Ausgabe 
31.10.1901
 
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Absicht, sie durch tröstlichen Zuspruch aufzurichten, hatte sie sich mit ihrem süßesten Lächeln der armen Debütantin genähert, die sie mit rückwärts gesunkenem Haupte, ge­schlossenen Augen und fessellvs niederslutendem Haar in ihrem Stuhle liegen sah.

Im nächsten Augenblick aber fuhr sie mit einem gellen­den Aufschrei zurück und stürzte gleich einer Besessenen wieder auf den zur Bühne führenden Gang hinaus.

Zu Hilfe! Sie stirbt!" schrie Miß Clarke.Ellen Howard hat sich getötet."

Eine unbeschreibliche Aufregung und Verwirrung war es, die dem Schreckensrufe folgte. Einige weibliche Mit­glieder der Gesellschaft sielen in Ohnmacht, und mindestens ein Dutzend Personen beiderlei Geschlechts drängte sich gleicht- zeitig in das enge Ankleidezimmer. Da aber stockte auch den Tapfersten und Verhärtetsten für einen Moment der Herzschlag in der Brust; denn ein furchtbares und er­schütterndes Bild war es, das sich ihren Blicken bot.

In derselben Lage, in der Miß Ada Clarke sie gefunden, ruhte Ellen Howard noch immer in ihrem Stuhl. Sie ivar offenbar bereits ohne Bewußtsein; denn auch der Lärm der Eindringenden und die von ihnen ausgestoßenen Ent­setzenslaute veranlaßten sie nicht, die geschlossenen Augen zu öffnen. Ihr helles Gewand ivar von oben bis unten mit Blut befleckt, und eine schauerliche Blutlache breitete sich zu ihren Füßen über den Boden hm. Die schlanken, Finaer ihrer auf dem Tischrand liegenden rechten Hana hielten noch immer den silbernen Griff des kleinen, blinken­den Dolches umklammert, während aus einer klaffenden Wunde an dem matt herabhängenden liiiren Unterarm ttt unaufhörlichem Strome stoßweise das Blut hervorquoll.

Sie hat sich die Pulsader geöffnet!" rief einerUm des Himmelswillen, schnell einen Arzt, ehe sie verbmtet.

Ihrer fünf oder sechs ivollten diensteifrig davonsturzen, aber Mr. James Fielding, der auch in kritischen Augen­blicken ein ausgezeichneter Geschäftsmann blieb, hielt sie auf.

,Bor allen Dingen kein Aufsehen, meine Herrschaften! Wenn man im Publikum etwas davon erfährt, ist es um den Erfolg des Abends geschehen. Ich werde sofort den Theaterdiener in unauffälliger Weise nach emem Arzte senden, und im übrigen können ja die Damen, die sich für den zweiten Aufzug nicht umzukleiden haben, wahrend der Dauer des Zwischenaktes die Blutung mit naßen Tüchern und dergleichen zu stillen suchen. Daß Sie dabei auf die I Schonung Ihrer Toiletten bedacht sein müssen, brauche ichj Ihnen ja nicht erst auf die Seele zu binden."

| Die kaltblütige Gelassenheit des umsichtigen ^mpresario schien auch auf die anderen eine gewisse beruhigende Wirkung zu üben. Schon die Furcht, einen häßlichen Flecken aus j dem empfindlichen Kostüm davonzuträgen, veranlaßte dw I meisten, in eine sichere Entfernung zurück zu weichen. Und da nun überdies Miß Ada Clarke, die unentbehrliche Dar­stellerin der weiblichen Hauptrolle, draußen auf dem Gange unter der Nachwirkung des gehabten Schreckens in emen regelrechten Weinkrampf verfiel, wurden hier und da bereits | Worte der Entrüstung über Ellen Howards unverantwort­liches Beginnen vernehmlich. .___

I Einer nur, ein blasser junger Mensch, der eigentlich gar nicht zur Fieldingschen Truppe gehörte, sondern erst

I Mer in Denver für eine kleine Anmeldervlle engagiert wor- I den war, schien mit den Anordnungen des klugen ^mpre- | sario nicht einverstanden. Er war der Sohn emesin der | Arapahrestraße etablierten Juweliers, und deshalb unter allen Anwesenden der einzige, der die örtlichen erhalt- TU^e Binder Theaterdiener einen Arzt herbeigeschafft hat, ! ist es längst zu spät", raunte er einem neben ihm Stehenden zu.Ich habe den Doktor Hermann Müller, den deutschen

I Oberarzt von St. Anthonys Hospital, in einer der ersten Parkettreihen sitzen sehen, und ich gehe trotz meines Kostüms in den Zuschauerraum, ihn zu rufen -. der menschen­freundliche Mr. Fielding mag dazu sagen, was er will

I. Ex verschwand geräuschlos, und er mußte wohl einen | geeigneten Weg gefunden haben, sein Vorhaben auszufuhren;

denn nur wenige Minuten waren verstrichen, als er m | Begleitung eines hochgewachsenen, stattlichen, vielleicht ac_st- I undzwanzigjährigen Mannes zurückkehrte, dessen blond- bärtiges, sympathisches Gesicht in jedem Zuge seine deutsche j Abstammung verriet.

