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die Schrift echt ist, dagegen wird die Feder bei einer Fälschung jeden Moment stocken; jeder zu steile Strich, jeder zu breite oder zu flache Bogen, jede Verdickung, welche nicht im Charakter der Originalschrift liegt, muß ihm auffallen. Nur so kann man erkennen, an welchen Stellen der Fälscher seinem Original nicht vollkommen gerecht wurde. Nicht die einzelnen Merkzeichen, aber eine größere Zahl solcher Momente wird zur Ueberführung des Fälschers dienen.
Was nun die „wertvollen alten Handschriften" betrifft, so hat man immer Veranlassung, dieselben mit größerer Aufmerksamkeit zu betrachten, sobald sie irgend welche besonders auffällige Anzeichen ihres hohen Alters zeigen. Sie sind mit künstlichen, meist chemischen Mitteln erzeugt, und geben dem Chemiker nun vollkommene Veranlassung, gleich an dem auffälligen Punkte die Untersuchung ins Werk zu setzen. So bereiten sich. z. B. Fälscher häufig eine besondere Tinte, welche der Schrift den Charakter hohen Alters verleihen soll. Sie erreichen dies, indem sie verrostete Nägel in die Tinte werfen, und dann mit Rohrfedern schreiben. — Wirklich alte Schrift zeigt einen fein abgetönten gelblichen Hof, solch ein Hof kann zwar auch durch eine besonders zubereitete Tinte erreicht werden, doch sind die Abstufungen in der Farbe unnatürlich. Auch dieser Umstand verdient Beachtung. Die chemische Prüfung der Tinte bildet stets ein Hauptmoment der Untersuchung. Häufig genügt es schon, die Schrist- zeichen mit verdünnter Salzsäure zu betupfen und auf die Farbenveränderung zu achten. Alte Schrift wird langsamer angegriffen, als diejenige jüngeren Datums.
Bei Dokumenten ist ein breiter Zeilenabstand, welcher zur Einfügung von Worten benutzt ist, verdächtig; ebenso verdächtig ist es, wenn ergänzende Worte eines alten Dokuments vorsichtig unter oder neben die Falten des Schriftstückes gesetzt sind, lieber die Falten hinweg schreibt der Fälscher nämlich nicht gern, da die Schrift hier ausfließt, und man daraus erkennt, daß die Zusätze nicht ursprünglich enthalten waren, sondern nachträglich in das vielfach gefaltete, vielleicht schon arg mitgenommene alte Dokument eingesetzt sind.
Häufig erweist sich auch die Unterschrift als echt, der Text dagegen als gefälscht. Solch eine Schrift, z. B. ein Schuldschein, kann etwa auf folgende Weise entstanden sein: Jemandem wird ein harmloses gedrucktes Formular, das die Subskription auf irgend ein Werk oder dergleichen enthält, vorgelegt. Zwischen dem gedruckten Text und der Unterschrift ist aber ein freier Raum geblieben, und dieser wird nun für den beliebigen Wortlaut des Schuldscheins benutzt, während der bedruckte Text oben abgeschnitten wird.
Je größer die Kunstfertigkeit des Schriftfälschers, um so größer muß die Gelehrsamkeit des Schriftprüfers sein. Ja, das Wissen eines einzelnen Mannes reicht häufig nicht einmal aus, allen Tücken des Fälschers auf die Spur zu kommen, und an mancher uralten Handschrift haben sich schon Philologen, Chemiker, Historiker und Schreibsachverständige gleichzeitig die Zähne ausgebissen; und schon mancher Schwindler ist der strafenden Gerechtigkeit entgangen, weil die Sachverständigen nicht einig werden konnten. ____________
Geineinnützrges.
Ein neuer Schädling. In der neuesten Nummer des „Praktischen Ratgebers" berichtet Freiherr v. Schilling über ein von ihm neu entdecktes Insekt, welches oft in Gemeinschaft mit der ähnlichen Blutlaus auf Apfelbäumen und den verschiedensten Kulturpflanzen, selbst auf den Kamellien im Zimmer vorkommt. Er bezeichnet diesen Schädling, den er in den verschiedenen Lebensstadien genau abbildet, als strolchende Wollschildlaus: Dactylopius vagabundus. Dieser kleine Vagabund richtet, wie berichtet wird, mit seinem Säugrüssel, den er in die Pflanzenhaut senkt, zuweilen recht beträchtlichen Schaden an. Gartenfreunde, die die Kenntnis der auf ihren Lieblingen vorkommenden Schmarotzer bereichern wollen, können die betreffende Nummer des „Praktischen Ratgebers" vom Geschäftsamt in Frankfurt a. O. kostenfrei erhalten.
