Ausgabe 
31.8.1901
 
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Ich hatte ihm nichts zu vergeben; denn er glaubte ja nach bestem Gewissen zu handeln. Ich! werde es selbst­verständlich auch niemals dulden, daß er sich einer' falschen Aussage bezichtigt."

Nun, was sagte ich Dir, Rudvlf: ein engelhaftes' Geschöpf! O, Du solltest! sie nur erst kennen, wie ich sie kenne! Du solltest Dir nur erst erzählen lassen, wie sie Dich seit der Stunde ihrer Ankunft gepflegt hat, Tag und Nacht, als wäre sie gar kein irdisches Wesen, das essen und trinken und schlafen muh wie andere Menschen."

Herr Jmberg, ich bitte Sie", fiel Margarete mahnend ein.

Rudolf aber winkte ihr mit den Augen, fich noch! einmal über ihn zu neigen, und so leise, daß nur sie es vernehmen konnte, hauchte er ihr ins Ohr:.Da ich! doch sterben muh, darf ich Dir's ja sagen ich liebe Dich!, 9)lcrEßciT£te!"

Da beugte sie sich noch ein wenig tiefer herab und drückte ihren reinen Mund innig auf seine farblosen Lippen.

Aber Rudvlf Jmberg starb nicht- Drei Wochen später konnte er in einem Krankenwagen nach München gebracht werden, um in der Klinik des berühmten Professors, dem er allein die Erhaltung seines Lebens zu danken hätte, seine volle Wiederherstellung abzuwarten. Denn daran, daß er vollständig wiederhergestellt werden würde, gab' es jetzt keinen Zweifel mehr. Auch der Professor hatte sich! geirrt, als er die Befürchtung ausgesprochen, daß! fein Patient ein Krüppel bleiben würde, und er freute sich seines Irrtums von ganzem Herzen.

Der alte Jmberg war nach zweitägigem Aufenthalt in München heimgereist, weil die Uebergabe seines Ge­schäftes in andere Hände seine persönliche Anwesenheit dringend notwendig machte. Margarete Willisen aber, die der sonst etwas barsche Professor fest in sein Herz ge­schlossen, hatte die ungewöhnliche Erlaubnis erhalten, ihren Verlobten auch in der Klinik weiter zu pflegen. Nur unter dieser Bedingung hatte Rudolf eingewilligt, sich dorthin bringen zu lassen.

Du hast mir geschworen, mich nicht zu verlassen, bevor ich Dich gehen heiße", hatte er auf ihren Einspruch hin erklärt,und da ich nicht gesonnen bin, das zu thun, wirst Du wohl oder übel bleiben müssen."

Sie aber war ja so gern geblieben.

Auch Lilli von Ranten genas langsam, und ihre An­gaben hätten auch den letzten Zweifel an der Schuld ihres Vaters beseitigen müssen, obwohl man ihr aus schonender Rücksicht auf ihre kindlichen Gefühle die ganze Größe dieser Schuld geflissentlich verheimlichte.

Sie hatte ihm schon am Abend seiner Ankünft von ihrer Begegnung mit Rudolf Jmberg droben in ihrem sogenannten Märchenschlvh erzählt, und auf seine Ver­anlassung war es geschehen, daß. sie am nächsten Tage dem jungen Rechtsanwalt das abendliche Stelldichein an der nämlichen Stelle gegeben. Ohne ihr die volle Wahr­heit zu sagen, hatte Ranten ihr doch verständlich gemacht, daß seine {^re und seine ganze Zukunft in Jmbergs Händen lägen, und daß er verloren sei, wenn es ihr nicht gelänge, seinen unbarmherzigen Gegner zu gewinnen.

Ihre Unterredung mit ihm müsse aber an einem Platze stattfinden, wo sie von niemand belauscht werden könnten; Jmberg würde auch wahrscheinliche dort hinauf viel eher kommen, als an irgend einen anderen Ort.

Sie hatte sich seinem Verlangen gefügt, ohne zu ahnen, daß er sich schon vor ihr dort einfinden würde, Und sie hatte thatsächlich nichts von seiner Anwesenheit gewußt. Ranten aber hatte öffenbar ihr Gespräch so lange be­horcht, bis er die unumstößliche Ueberzeugung gewonnen, daß er auch von Lillis Vermittelung nichts mehr zu hoffen habe.

Da war er denn seinem Feinde bis zu der verhangms- vollen Stelle vorausgeeilt, hatte seine schändlichen Vor­bereitungen getroffen, und sich auf die Lauer gelegt, um den gefährlichen Mitwisser seiner Schuld unter dem An­schein eines Unfalls für immer verstummen zu lassen. Daran, daß der starke und gewandte junge Mann ihü mit sich hinabreihen könnte in die grausige Tiefe, hatte er jeden­

falls nicht gedacht, da er sich sonst wahrscheinliche durch die Art des Angrisfs auch gegen diese Möglichkeit gesichert hätte.