I (Fortsetzung folgt.).

ganz geschehen und sie machte keinen Versuch mehr, die durch I ihre Schuld verdorbene Szene zu retten.

Wer sie that auch nicht, was wahrscheinlich die meisten anderen in ihrer Lage gethan haben würden. Sie brach nicht in Thränen aus und schlug nicht die Hande vor das Gesicht, sondern sie wandte es vielmehr, sich hoch aufrichtend, l mit einer unnachahmlich stolzen, ja beinahe herausfordern­den Bewegung dem Publikum zu. Ihr Antlitz war toten­bleich unter der aufgetragenen Schminke, aber die dunklen I Augen, die jetzt von einer fast unnatürlichen Größe er- I schienen, sprühten Blitze des Zornes. Furchtlos suchte sie I dw Stelle, von der die spöttischen Worte gekommen waren, I und nicht wie ein verhaltenes Weinen, sondern wie em I Ausdruck unsäglicher Verachtung zuckte es um die schön | geschwungenen Lippen. .. .. !

Wohl eine Minute lang stand sie so m der Unbeweglich­keit einer Statue da, von dem grellen Licht der Pro- I szeniumslampen umflossen. Und als besäße ihr funkelnder I Blick eine seltsame, geheimnisvolle Macht über die Menschen I zu ihren Füßen, verstummte allgemach das höhnende Ge- I lächter, und wieder wurde es ganz still. ,

Man erwartete wohl, daß sie jetzt zu sprechen beginnen würde, und man hätte es ihr sicherlich sehr leicht gemacht, I die Wirkung ihrer ersten Befangenheit wieder auszuloschen. | Aber man sah sich in jener Ertvartung betrogen; denn als das Lachen aufgehört hatte, wandte sich Ellen Howard langsam dem Hintergründe zu, und verließ in der stolzen I Haltung einer Siegerin schweigend die Bühne. I

Hätte ihre Rolle eine größere Bedeutung gehabt, so wäre es ja um den Erfolg des Stückes rettungslos geschehen | gewesen. Aber zum Glück hatte man der Anfängerin nur 1 eine der kleinsten Partien anvertraut, und es gelang der | Geistesgegenwart der auf der Szene befindlichen Schau- I Mieter, durch einige aus dem Stegreif vorgebrachte Wen-

* düngen, die durch das Verstummen und den vorzeitigen I Abgang ihrer Partnerin hervorgebrachte Lücke auszufüllen.

Immerhin war der Zwischenfall, dessen Eindruck auf die Stimmung des Publikums sich noch nicht absehen ließ, unangenehm genug. Und es war dem Impresario, der von seinem Platze hinter den Kulissen aus den Vorgang als ohnmächtiger Zuschauer hatte mit ansehen müssen, kaum | zu verdenken, daß er seinem Unwillen der jungen Schau- I Mieterin gegenüber auf eine nicht eben rücksichtsvolle Weise Luft machte. Ellen Howard aber schien kaum ju Horen, j was er sprach.. Etwas eigentümlich Starres war in dem Blick, mit dem sie über ihn hinstreifte, und nur, als er seine halblaut hervorgesprudelten Vorwürfe mit der Erklärung | schloß, daß er selbstverständlich an diesem ersten Versuch i genug und übergenug habe, neigte sie wie zum Zeichen, daß sie nichts anderes erwartet habe, zustimmend den Kopf.

Niemand außer Mr. Fielding redete sie aus dem kurzen Wege an, den sie bis zu ihrer Garderobe zurückzulegen hatte, und wenn sie auch das Ankleidezimmer mit zwei anderen Schauspielerinnen teilen mußte, so fand sie es doch in diesem Augenblicke leer. Sie drückte die Thur hinter sich ins Schloß und riß dann mit leidenschaftlicher Heftigkeit die Nadeln, ivelche die Frisur zusammengehalten hatten, aus ihrem Haar. Eine Wolke von weißem Puder wirbelte auf, und int nächsten Moment schien die schlanke Mädchengestalt wie in einen seidig glänzenden schwarzen Mantel eingehüllt. Sie trat an den Spiegel, der über ihrenl Toilettentisch angebracht war, und wieder zuckte es ver­ächtlich um ihre feinen Mimdwinkel, als ihr geschminktes Bild ihr von dem blanken Glase zurückgeworfen wurde.

Ein paar unverständliche Worte murmelnd, ließ sie sich vor dem Tischchen nieder und zog die Schublade auf. Ein winziger Dolch mit kunstvoll gearbeitetem silbernen Griff blinkte in ihrer Rechten, und sie ließ einige Sekunden lang das flackernde Licht der über , ihrem Platze ange­brachten Gasflamme auf seiner spitzigen, haarscharf ge­schlissenen Klinge spielen. Dann lehnte sie sich m den Stuhl zurück, während ihr schönes Gesicht einen Ausdruck leidenschaftlich düsterer Entschlossenheit annahm und mit einer raschen, energischen Bewegung streifte sie den wetten Aermel des leichten Gewandes bis zum Ellenbogen über ihren fast noch kinderhaft zarten linken Arm empor. _

Noch ganz berauscht von dem stürmischen Beifall, der ihr nach dem ersten Fallen des Vorhanges gespendet worden war, hatte Miß Ada Clarke, ein anderes Mitglied der Fieldingschen Truvpe. die Garderobe betreten. Und in der