Ausgabe 
31.1.1901
 
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mütserregungen, sondern auch durch das Schreibmaterial selbst sowie durch die Schreibunterlage hervorgerufen wer­den können. Eine aus dem unbequemen Pult eines Post­bureaus und mit ungewohnter schlechter Feder gefertigte Handschrift hat einen ganz anderen Charakter als die­jenige, welche wir sitzend an unferm Schreibtisch erzeugen. Der gerichtliche Sachverständige muß derartige Abweich­ungen richtig einzuschätzen wissen, er muß durch eigene Schriftproben sestzustellen suchen, wie das zweifelhafte Schriftstück entstanden sein mag, und er darf die Mängel des Originals nicht für Fehlgriffe des Fälschers halten.

Ich habe schon angedeutet, daß der Fälscher einen ge­wissen Bildungsgrad besitz muß, um eine annehmbare Fälschung zu stände zu bringen; denn der ungebildete Mensch wagt sich an jede Schriftfälschung heran, und hält dieselbe auch für wohlgelungen, wenn sie auch noch so plump ausfällt. Ich erinnere nur an die gefälschten Zeugnisse der Dienstmädchen, und die gefälschten Zen­suren MduEntschuldigungsbriefe der Schüler in den unteren Klassenstufen.

Nichts verrät sich so deutlich in der Handschrift wie der höhere oder geringere Bildungsgrad eines Menschen. Und darum wird es dem Bauern oder dem ungebildeten Menschen überhaupt mißlingen, die Handschrift des Ge­bildeten nachzucihmen. Andererseits muß aber auch wieder bewnt werden, daß gerade die Schrift des rohen unge­bildeten Menschen ganz besonders schwer nachzubilden ist, da gerade der gewandte Schreiber und also auch der ge­wandte Fälscher nicht über die schwere, ungeübte Hand verfügt, welche derartige Schriften verlangen. Und so kann man behaupten, daß eine bäuerische Schrift am besten noch durch einen Bauern nachgeahmt werden kann.

Die meisten Fälschungen bewegen sich natürlich auf dem Gebiete des Kassenwesens; doch giebt es eine große Reihe von Spezialisten, welche sich mit der Nachbildung alter, wertvoller Handschriften, sowie mit der Nachbildung von Briefen berühmter Leute beschäftigen, um diese dann den Bibliothekaren oder Sammlern um hohen Preis auf- zuhängew Es soll dies ein sehr einträgliches Geschäft sein, und erst vor wenigen Jahren spielte ein Prozeß, in welchem es sich um die Fälschung alter Bibeln durch Einzeichnung der Namenszüge Luthers und seiner Zeit­genossen handelte. Es erwies sich damals, daß die Fälsch­ungen mit solcher Meisterschaft ausgeführt waren, daß sie selbst den Scharfblick geübter Kenner Jahre lang ge­täuscht hatten.

Um eine Schriftfälschung festzustellen, darf man keinen Faktor übersehen; man muß vor allen Dingen beachten, ob das Schriftstück ein einheitliches Werk darstellt, das im Ganzen zu einem bestimmten Zeitpunkt entstanden ist, bezw. ob alle Teile desselben logisch zusammen stimmen, nämlich der Ort der Ausstellung, Tag und Jahreszahl, Ueber- und Unterschrift, Farbe und Beschaffenheit des Papiers, Merkmale der angewandten Feder, chemische Be­schaffenheit der Tinte usw.

Man thut gut, die Prüfung des Schriftstückes an einem schönen heiteren Tage zu beginnen, indem man das Papier am Fenster gegen das Licht hält. Vielleicht sieht man da schon etwas Verdächtiges, insbesondere wenn man -Schrift und Papier auch durch die Lupe betrachtet; viel­leicht zeigt die Struktur des Papiers eine Technik, welche zu der Zeit, in welcher das Schriftstück angeblich aus­gefertigt sein soll, noch gar nicht bekannt war. Sehr häufig wird das Wasserzeichen zum Verräter. So ist z. B. der deutsche Reichsadler ein in Brief- und Kanzleipapieren häufig wiederkehrendes Wasserzeichen; unglücklicherweise hatte jemand derartiges Papier einem gefälschten Testa­ment verwendet, welches das Datum vom Jahre 1868 trug. Der Fälscher hatte in seinem Eifer ganz übersehen, daß der deutsche Reichsadler erst einige Jahre später seine Schwingen ausbreiten durfte.

Nicht immer sind die Mißgriffe so augenfällig; sehr häufig wird gerade das Fehlen des Wasserzeichens bei Dokumentenpapieren verräterisch wirken, während an­dererseits schon die einfachsten Zeichen oder Wasser­linien auf die Fabrik Hinweisen können, aus welcher das Papier hervorgegangen ist; der Fabrikant wird also fest­stellen können, ob zu dem angegebenen Zeitpunkt die be­treffende Papiersorte bereits auf den Markt gelangt war.

