Ausgabe 
31.8.1901
 
Einzelbild herunterladen

1901. - Rt. 123.

fäSSnll'lft

DMR tzs #.

nd wenn dein Freund dich kränkt, Verzeih's ihm und versteh': ES ist ihm selbst nicht wohl, Sonst thät er dir nicht weh.

Rückert.

(Nachdruck verboten.)

Der Schmetterling.

Novelle von Reinhold Ortmann.

(Schluß.)

Auf Grund der Briefe, die man bei Rudolf vorgefunden, hatte man den Doktor Volkmar telegraphisch von dem Unfall in Kenntnis gesetzt, der seinen Freund betroffen. Am Abend des zweiten Tages schpn traf der Rechtsanwalt daraufhin in dem Gebirgsdorfe ein. Aber er kam nutzt allein, sondern in Begleitung eines gramgebeugten alten Mannes, den er unter beständigem tröstenden Zuspruch mit beiden Armen stützen mußte, als sie aus dem Wagen ^Rudolf lag teilnahmlvs, als sie das Krankenzimmer betraten. Seine Augen waren wohl weit geöffnet, aber er erkannte den Vater so wenig als den Freund, und fern Aussehen war noch immer ganz das eines Sterbenden. Weil der alte Pfandleiher in seinem grenzenlosen Kummer kaum eines anderen Gedankens fähig war als des euren, daß auch er nicht mehr leben könne, wenn sein Sohn ihm genommen würde, mußte Volkmar statt seiner alle rm Fnteresse des Patienten gebotenen Anordnungen treffen. Es war daher selbstverständlich, daß er sich aud). über die Ursache des Unfalls und über dre Ereignisse, dre rhm voraufgegangen waren, so genau als möglich zu unter­richten suchte. ,

Daß Rudolf Irnberg das Opfer ernes wohlvorbererteten, schändlichen Verbrechens geworden war, erschien rhm aus Grund- der in Erfahrung gebrachten Thatsachen bald als gewiß, Schon der Imstand, daß die beiden Verunglückten sich rrmschlungen gehalten wie Männer, die um Tod und Leben miteinander ringen, hatte ja von vornherein dafür gesprochen. Außerdem aber war durch eine genaue Unter­suchung unzweifelhaft festgestellt worden, daß dre Lockerung des Schutzgeländers durch, die Entfernung emrger Nagel absichtlich^herbeigeführt worden war. Wenn aber einer der beid en Ab gestürzten diese Schurkerei begangen hatte, so konnte es nur Rauten gewesen sein, und Volkmars wertere Nachforschungen brachten ihn schnell genug auf dre richtige Spur. m ..

Freilich waren es vorerst nur Vermutungen, dre er über den Zusammenhang der Dinge und über den Her­

gang des schrecklichen Ereignisses anstellen konnte. Denn der den er für den Schuldigen hielt, war tot, und dre beiden einzigen Personen, die außer ihm vielleicht hätten Auskunft darüber geben können, würde man vergebens ge­fragt haben. Lilli v. Ranten lag ja in Rudolfs bisheriger Wohnung ebenfalls schwer krank darnieder, und man fürchtete für ihr Leben kaum weniger als für das ferne. Frau Therese Haller, die durch Volkmar benachrichtigt wor­den war, befand sich nach einer von ihr abgesandten Ant­wortdepesche bereits auf dem Wege nach! Tirol, um ihrer von einem gefährlichen Gehirnfieber befallenen Nichte bei- zustehen. Und da verschiedene Angelegenheiten von höchster Wichtigkeit den Rechtsanwalt zu seinem schmerzlichen Be­dauern nach Hause zurückriefen, hatte er beschlossen, nur noch ihre Ankunft abzuwarten, ehe er die Heimreise antrat.

Welche Rolle auch immer der unglückselige Brillant­schmetterling bei den Vorgängen gespielt haben mochte, die sich hier zugetragen daß er einen entscheidenden Anteil an ihnen gehabt, konnte nicht zweifelhaft sein. Volkmar war fest entschlossen, nicht unthätig zu warten, bis einer der Beteiligten im stände sein würde, den Schleier des düsteren Geheimnisses zu lüften. Aber ohne eine vorauf­gegangene Besprechung mit Frau Haller konnte er nichts unternehmen, und um ihrer so rasch und so sicher als möglich habhaft zu werden, fuhr er ihr bis zur letzten Bahn­station entgegen.

Pünktlich lief der Zug der Gebirgsbahn ein, aber Volkmar glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen, als er, während er nach der imposanten Erscheinung der Er- warteten ausschaute, eine andere, wohlbekannte, feine Ge­stalt in der offenen Thür eines Wagens dritter Klasse stehen sah.

Fräulein Willisen", rief er,Sie? Das ist fürwahr eine gewaltige Ueberraschung. Wie in aller Welt kommen Sie denn hierher?"

Sie war ausgestiegen, aber sie wollte es nrcht leiden, daß, er ihr den kleinen Handkoffer abnahm.

Was mich herführt, Herr Doktor, wissen Sre recht gut", saote sie hastig, während es verräterisch heiß rn ihrem Gesicht aufflammte.Es war nicht recht von Ihnen, daß Sie mir nichts davon mitteilten, und daß ich es erst aus der Zeitung erfahren mußte. Aber es steht um ihn nicht so schlecht, wie die Zeitung schreibt nicht wahr? Sie würden ja gewiß nicht von seiner Seite gegangen fein, wenn wenn das schrecklichste zu befürchten wäre."

Er sah, wie sie in der angstvollen Erwartung seiner Antwort bebte, sah, wie die Erregung des Augenblicks sie zwang, das Geheimnis ihres .Herzens preiszugeben, und tiefe Bewunderung war es, die ihn dabei erfüllte. Sie hatte also Rudolfs Antrag zurückgewiesen, obwohl sie ihn liebte und- obwohl dieser Antrag für sie alles be°