Lilli jedoch blieb in dem Glauben, daß ihr Vater vielleicht durch ihr langes Ausbleiben beunruhigt zu der Adlerwand hinaufgestiegen sei, um ihr entgegenzu­gehen, daß er den anderen gerade an jener gefährlichen Stelle getroffen habe, und daß ihr gemeinsamer Absturz im Verlause eines zwischen ihnen entstandenen Hand­gemenges erfolgt sei.

Auch über die Art, wie ihr Vater in den Besitz des Brillantschmetterlings gelangt war, erhielt sie niemals volle Aufklärung. Margarete Willisens Großmut hatte ihr, ohne daß sie selbst es je erfuhr, die grausame Notwendigkeit erspart, vor Gericht Zeugnis abzulegen über ihren Anteil an jener dunklen Angelegenheit. Mit unerschütterlicher Beharrlichkeit hatte das edle Mädchen sich geweigert, ihre Zustimmung zu dem von Volkmar bereits fertig ausge- arbeiteten Anträge auf Einleitung eines Wiederaufnahme­verfahrens zu geben. Sie stand ja rein und makellos da vor denen, die sie liebte, und die Rechtfertigung in den Augen der Welt schien ihr zu teuer bezahlt mit dem Un­glück, das sie damit über die arme Lilli und vielleicht auch über den Vater desgelsebten Mannes hätte heraufbeschwören müssen.

Nach langem Zaudern hatte Rudolf sich endlich ent­schließen müssen, ihrem in diesem Punkt völlig unbeug­samen Willen nachzugeben. Und als sie ihn am Morgen ihres Hochzeitstages lächelnd fragte, ob er denn nun weniger glücklich sei, weil er eine wegen Diebstahls vorbestrafte Braut zum Altar führen solle, war er plötzlich vor ihr niedergekniet und hatte den Saum ihres weißen Seiden­kleides an seine Lippen geführt.

Frau Therese Haller, die ihre Nichte zu sich genommen hatte, verließ mit ihr bald darauf für immer die Stadt. So blieb nur in einem kleinen Kreise glücklicher Menschen die Erinnerung lebendig an die schweren Prüfungen, die fremde Schuld einst über Frau Margarete Jmberg herauf­beschworen, und an die unerbittliche Strenge, mit der eine höhere Gerechtigkeit gesühnt hatte, was die irdische gefehlt- ______________

Die Blumen-Mission in Zürich.

Jedesmal zur Hochsommerzeit erinnert mich die bunte Pracht in den Gärten und aus dem Blumenmarkte an eine schöne Sitte, an der mich! zu freuen ich vor Jahren in Zürich Gelegenheit hatte. Dort hat sich! eine ansehnliche Schar Damen zusammengethan und die sogenannteBlumen- Mission" gegründet, die schon viel Freude und Erquickung, namentlich an Krankenbetten, gespendet hat.

In ein besonders zu diesem Zweck gemietetes Lokal bringen die Damen allwöchentlich zweimal den leicht ent­behrlichen Ueberfluß aus ihren Gärten, und die Nicht­gartenbesitzerin scheut eben einige Centimes nicht, und' holt ihren Beitrag im Blumenladen.

Alles, vom Veilchen und Flieder an, die ganze Rvsen- zeit hindurch bis zur Georgine und dem Chrysanthemum, wird zusammengetragen, zu hübschen Sträußen geordnet und in den Krankenhäusern, sowie an arme Hauskranke verteilt, deren Adresse man durch die Pflegeschwestern leicht erfährt.

Man glaubt gar nicht", sagte mir eine solche,welche Freude die Kranken wie die Genesenden an den Blumen haben, mit welch' dankbarem Entzücken sie den Strauß Maiglöckchen oder die paar Rosen und Nelken in Empfang nehmen, die auf einmal wie hergeflogen auf der Decke liegen oder in einem Glase auf dem Tischchen neben dem Bette stehen. Sie warten geradezu sehnsüchtig aus die freundlichen Geberinnen und diese wissen gar lieb und anmutig zu geben! Es gilt hier nicht, die drückendste Not zu stillen, es gilt Freude zu bereiten, das versüßt das Geben und das Nehmen, und die Freude ist ein mächtiger Heilfaktor am Krankenbett."

Wer einen reichen Blumenflor im Garten hat und diesen doch nicht zu Geld zu machen braucht, kann wahrlich keine bessere und schönere Verwendung dafür finden, und be­kanntlich gereicht es dem Stamm nur zum Nutzen, wenn die erblühten Blumen rechtzeitig abgeschlnitteu werden, statt