(Nachdruck verboten.)
Der Bauer vom Wald.
Novelle von An ton v. Perfall.
(Fortsetzung.)
So kam der April. Die Stürme fegten durch den Wald, die Schneemassen schmolzen, regnerisches, rauhes Wetter trat ein, und Johannes hoffte wieder..
Die Schlüsselblumen erschienen, ein feiner, grüner Schimmer unterschied die Weichhölzer, die Lärchen von den finsteren Tannen, in denen der Saft sich langsamer zu regen begann.
Immer noch alles still unter dem Mooswerk, unter den Rinden, und doch war es Johannes, als höre er ein geheiminsvolles Pochen und Rieseln im Wald, wie von geheimnisvoll sich regendem Leben. Seine Angst stieg.
Der Mai zog in das Land, so freudig und duftig wie je, alles hallte von Sängern im Wald und Hag, und in den Fichtenpflanzungen reckten sich die jungen Triebe.
Tas Leben war voll erwacht!
Eines Morgens entdeckte des Bauern schon geübtes Auge die erste Raupe, dann mehr. Ein ganzes Klümpchen Sewegte sich in einer Rindenfalte. Und bis zum Mittag ging schon ein seltsames, leises Rieseln durch den Wald, welc^s die Bewegung der Milliarden Körperchen, das Fallen von Nadeln und Rindenstäbchen verursachte. Ein
Sonntag den 31 März
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1901. - Rr. 47
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Zoozmann.
turnt und Regen
Soll mir den Weg nicht verlegen, Soll mir nicht hemmen die Sohle — Durch! sei meine Parole.
Kann doch der Sonne Licht Immer mit Wonne nicht Erdcnwärts schauen! Starkes Vertrauen
Auf die Kraft, die dir selber zu eigen, Mußt du zeigen, Wenn dich die Nebel umbrauen: Keck voran!
Und magst du auch irren: Wer wagen kann, Ist der rechte Mann. Ihm wird zum Wohle Sich alles entwirren — Durch! sei meine Parole.
Sonnentag hatte alle die ungezählten Hüllen gesprengt, dieses Meer von Leben geweckt!
Johannes dachte unwillkürlich, seines unwürdigen Benehmens in jener Unglücksnacht. Er wäre jetzt nicht im stände gewesen, nur eine Klage laut werden zu lassen. Er beugte demütig das Haupt unter der Größe des Ver- hängnis'ses. Ja, selbst dem Versuche des treuen Grimm, welcher die Jugend des ganzen Torfes aufbot zur Raupenjagd, stand er völlig apathisch gegenüber. Er betrachtete sogar jetzt mit einer gewissen Neugierde die Fortschiritte des Prozesses, der sich unter den günstigsten Witterungsverhältnissen mit unheimlicher Raschheit vollzog.
Ter Fraß hatte begonnen! Graue Massen wälzten sich Stamm auf, Stamm ab, Körper über Körpcn Ein unendliches Ringen und Kämpfen begann. Die äußersten Astspitzen schwankten unter der Last der in Traubengebilden herabhängenden Raupen. ®n ununterbrochener Regen rieselte herab, zernagte Nadeln, die Exkremente der Tiere, während der Boden sich mit einer dichten Schichte Unterlegener, Verdrängter, Getöteter bedeckte.
Ein unerträglicher Verwesungsgeruch stieg auf, wo noch vor einer Woche der köstliche Geruch des Harzes, der jungen Blüten die Luft erfüllte. Er vergiftete förmliche den Bauern, der einem kranken, erschöpften Greise glich.
Selbst Matthes und die Mutter betrachteten ihn mit Mitleid, versuchten sich sogar in Tröstungen und Bedauernissen. Doch denen winkte er nur mit einem herben Zug um den Mund ab.
„Laßt das! Was sein mnaß, muaß sein!"
Sommerlicher Wald, in dessen kühlen, duftigen Schatten wir fliehen aus dem heißen, bestaubten Leben, von uralter Sehnsucht gepackt! Ob du in glühendem Sonnenbrand ruhst, von tausend Lichtern und Schatten durchspielt, oder die Nacht herab sich senkt auf die flüsternden Wedel und Zweige, Nebelschleier phantastisch um die bemoosten Stämme schweifen, segensreicher Regen auf dich herniederrauscht, oder der Sturm deine Wipfel peitscht, fahle Blitze dich durchleuchten, ob die aufgehende Sonne dich in prunkendes Gold und Diamanten kleidet, oder die unter- gehende mit einem feierlichen, roten Schimmer überströmt, immer bist du erhaben und schön! Ja, selbst wenn die gierigen Flammen, von unvorsichtiger oder böser Hand entfacht, prasselnd, knallend, von Gipfel zu Gipfel fliegend, dich verzehren, oder der entfesselte Orkan in jähem Anprall dich mit Donnergetöse zu Boden schmettert, ist dein Tod erhaben. Und jetzt all die würdige Größe zernagt, beschmutzt von einer Raupe, ein. häßlicher, dürrer, übelriechender, riesiger Leichnam!
Keine grüne Nadel war übrig geblieben. Weit und breit nichts als rote, kahle Wipfel. Nur einzelne Eichen ragten wie grüne Oasen aus der dürren Baumwüste empor.