Litterarisches.
BelharM & Kinsings Monatshefte.
Das soeben erschienene 6. Heft von Velhagen und Klasings Monatsheften bringt eine höchst originelle Erinnerung an Fräulein Lola Montez lobesamen Andenkens: nämlich die Schilderung ihres ersten Auftretens in Deutschland, und zwar am Hofe Heinrichs des 72. von Röuß-Ebersdorf, ein köstliches Stück Kleinstaaterei, überaus hustig von einem Mann erzählt, der dem „großen Ereignis" persönlich nahe stand. Das prächtig ausgestattete Heft enthält ferner, außer der Fortsetzung des Romans „Das rote Auge" von Ernst Rem in, den stimmungsvollen Beginn einer größeren Erzählung „Leide n" von Beruh. Schulze-Sm idt. Sehr interessantisteinumfangreicher, sehr instruktiv illustrierter Aufsatz von Hanns vonZobeltitz über den im Bau begriffenen S i m p l o n - Tunnel, den° größten Tunnel der Erde; über Dilet- tanten-Theater in der Berliner Hofgesellschaft plaudert an der Hand zahlreicher Porträts G. von Li er es; das Lebenswerk des genialen und überspannten belgischen MalersWiertz schildert FedorvonZobel- titz; für die vielumstrittene o st afr ik anisch e Zentralbahn legt ein augenscheinlich sehr gut orientierter „älter Afrikaner" eine Lanze ein. Außer der Bücherschau von Heinrich Hart und einer eigenartig illustrierten kleinen Revue über „die gut gedeckte Tafel" bringt der Schluß des Heftes noch die Gratis-Beigabe der Romanbibliothek mit der Fortsetzung von „Erloschenes Licht" von Franz Rosen.
Kinder-Leitung. Hcrausgegeben von Felix von Stengliv, Groß-Lichterselde. Inhalt von Nr. 18. Was in der Welt vorgehl: Waldersee und Li-Hung-Tschang; ein Zukunftsbild; Ein Bries aus Paotingfu; Abermals ein Nordpolfahrer; Von Räubern gefangen; Kleine Notizen. Aus dem Reiche der Natur: Glühen des Brockengipfcls. Der Beobachter in Wald und Feld: Hasenfraß. „Das geheimnis- volle Haus." (Forts.) Puppcnhäuser aus alter Zeit. Erlebnisse. Tauschecke. Anzeigen. — Zu beziehen durch alle Postanstaltcn, Buchhandlungen und die Geschäftsstelle in Groß-Lichterfelde, Dahlemerstr. 75.
Liebig-Bilder.
Neue „Liebig-Bilder" — abgekürzte Bezeichnung für die von der Liebigs Fleisch-Extrakt-Kompagnie herausgegebenen bunten Empfehlungskärtchen — erregen stets in den weiten Kreisen der Sammler derselben viel Interesse. Soeben ist eine „Joh. Strauß-Serie" erschienen. Auf dem ersten Blatte dirigiert der Wiener „Walzerkönig" persönlich sein Orchester im Prater. Die übrigen Bilder bieten Szenen aus „Fledermaus", „Lustiger Krieg", „Prinz Methusalem", „Eine Nacht in Venedig", „Zigeuner-Baron"; auf sämtlichen Kärtchen finden sich auch die Eingangstakte der volkstümlichsten Weisen, die Joh. Strauß geschaffen. Die Rückseiten enthalten Kochrecepte, bei denen Liebigs Fleisch- Extrakt und das den Leidenden so dienliche Fleisch-Pepton der Kompagnie-Liebig eine Rolle spielen, daneben das weltbekannte Liebig-Töpfchen mit Verzierung durch Musik-Instrumente. ____________
Bilderrätsel.
(Nachbildung verboten).
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Magischen Quadrats in voriger Nummer: LORD ODER REHE DREI
Redaktion: ®. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erbe«) in Gieße».