Handelt es sich aber um betrügerische Nachträge, Aenderungen, Ergänzungen, so wird die Tinte verschiedener Zeitperioden im durchscheinenden Lichte auch eine so wesent­lich andere Färbung zeigen, daß man ohne weiteres er­kennt, welche Buchstaben, Zahlen usm nachträglich ein- gesügt sind. Sind an den betreffenden Stellen nun gar noch Rasuren vorgenommen, so wird da nicht allein des Licht stärker durchscheinen, sondern die Schrift wird auch weniger sicher und klar erscheinen, wie aus der glatten unradierten Fläche.

Diese ganze Untersuchung im durchscheinenden Lichte bildet aber nur eine wichtige Vorarbeit, um sestzustellen nach welcher Richtung hin man die Untersuchung fortsetzen soll. Es muß vermieden werden, daß man auf eine falsche Fährte gerät, um nicht die Zeit unnütz zu vergeuden und das ganze Ermittelungsverfahren auf einen falschen Weg zu leiten.

Hat inan die Ueberzeugung gewonnen, daß Worte, Zahlen oder auch ganze Sätze wegradiert oder weg­gewaschen sind, so thut man gut, das Schriftstück zu er­wärmen, wobei die beseitigten Schriftzüge wenigstens teil­weise wieder sichtbar werden. Ein gutes Mittel, vor­genommene Korrekturen noch deutlicher zu zeigen, bietet die Vergrößerung des Schriftstückes auf photographischem Wege. Hier gilt buchstäblich das Wortdie Sonne bringt es an den Tag"; denn vor dem Sonnenlichte giebt es keine Geheimnisse. Alle Unebenheiten der Schrift und des Papiers werden getreu in der photographischen Repro­duktion wiedergegeben, und viele Besonderheiten, welche man selbst bei Anwendung der schärfsten Lupe nicht ent­deckt hat, enthüllt uns nun plötzlich die photographische Platte.

In vielen Fällen wird man auch schon durch das einfache Lichtpausverfahren zum Ziel gelangen. Man legt lichtempfindliches blausaures Eisenpapier unter das zweifel­hafte Schriftstück, spannt beides zusammen in einen Kopier- rahmen, wie ihn die Photographen benutzen, und setzt die Schriftseite dem Licht aus. Bei heiterem Wetter kann schon nach einer halben Stunde das Kopierpapier aus dem Rahmen genommen werden; es wird 5 bis 15 Mi­nuten lang im frischen Brunnenwasser, das öfter zu er­neuern ist, gespült, worauf die Schrift blendend weiß aus tiefblauem Grunde erscheint. Diese photographische Kopie hat den Vorzug, daß sie unter sehr bescheidenem Kosten­aufwand zu erlangen ist, und dabei alle Eigenheiten des Originals schärfer wiedergiebt, als wir sie selbst mit Hilfe der Lupe wahrnehmen.

Der Schreibsachverständige muß aber im Grunde selbst ein Schreibkünstler sein. Sind keine Merkzeichen zu ent­decken, durch welche sich die Fälschung von der Original­schrist unterscheidet zumal wenn es sich um die Nach­bildung ganzer Briefe oder Urkunden handelt so hat er immer noch keine Veranlassung, die ihm vorgelegte Schrift als echt zu erklären. Jetzt beginnt erst feine Auf­gabe, sich gleichsam in den Charakter der Originalschrift zu vertiefen. Und wenn auch der Fälscher mit ganz über­raschender Kunstfertigkeit Strich für Strich die Original­schrift nachgebildet hat, fo kann er doch nicht das ganze Wesen, die Natur eines Menschen annehmen, welche das Resultat so außerordentlich vieler zusammenwirkender Fai toren ist. Der Schauspieler kann eine allgemein bekannte Person mit wahrer 'Vollendung kopieren, immer wird man aber noch eine ganz feine Eigenheit herausfinden können, durch welche er sich vom Original unterscheidet. Ebenso unterscheidet sich auch die getreue Kopie einer Handschrift immer noch durch irgend welche Abweichungen von dem Original; denn die Schrift hat eben auch einen ganz bestimmten Charakter wie der Mensch selbst wenn sie nicht das getreue Spiegelbild desselben ist. Wie aber soll der Schrift-Sachverständige diese feinen Unterschiede herausfinden? Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als selbst die Originalschrift auf Pauspapier immer wieder und wieder nachzuzeichnen, bis sie ihm geläufig zu werden beginnt, bis ihm die Bogen, Haken, Schnörkel, welche bte einzelnen Buchstaben charakterisieren, einschließlich der häufigsten Varianten der Originalschrift, fast automatisch aus der Feder kommen. Und wenn er bann das angezweifelte Schriftstück in gleicher Weife auf Pauspapier nachzuzeichnen sucht, so wird er auf keinerlei Hindernisse stoßen, wenn