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Gesprengte Fesseln.
ftomcut von R ei n hold O r t m a n n.
Er st es Kapitel.
Der Zuschanerraum des eleganten Broadwaytheater zu Denver, der prächtig gelegenen Hauptstadt des amerikanischen Unionstaates Colorado, war säst bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. War doch mit den überschwenglichsten Worten das Lob der Schauspielergesellschaft verkündet worden, die an diesem Abend ihre erste Vorstellung geben sollte, und versprach man sich doch wahre Wunderdinge von der Ausstattungskomödie „Me drei Musketiere", die nach amerikanischem Brauch das ganze Repertoire des Impresario James Fielding ausmachte.
Tiefe Stille herrschte im Auditorium, als der letzte Don der Ouvertüre verklungen war und der Vorhang in die Höhe rauschte. Man war während des verflossenen Winters mit künstlerischen Darbietungen hier im fernen Westen nicht allzusehr verwöhnt worden und brachte der Fieldingschen Truppe, die in den östlichen Großstädten so außerordentliche Erfolge erzielt haben sollte, deshalb die freundlichste Stimmung entgegen. Während der ersten Szenen hatte es denn auch ganz den Anschein, als sollten sich die Erwartungen vollauf erfüllen. Die männlichen und weiblichen Künstler zeigten sich den ihnen gestellten Aufgaben gewachsen, und das Zusammenspiel ließ nichts zu wünschen übrig. Das Publikum freute sich der hübschen, zum Teil sogar prächtigen Kostüme, deren auf dem Zettel ausdrücklich hervorgehobene histörische Treue nur von wenigen mißtrauischen Gemütern. angezweifelt wurde, und es lachte ebenso willig über die hier und da eingestreuten Scherze, als es.sich von der .stark aufgetragenen Sentimentalität anderer Szenen rühren und ergreifen ließ.
Eben . war . eine längere Deklamation des jugendlichen Helden durch donnernden Beifall bei offenem Vorhang ausgezeichnet worden, als das Erscheinen einer bis dahin in dem Stücke noch nicht aufgetretenen Schauspieleriri Namentlich bei den zunächst sitzenden und den mit Operngläsern ausgerüsteten Zuschauern ein gewisses Aufsehen erregte.
Die Künstlerin, die auf dem Zettel als Miß Ellen Howard bezeichnet war, mußte in noch sehr jugendlichem Alter stehen; oenn ihre hochgewachsene Gestalt zeigte die eckigen Umrißlinien und die zarten Formen eines sich eben erst zur Jungfrau entwickelnden Kindes. Auch den etwas
Donnerstag den 31. Moder.
Ur. 156.
1901
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ie Weisheit ist ein Quell, je mehr man aus ihr trinkt, Je mehr nnd mächtiger sie wieder treibt und springt.
Angelns Silesius.
hastigen und ungestümen Bewegungen ihrer anscheinend zu langen Glieder mangelte es noch an jener Weichheit und anmutigen Rundung, die zumeist erst das Ergebnis einer längeren Thätigkeit auf den weltbedeutenden Brettern find. Das Kostüm, das einer üppigen Figur vielleicht vortrefflich gestanden hätte, war mehr danach angethan, die Schönheitsfehler der überschlanken Gestalt hervorzuheben, als sie zu verschleiern, und Miß Ellen Howard stand demnach an bestechendem Liebreiz der äußeren Erscheinung sicherlich hinter allen übrigen weiblicher! Mitgliedern der Gesellschaft weit zurück.
Wenn sie trotzdem in hohem Maße das Interesse derjenigen erregte, die im stände waren, auch die Einzelheiten ihres Antlitzes zu erkennen, so konnten nur ihre wundervollen, dunklen, nach Form und Größe in der That außergewöhnlich schönen Augen die Ursache dieser Be- wunderung sein. Im ganzen Theater war Wohl niemand, der je zuvor so seltsam leuchtende und ausdrucksvolle Augen gesehen hatte, als sie in diesem jugendlich zarten Mädchenantlitz glühten. Die Farbe ihres Haares war unter dem weißen Puder, mit dem sie es, dem historischen Charakter ihres Kostüms entsprechend, bedeckt hatte, nicht zu erkennen, aber das tiefe Schwarz der stolz geschwungenen Brauen ließ sie erraten, und es bedurfte keiner allzu lebhaften Phantasie für die Vermutung, daß Miß Ellen Howard im gewöhnlichen Leven viel schöner sei als in dieser künstlichen Entstellung.
Langsam war sie bis hart an die Rampe vorgetreten, wie ihre Rolle es vorschrieb, und das Verstummen ihrer Partner ließ erkennen, daß die Reihe zu sprechen an sie gekommen war. Aber ihre Lippen blieben geschlossen, und es gab eine lange, peinliche Stille, während deren man selbst in den entfernteren Teilen des Theaters, deutlich die zischelnden Flüstertöne des Souffleurs vernahm. Ohne allen Zweifel war die junge Schauspielerin eine Beute des von allen Kunstnovizen so sehr gefürchteten Lampenfiebers geworden und eine Aufregung, die sich natürlich von Sekunde zu Sekunde steigerte, schnürte ihr die Kehle zusammen. Wohl bemühten sich .die Mitspielenden, als sie ihren Zustand erkannten, ihr durch improvisierte Reden zu Hilfe zu kommen, aber sie verwirrten sie damit augenscheinlich nur noch mehr; denn als sie endlich, ihre ganze Willenskraft aufbietend, einige Worte sprach, enthielten dieselben eine Frage, auf die das Publikum die Antwort bereits gehört hatte.
Und ob auch ihre weiche, melodische Stimme von wahrhaft bestrickendem Wohllaut war, die Zuhörer empfanden doch in diesem Augenblick nicht das Rührende und Mit- leiderregenöe, sondern nur das Belustigende der Situation. Oben auf der letzten Gallerte machte jemand eine höhnische Bemerkung, die vernehmlich das ganze Haus dnrchtönte und die so lange unterdrückte Heiterkeit der übrigen in lautes Gelächter ausbrechen ließ. Nun war es um die Fassung der armen jungen Schauspielerin selbstverständlich


