie die Verkörperung des jugendfrisch aufknospenden Jahres erschien.
Lange hatte Ernst Barner geschwankt, ob er jetzt noch der Einladung der Frau Professorin folgen sollte. Er fühlte sich wie schuldbeladen, und er konnte der schönen Frau nicht frei ins Auge sehen, als er vor ihr stand.
Ein leises, wehmütiges Lächeln umschwebte ihre Lippen,, als sie ihm zum herzlichen Willkomm die Hand reichte.'
„Meine Käthe hat mir erzählt", sagte sie, „daß Sie sich zufällig unterwegs getroffen. Sie haben Käthe nicht wieder erkannt. .
„Nein, gnädige Frau — wie sollte ich? Sie war, als ich! von Ihnen schied, ein Kind, und jetzt. . ."
„Nun?" fragte sie lächelnd.
„Eine aufgeblühte Rose von entzückendem Liebreiz.^ Ihr Auge ruhte ernst auf seinem erglühenden Antlitze „Hatte ich nicht recht", sagte sie dann, „daß ich Ihrem Herzen Bedenkzeit auserlegte?"
Er beugte sich tiefbewegt über ihre Hand.
„Können Sie mir verzeihen, Amalie?"
„Pst, mein Freund — von Verzeihung kann hier nicht die Rede sein. Tas alte Jahr tritt zurück, um dem neuen Jahr Platz zu machen — das ist der Lauf der Welte Und nun kommen Sie — Ich führe Sie zu meiner Käthe Sie sollen sie zu Lischt führen. . . aber eine Prüfungszeit muß idji Ihnen doch! noch auferlegen. . ."
Sie drohte ihm lächelnd mit dem Finger.
„Nur nicht wieder drei Jahre", bat er.
„Tas kommt auf Käthe an", entgegnete sie lachend.
Käthe errötete tief, als sie ihre schmale, weiche Hand in die des Doktors legte.
„Ich habe Sie sogleich wieder erkannt, Herr Doktor",, sagte sie mit freundlichem Lächeln.
„Und behandelten mich so fremd?"
„Ja, ich wußte doch nicht, ob Sie sich meiner noch erinnerten! — Wer weiß, ob Sie mich! nicht wieder vergessen haben, wenn abermals drei Jahre verflossen sind.".
„Niemals, Fräulein Käthe — niemals . . ."
Sie schlug die Augen nieder, und eine dunkle Glut flammte in ihren Wangen empor. Welch! überseliges Glücksgefühl quillt in ihrem jungen Herzen empor? Sie vermochte die Hand nicht aus der seinen zu lösen, deren leises Beben sie fühlte.
Der Diener öffnete die Thür zum Speisezimmer, und meldete, daß angerichtet sei. Unter fröhlichem Geplauder nahm die Gesellschaft Platz, Scherzworte flogen hin und wider, nur Käthe saß still an der Seite Barners, der mit leisen, innigen Worten zu ihr sprach!.
Ihr war so seltsam glücklich und doch weh um das Herz. Sollte sie den Worten des Mannes glauben, der einst — sie ahnte es — um ihrer Mutter Herz geworben? Was würde ihre Mama sagen — ihre gute, liebe, schöne Mama, deren Augen so ernst und wehmütig blickten! Jetzt gerade sah sie herüber — Käthe erbebte unter diesem! Blick — doch nein, das war kein Zorn, keine Enttäuschung, kein Schmerz, der in diesem Blick lag — nur unendliche Liebe — unendliche Treue. . .
Da Hub die Pendule an zu schlagen mit tiefem, sonorem,, metallischem Klang — Mitternacht! — Tiefe Stille Herrschte in der Gesellschaft — das alte Jahr versank in das Meer der Ewigkeit.
Und mit dem letzten Schlage der Uhr erhob sich die Professorin: „Meine werten Gäste", sprach sie mit bewegter Stimme, „verzeihen Sie, wenn ich, eine Frau, das W!ort zu einem kurzen Trinkspruch! nehme. Aber es. drängt mich. Ihnen in dieser Stunde, wo das alte Jahr


