187
chörichte Lola liebte den Mann, den Adele zwar an einem Losen Fädchen, aber doch ganz sicher festhielt. Einfach Größenwahn war es, wenn Lola hoffte.
Adele lachte leise auf.
„Ra, das ist schön, Mädel, daß Du trotz des Wartens bel Humor bleibst", sagte heiter der Domänenrat Franzius winkte den Wagen heran und stieg ein.
Adele sprach nicht viel auf der Fahrt, und bas war dem Later eben recht, das freundliche Gesicht genügte ihm- er hatte genug umherzuschauen, ob ringsum alles in Ordnung sei.
Heute toar’S übrigens nicht nur in -Ordnung, heute lag Feiertagsglanz auf der Erde: Der erste schüchterne Früh- -üng warf seinen braungrünen Schleier über die Bäume und dre Luft zitterte vom Klang der Palmsonntagsglocken. Zm Dorf standen die Konfirmanden schon da und dort vor den Thnren: neue steife Kleider, glattgeölte Haare, rot» gewaschene Gesichter — „ein abscheulicher Anblick", dachte Adele, — den Glanz in den Augen, den ehrlichen Ernst in den Kindergesichtern sah sie nicht.
Und dasselbe, nur um ein weniges verfeinert, soll ich. nun zwei Stunden lang regungslos anschauen, soll mich auch noch bedanken, daß die Verwandten mich dabei nicht entbehren wollen, und soll am Ende einen ganzen Tag lang ein grünes Backfischchen feiern helfen, das sich entweder in hilfloser Bescheidenheit verkriechen möchte, oder Dor lauter Wichtigthuerei unerträglich wird.
Das schöne Gesicht sah schon wieder zornig aus; da rollte ent leichter Zweisitzer hinter ihnen her, holte den Landauer cm und fuhr ein paar Minuten neben ihnen hin.
„Morgen, Herr Nachbar."
„Morgen, Poten. Na, wo hinaus. Auch 'ne kleine Kon- Iwmandin irgendwo?"
„Ihr Herr Bruder hat die Freundlichkeit gehabt, mich einzuladen — da haben wir wohl einen —"
®r hielt inne. Die Augen der schönen Adele glänzten plötzlich auf in liebenswürdiger Freude. Sie freute sich — freute sich wirklich ! Aber da hatte er ja endlich ein Zeichen!
Gott sei Dank, dachte Adele, nun muß ich' mich heute doch nicht unbedingt langweilen. Laut aber sagte sie lächelnd: „Fahren Sie zu — Ihre Pferde tanzen vor Ungeduld — auf fröhliches Wiedersehn."
Da ließ Poten den Zügel locker und fuhr wie der Teufel davon."
„Ich dachte gar nicht, daß der so'n Durchgänger sei", fagte Franzius lachend und ließ unentschieden, ob er Poten oder den Fuchs meinte. . ,
Als sie aber bei den Verwandten eintrafen, war der Nachbar noch nicht da, und die leise Verstimmung packte Adelen wieder. Natürlich! Tante Franzius bei jedem Wort zu festlichen Thränen geneigt, Onkel etwas unbehaglich, als sei ihm die Feierlichkeit im Hause ein schlecht sitzendes Kleid, Base Lola sehr reizend, aber melancholisch schweig- ;anr. — Ungeweinte Potenthränen hinter den Wimpern, dachte Adele ärgerlich. Ich kann Dir nicht helfen, Blondkopf, Poten ist der einzige Mann, der für mich paßt.
Nur über die zierliche Hauptperson konnte sich Adele benn besten Willen nicht ärgern. In dem duftigen, weißen Kleid stand sie so glückselig dankbar vor der Blumenpracht, die allerlei Freunde des Hauses für sie geschickt hatten, daß man sich an ihr freuen mußte.
„ „Kleines Mädel", sagte Adele, unwillkürlich ein wenig zärtliche wie wird Dir zu Mute sein, wenn Dich die Menschen nun urplötzlich Sie nennen?"
Maia sah die Base fragend an, dann schlang sie ihre Arme um die Schöne und flüsterte: „O goldene Adele, tote lieb bist Du heute mit mir. Nun kann ich Dir auch sagen, wozu ich niemals den Mut fand: Ich bin Dir unmenschlich^ gut, ich möchte werden wie Du, so vollkommen und herrlich-, Mit dem Sie sagen, weißt Du, das wird nur ein bischen wunderlich sein, aber all das andre: daß ich eme Haustochter werde, wie sich's die Eltern wünschen und <01(1, eine gute Schwester, und immer gerade das thue, was nchtig ist, so wie Du, und — und daß ich halte, was ich heute versprechen will, und nichts von dem' vergesse, was mir gelehrt worden ist, und es wachsen lasse und immer besser verstehen lerne — ach goldene Adele, mir wird beinahe angst.
wenn ich daran denke, wie ernst das Leben ist, und wie wenig ich davon verstehe.
