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llnh darüber die Ruhe des Todes. Kein Vogel ließ sich hören. Die überlebenden Raupen hatten sich verpuppt. Die Vernichtung war eine vollständige.
Johannes erhielt von der Forstbehörde ein amtliches Schreiben, nach welchem der völlige Abhieb der kahlgefressenen Flächen noch diesen Sommer bewerkstelligt werden mußte, um weiterem Unheil vorzubeugen.
Johannes las es zweimal, dann hielt er sich die Brust mit beiden Händen, atmete schwer auf und rief nach Matthes.
Der kam ganz schüchtern herein, er wußte, daß ein Schreiben gekommen, was es enthielt, aber er wollte es sich nicht merken lassen.
„Da, leS." Der Bauer legte ihm das Schreiben vor.
Matthes wurde feuerrot. Einen Schrecken zu heucheln wagte er doch nicht vor dem prüfend auf ihm ruhenden Luge des Vaters.
„Ja, mein Gott, was is da z'mach'n, wenn das Forstamt befiehlt", stotterte er. „Uebrigens von weg'n der Verwertung brauchst kein' Sorg' z'hab'n. 's Bergwerk und die Papierfabrik pass'n schon lang drauf."
„So? 's Bergwerk und die Papierfabrik!" wiederholte Johannes, in heftigem Zorn an seinem Schnurrbart kauend. „Und wenn s' mir's in Gold aufwieg'n, jeden Bam, sie kriag'n kein' Stamm, kein' Steck'n!"
Es war die letzte Aufwallung. Gewaltsam unterdrückte er sie, sich mit dem farbigen Sacktuch über das Gesicht fahrend.
„Tu schreibst an Herrn Polentz, glei soll er komma. Ter mir schnell auframt, der is ma der Liabste. Auf's Geld pfeif i! Wenn i daran denk, daß i's anrühr'n soll, graust ma schon."
Er erhob sich gebückt. Tann warf er einen sonderbaren Blick auf Matthes. Es lag mehr bitteres Weh darin als Zorn.
„Dir graust's fr eilt net davor. Geld! Geld! Tas is ja Euer ganz Begehr, was a drüb'r zu Grund geht. — No ja", er reckte sich gewaltsam auf. „All's hat a End auf der Welt. Schreib nur dem Polentz."
Er ging langsam aus der Stube. Vor dem Hause blieb er stehen. Das Herz krampfte sich ihm zusammen, wie er so über die dürren Wipfel blickte, über das fahle Rot ringsum. Plötzlich zuckte er zusammen, hielt die Hand über die Augen und beugte sich weit vor.
Was war das, was da heraufblitzte mitten aus dem Walde? Er beugte sich rechts, er beugte sich links. Kein Zweifel, es war ein Fenster, in dem die untergeheUde Sonne ihr Lichtspiel trieb. Es gab aber nur ein Fenster im ganzen Wald, das Fenster der Holzerhütte.
Er trat wenige Schritte beiseite, da erblickte er auch den schwarzen Giebel. Der Anblick überwältigte ihn, er mußte sich, auf die Bank setzen. In wenig Wochen steht kein Baum mehr zwischen der Hütten und dem Hof, und dann, dann kommt wirklich der Händler, von dem er damals gesprochen mit dem alten Grimm — da kann man es sehen, was für ein armseliges Ding ist um den menschlichen Stolz! Der Ferl war ihm zu schlecht gewesen für die Tochter des Bauern vom Wald. Aber in wenig Wochen giebt's ja kein' Bauer vom Wald mehr; nachher wär' ja der Ferl auch nimmer zu schlecht, der Sohn von dem einzigen Menschen, der mit ihm weinen wird um den schönen Wald!
Denselben Wend noch ging er zum Grimm und zeigte ihm das Schreiben von dem Forstamte. Dem schweigsamen Alten, der bis dahin mit stoischer.Gelassenheit die Katastrophe über sich ergehen ließ, den auch der entsetzliche Gestank der Verwesung ringsum nicht vertreiben konnte, liefen jetzt die hellen Thränen über die tiefgefurchten Wangen. “
„Und den Ferl laß komma, glei morg'n. Es giebt jetzt Arbeit g'rad genua für ihn, er muaß komma!"
Grimm sah mit offenem Munde auf seinen Herrn. Der wies mit dem Stecken gegen den Hof; zwischen den des Nadelwerkes beraubten Stämmen sah man ihn deutlich liegen auf der Höhe.
„Da schau hin! Ms in an Monat kommt's schon no besser."
„Das soll heiß'n, Bauer?" fragte Grimm mit zitternder Stimme.
