Ausgabe 
31.10.1901
 
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Lebendes Licht.

Von Rudolf Curtius.

(Nachdruck verboten.)

Lebendes Licht welch ein Gemeinplatz" wird viel­leicht mancher Leser bei dieser Ueberschrift ausrufen, und zwar besonders am Ende eines Sommers und Herbstes, in welchem dank der für die Entwickelung dieser Lebewesen besonders günstigen Wärme- und Feuchtigkeitsverhältnisse Legionen von Leuchtkäfern allnächtlich in Gärten, auf Wiesen, in Hainen und überall sonst, wo sich ein Stückchen frisches Grün in der Natur findet, den Hochzeitsreigen ge­tanzt haben, zu dem sie sich selber die glänzende Illu­mination lieferten.

Allerdings sind diese lebenden Laternen etwas so all­tägliches, daß sie jeder achtjährige Schulknabe, auch wenn er im Häusermeer der Großstudt heranwächst, schon ge­sehen hat, und die Erklärung, die ihm der Lehrer darüber gegeben hat, wiederholen kann. Gleichwohl aber steht die so gewöhnliche Naturerscheinung gegenwärtig im Mittel­punkte des wissenschaftlichen und technischen Interesses.

Diese kleinen Käferchen aus der Gattung der Lampy- riden, welche nur ein bekanntes Beispiel aus der unendlich langen Reihe leuchtender Tiere bilden, sind schon seit langem ein Gegenstand des heftigsten Neides sämtlicher Beleuchtungstechniker. Denn sie können etwas, was diesen trotz aller Gelehrsamkeit und Findigkeit bisher noch nicht gelungen ist. Sie verstehen sich nämlich dank der glück­lichen Organisierung ihres Körpers aus die Produktion eines Lichtes, welches rund gerechnet, hundertmal ökonomischer arbeitet, als die vollendetsten Anlagen unserer Elektro­techniker. Gelänge der Wissenschaft das gleiche, was diese Tierchen in ihrem Körper unbewußt vollbringen, dann könnten wir allerdings ohne größeren Aufwand von Kohle und anderer Energie unsere Nächte in ein blendendes Licht­meer verwandeln. Die überall dort, wo man einmal mit dem Lichte etwas freigebiger umgeht, beliebte Redensart, daß die Nacht zum Tage umgewandelt sei, die ehrlich gesagt doch auch in nächster Nähe eines Scheinwerfers von 100 000 Kerzen Stärke nur eine täuschende Uebertreibung ist, wäre dann der Verwirklichung nahe, wie ein einfaches Beispiel in Zahlen darthun mag.

Ein Kilo Kohle, in einer Dampfmaschine verbrannt, liefert während der Zeit einer Stunde die Kraftmenge einer Pferdekraft und ist im stände, damit während der gleichen Zeitdauer eine Bogenlampe von 5000 Normal­kerzen Lichtstärke mit dem erforderlichen elektrischen Strome zu versehen. In der Dampfmaschine gehen aber bereits neun Zehntel der in der Kohle enthaltenen Kraft verloren, welche, wenn sie ohne Verlust zur Verwendung käme, also bereits im stcmde wäre, eine Lampe von 5000 Kerzen zu speisen. Nochmals neun Zehntel der in die Lampe gelangenderi. Kraft werden aber dort nicht in Licht, sondern in die in den allermeisten Fällen durchaus nicht wünschenswerte Wärme verwandelt, sodaß thatsächlich nur der hundertste Teil der in der Kohle schlummernden Kraft als Licht in Erscheinung tritt.

Es wird vielleicht nie gelingen, mit menschlichen Ma­schinen der Arbeitsökonomie des lebenden Körpers gleich oder nahe zu kommen, da Tier und Mensch unvergleich­liche Kraftmaschinen sind, die um so größere Bewunderung abnötigen, je tiefer man sich in ihr Wesen versenkt. Der geniale Kops jedoch, dem es gelänge, unsere Beleuchtungs­mittel auch nur um das zehn- oder zwanzigfache besser äuszunutzen, als es bis jetzt möglich ist, müßte ohne Zweifel den größten Erfindern aller Zeiten zur Seite gestellt wer­den, und es ist deswegen begreiflich, daß man sich unaus­gesetzt bemüht, den Johanniswürmchen und anderen Leuchttieren ihr Geheimnis der Lichterzeugung abzu­lauschen.

Da man von diesem Ziele allem Anschein nach noch recht weit entfernt ist, kam vor kurzem ein Franzose Raphael Dubois auf die Idee, das natürliche Licht leuchtender Tiere direkt zu Beleuchtungszwecken zu verwenden. Der Gedanke ist nicht ganz neu; denn in Mexiko und andern Ländern Mittelamerikas, wo Leuchtkäfer zu Hause sind, denen gegen­über unsere Johanniswürmchen Liliputaner an Größe wie an Leuchtvermögen sind, schmücken sich die dunkeläugigen Schönen zur nächtlichen Promenade in der berückenden, lauen Tropennacht gern mit dem sanft schimmernden leben­

den Licht dieser Tiere, Welche sie in ihre Frisur setzen und mittelst eines feinen darüber gespannten Netzes gefangen halten.