Träumerisch hörte Adele zu — sie sah sich selber im weißen Konfirmationskleid, auf der Treppe des heimatliche» Schlosses stehen, — hatte sie damals nicht auch- dergleichen gefühlt? Hatte sie sich damals nicht auch dergleichen versprochen? — Und wo hinaus war das alles verflogen.
Sie lächelte Maia an und strich ihr behutsam über das- weiche blonde Haar, wie man über eine Knospe streicht, die aufblühen will. Aber sie antwortete nicht, und als eben jetzt Poten mit einem Rosenstrauß eintrat, legte sie unwillkürlich den Arm um die jungen Schultern, als müsse sie die Knospe vor irgend etwas behüten.
Das sah so liebenswürdig aus, daß Poten beinahe vergaß, für wen seine Blumen bestimmt waren. Mit zwei Schritten stand er vor den Basen und sprach über Maias lichten Kopf weg: „Mein gnädiges Fräulein —"
Adele aber sagte lächelnd: „Da steht die Hauptperson."
Poten kam zur Besinnung; Maia erhielt ihre Rosen, die Eltern wurden begrüßt, und endlich stand der Gast auch bei Lola. Ein sanftes Rot der Freude stieg in dem stillen Gesicht auf, und Adele fühlte seltsamer Weise etwas wie Befriedigung, als die Beiden jetzt eingehend mit einander sprachen.
©te_ setzte sich neben die Blumen, hielt Maias Hand und lauschte dem ernsthaften Geplauder des jungen Mundes. Aber sie lauschte nicht lange, der schwüle Rosenduft drang ihr in alle Sinne, die Palmsonntagserinnerungen verblaßten, und je länger die drüben sprachen, desto heißer und zorniger wurde ihr zu Mute.
Ich will nicht übersehen werden, ich will nicht im Winkel sitzen, dieser Mann soll mein Mann werden.
Plötzlich stand sie auf. Maia schrak zusammen: „Hab ich etwas Thörichtes gesagt?"
Da erst fiel ihr ein, wer da stand und wer mit ihr gesprochen hatte. Man sah ihrem Blick an, daß er aus weiter Ferne kam, aber als er das schüchtern bewundernde Kindergesicht traf, wurde er weich, und zärtlich.
„Du bist ein liebes Ding", antwortete sie sanft, „aber jetzt mußt Du zu Deiner Mutter gehen, es ist Zeit."
Sie selbst trat zu Lola, schob ihren Arm in den der Base und sah Poten an. Sie lächelte nur, aber bei diesem Lächeln fiel ihm das Aufleuchten ihrer Augen wieder ein, und heiß wallte es in ihm auf: Sie liebt Dich ja, die Schöne, Reiche, Spröde, Vielumworbene. Dich liebt sie!
Lolas stille Anmut verblaßte daneben.
Auf der Fahrt in die Kirche saß Poten mit Adele im Wagen, in der Kapelle, von der aus sie die junge Schar der Konfirmanden gerade vor sich hatten, blieb er neben Adelen. Er schob ihr den geschnitzten Kirchenstuhl zurecht, rückte ein Fell unter ihre Füße, schlug ihr das Gesangbuch auf — ehe er damit fertig war, hatten sich die andern schon allein geholfen.
Der Stuhl zu seiner Rechten blieb leer — Lola hatte ihn schon in der Hand gehabt, als sie aber Potens eifrigen Dienst sah, ging sie still nach der andern Seite und setzte sich dort, halb verborgen hinter einen Pfeiler.
Poten merkte gar nichts davon, wie konnte man irgend etwas anderes bemerken, so lange einen Adele Franzius braune Augen festhalten wollten.
Die Kirche war dicht gefüllt; aus allen Kapellen, von allen Emporen richteten sich zärtlich sorgende Blicke auf die junge Schar hinab, — im Schiff leuchteten junge, andächtige. Augen, schimmerten weiße Feierkleider, brannten glühende Wangen.
Nun begann die Orgel ihre feierliche Weise. Adele that einen tiefen Atemzug — sie freute sich doch, da zu sein. — es war doch schön so viel Jugend, so viel Hoffnung, so viel Andacht versammelt zu sehen. So hatte sie auch gesessen — daheim in der kleinen Kirche, die das Dorf und ihre Eltern gemeinsam, in Liebe und Verehrung für sie, damals ganz besonders reich geschmückt hatten. Sie hatte ganz genau gefühlt, daß sie den meisten der Versammelte« für die Hauptperson galt, und war doch nicht eitel darauf gewesen, nicht einmal stolz — nur ganz erfüllt von dem, was sie für diese Liebe und Verehrung zurückgeben müsse an Gegenliebe, an Hilfsbereitschaft, an Vorbildlichkeit, <M Treue, an gutem Willen.
Wo war das alles hin?