„Das soll heiß'n, daß bis in an Monat kein' Bauer« vom Wald mehr giebt, und — und daß für an Bauern ohne Wald bet’ Ferl grab guat gnua wär' als Tochtermann." Johannes reichte dem Alten tiefbewegt die Hand, die Lippen zuckten ihm verdächtig. Auch, der knorrige Alte war ergriffen. Ein Lebensalter hindurch gewahrte Treue, die gemeinsame Liebe, die sie seit Jahrzehnten verband, brach durch in dieser arbeitsharten Brust.
„So schwör’ i dir dageg'n, so wahr unser Herrgott mir hels, und mein Buab'n — wir wvll'n dein'm Wald treu bleib’n, bis wir b’ Aug’n schliaß'n und acht'n braus, wia auf unser Seelenheil."
„Mein Wald, sagst? I hab’ ja kein' Wald mehr in an Monat, sag i Dir!" erwiderte der Bauer.
„So, meinst, weil die alt'n Teufel da umanaud nimmer steh'n? Und was is denn nachh’r das da?" Er stieß mit dem krummen Fuß gegen beit Boden. „Ruhr da nut’ net a Dutzend solche Wälder? Geht das aus? Der Bod'n is der Wald, und bett tön na kaue Raup'n net fress'n, kein Wind verweh’n und kein Feuer ver- brenna. — Also!"
Johannes sah den Alten betroffen an. Daran hatte er in seinem Gram nicht einmal gedacht. Einen Augenblick zuckte es auf in ihm wie Freude, doch rasch erstarb die augenblickliche Regung. Er schüttelte nur traurig den Kopf.
„Mei’, Grimm, wir erleb'n ’s nimm«, und den«, die nach uns komma, wachs'n b’ Bam z' langsam. I dank Dir für ben Trost, aber — laß ben Ferl komma."
Johannes ging, er konnte es nicht aushalten in der vergifteten Luft. Grimm aber schrieb auf bem Hackstvck vor der Hütte mit zitternder Hand an seinen Sohn:
„Liaber Ferl! Kommen sollst, meint der Bauer, und zwar glei. Wir schau’n jetzt z'samm, der Hof und die Hütt’n. — Kennst Di aus? — I bin alt und z'samm- g'arbeit und hab Di wol nöti, und do war's mir glei liab'r, i kriegt' Di nimma z’seh’n, als das Unglück. Aber da bist g’rad a Muck'n geg’n so was. Unser Herrgott, der ben Wald wachs’n laßt, kann an a wied'r nehm« und umg’kehrt, ganz richti, so mein i, 's wird do nv all's sein Richtigkeit hab'n. Also schleun' Di, Bua, 's Rosl is alleweil no richti!
Dein alter Vater Grimm/'' Das war der längste Brief, ben er je geschrieben, die Finger waren ihm stocksteif davon.
(Fortsetzung folgt.)
Erinnerungszauber.
Eine Palmsonntagsgeschichte von Luise Glaß.
(Nachdruck verboten.)
Adele Franzius stand auf der Anfahrt des stattlichen alten Hauses, das sie im Dorfe das Schlößchen nannten, und wartete auf ihren Vater. Der frische Märzwind zauste ihr an Hut und Schleier, fegte die letzten welken Blätter von der Hoflinde und wirbelte den Kies durcheinander, auf dem der Kutscher ben Landauer langsam im Kreise fuhr.
„Auch noch", dachte Adele ärgerlich; „erst zwingt mich Papa, diese leidige Konfirmationsfeier mitzumachen, und nun stehe ich hier und warte, weil die Schecke gehustet hat. Ich werde doch wohl heiraten müssen, um endlich einmel selbständig zu werden."
Wer selbst der Aeraer stand diesem Gesicht gut. Der weiche, stolze Mund, die sprühenden Augen — kein Wunder, daß man sie ringsum die Schöne nannte, und daß mehr als einer hoffend darauf wartete, daß sich Adele Franzius zum heiraten entschlösse.
Sie wußte ganz genau, daß gewartet wurde und wer wartete; verliebt hatte sie sich glücklicherweise in keine», also konnte sie, unbeirrt von thörichten Gefühlen, mit Verstand und Vorsicht den Liebenswürdigsten und Reichsten auswählen: das war ohne Frage Nachbar Poten.
Nachbar Poten hatte das größte Gut in der Nähe bei' Hauptstadt, Nachbar Poten wußte zu reden und zu schweigen, Nachbar Poten beherrschte die Formen der tzK- sellschaft und war auch sonst unterhaltend; denn er hing nicht allein an Adelens braunen Augen, sondern sah auch manchmal in die blauen ihrer Base Lola. Und diese