Dubois wählte jedoch zu seinen Versuchen die kleinsten unter den mit der Fähigkeit zur Lichtausstrahlung be­gabten Lebewesen, ' nämlich die Bakterien, welche das Meeresleuchten verursachen. Das Licht dieser Photomikroben, welches vom Äuge als äußerst angenehm empfunden wird, enthält nur ein Minimum schwarzer Wärmestrahlen, auch die chemischen Strahlen sind nur in geringen Mengen ver­treten, und es bedarf stundenlanger Belichtung der empfind­lichsten photographischen Platten, ehe diese deutliche Spuren der Einwirkung derselben zeigen. Dagegen hat das für unsere Augen wahrnehmbare Licht dieser Leuchtbakterien mit den Röntgenstrahlen die Eigenschaft gemeinsam, auch feste und undurchsichtige Körper zu durchdringen, unter denen nur die Metalle, besonders das Aluminium, ein Hindernis bilden.

Nachdem Dubois seine Versuche zuerst der Akademie der Wissenschaften in Paris vorgesührt, wiederholte er diese im Palais für Optik auch vor einem größeren Publikum, ivobei er auch Mitteilungen über die Art und Weise der besonders schwierigen Züchtung dieser Kleinlebewesen machte. Das Meerwasser, eine Lösung sämtlicher auf der Erde vor­handenen Stoffe, enthält natürlich alle Bestandteile, die irgend ein lebender Körper zu feinem Bestreben braucht. Das glänzende Phänomen des Meerieuch irxs, wie es hun­dertfältig in Reisebeschreibungen geschildert worden ist, be­deutet aber doch nicht das größte Maß der Leuchtfähigkeit dieser Kleinlebewesen. Im Laboratorium der Bakteriologen gelang es vielmehr, noch günstigere Bedingungen für das Wachstum und die Ernährung derselben zu ermitteln, deren Eignung zum Teil darauf beruht, daß bett Bakterien in der künstlich hergestellten Bouillon die zu ihrem Aufbau nötigen Stoffe in konzentrierter Form geboten werden.

Die Nährflüssigkeit besteht im wesentlichen aus Wasser, Meersalz und irgend einer eiweißhaltigen Verbindung. Zu­erst versuchte es Dubois mit Peptonen, jenen bekannten, künstlich verdauten Eiweißstoffen, welche heute als.Kraft­nahrung für Kranke und Schwache eine so wichtige Rolle spielen. Die Leuchtpilze gedeihen dabei sehr gut; da aber sämtliche Peptone außerordentlich schnell der Zersetzung durch fremde ans der Luft in die Nährflüssigkeit geratene Fäulnisbakterien unterliegen, verbreiteten die Pilzkolonien sehr bald einen so verpestenden Duft, daß man geneigt sein könnte, die Ausdünstungen chinesischer Stinktöpfe für ein liebliches Parfüm zu erklären. Obendrein wurden die Leucht­bakterien auch alsbald von den fremden Pilzkolonien über­wuchert, sodaß die Leuchtkraft nach kurzer Zeit aufhörte. Als ein viel geeigneterer Stoff erwies sich das Asparagin, ein in zahlreichen Pflanzenkörpern vorhandenes Alkaloid. Da in diesem aber kein Phosphor enthalten ist, dessen An­wesenheit zur Erzielung leuchtender Kolonien unumgänglich notwendig ist, mußten noch andere phosphorhaltige Ver­bindungen hinzugefügt werden.

Eine weitere Bedingung des Leuchtens ist die Erneuer­ung der Luft in kürzeren Zeiträumen, wobei eben leider die Einwanderung schädlicher Bakterien stattsindet. Um diese Luft nun keimfrei zu machen, ist es nötig, die Luft entweder zu filtrieren ober durch Leiten über ein glühendes Platin­blech zu sterilisieren.

Natürlich bedarf es einer besonderen Vorrichtung, um das Licht der Bakterienkulturen nach allen Seiten in den Raum zu verbreiten. Dubois lebende Lampe besteht nun, aus einem einfachen, metallischen Träger zur Aufnahme eines flachen und breiten Glasgefäßes, in dem sich die leuchtenden Kolonien befinden, und über welchem ein Re­flektor aus Zinnfolie angebracht ist. Das ganze ist durch eine Glasglocke luftdicht verschlossen, sodaß sich die Bak­terien über 6 Monate lebensfähig erhalten. Im Ruhe­zustände ohne Luftzufuhr strahlen nun die Bakterien nur ein schwaches Licht aus; sobald man jedoch! ein wenig sterili­sierte Luft mit Hilfe eines Schlauches und einer Kautschnk- birne in den Jnnenraum treibt, leuchten die Bakterien in lebhaft phosphoreszierendem Lichte auf, das stark genug ist, um die Gesichtszüge von Personen erkennen, die Zeit auf einer Uhr ablesen oder Druckschrift lesen zu lassen.

Obwohl Dubois mit Hilfe großer Apparate es dahin gebracht hat, einen ganzen großen Saal mit diesem lebenden Lichte zu beleuchten, welches mit dem Glanze des Vollmond­lichtes verglichen wird, ist es klar, daß der Versuch vor-