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Bon Fred H o o d.
(Nachdruck verboten.)
Die Kunst der Handschristen-Fälschung ist keine Errungenschaft der Neuzeit; sie wird von talentvollen Betrügern vielleicht schon ebenso lange geübt wie die Kunst des Schreibens überhaupt. Schon immer war es ein dankbares Feld, kunstreiche Skripturen nachznahmen oder Zahlen, Buchstaben, Worte auszulöschen, zu verändern oder in den Text der Schrift einzuschieben, um ihm einen Sinn zu geben, welcher gerade zur Erreichung eines bestimmten Zweckes geeignet erschien. Es haben die Handschriften-Fäl- scher jederzeit in der internationalen Gesellschaft der Schwindler und Betrüger eine besonders hohe Rangstufe eingenommen, nicht allein ihrer bewunderungswürdigen Kunstfertigkeit wegen, sondern weil auch sehr hochstehende Persönlichkeiten diese Kunst zu üben, für angemessen hielten.
So erzählt z. B. der fränkische Geschichtschreiber Gregor von Tours, ein ausgezeichneter gelehrter und frommer Mann, daß der Bischof Egidius von Reims dem König Childebert im Jähre 590 eine gefälschte Schenkungsurkunde vorgelegt habe. Es ist dies aber kein alleinstehender Fall; denn die Fälschung von Urkunden erfreute sich schon zur - Römerzejt einer allgemeinen Beliebtheit. Die Mönche, die : bekanntlich große Schreibkünstler waren, stellten ihre Kunst । in den Dienst der Klöster und hohen Behörden, die Städte i selbst fälschten Urkunden, welche sie zur Erreichung eines | mehr oder minder edlen Zweckes nötig hatten, und es giebt ; vielleicht kein Archiv alter Handschriften, das sich mcht > des glücklichen Besitzes einiger Fälschungen erfreut. Als \ man mit der Chemie vertraut zu werden begann, wurde die betrügerische Kunst weiter vervollkommnet, und es ist ! bekannt, daß die Justiz bereits im 16. Jahrhundert derartige Fälschungen energisch verfolgte nnd mit sehr harten , Strafen belegte.
Mit der modernen Entwickelung von Handel und Industrie ist jedoch die Fälschung von Geschäftspapieren zur höchsten Blüte gediehen. Wenn es sich nur verlohnt, werden Schriftstücke jeder Art nachgeahmt oder korrigiert, Briefe, Diplome, Quittungen, Zeugnisse, Preisverzeichnisse Akten, Pässe, Geburts- und Sterbeurkunden, Wechsel und Schuldscheine, Postanweisungen, Telegramme, Testamente Kopier- und Kontobücher, kurzum alles Geschriebene, und natürlich ist auch die Maschinenschrift von den Mitgliedern der Zunft nicht vernachlässigt worden.
In unzähligen Prozessen spielt die Ermittelung der Schriftfälschung eine außerordentlich wichtige Rolle. Und da I die Fälschungen höchst mannigfacher Art sein können, und es die modernen Betrüger zu! einer großen Fertigkeit rn ihrer Technik gebracht haben, so ist die Untersuchung und Prüfung der Schriftstücke mit außerordentlichen Schwierigkeiten verknüpft. Bor allen Dingen giebt es tausend Besonderheiten und Eigenschaften der Schriften, welche den Prüfenden irre zu führen vermögen, und welche daher an erster Stelle I beachtet sein wollen. ,.
Eine besonders wichtige Aufgabe ist es, die Identität I von Unterschriften festzustellen, da es wenige Personen giebt, I welche beständig denselben Namenszug anwenden. Sehr I häufig wird man feststellen können, daß die Unterschrift I unter einem Privatbrief, in welchem sich der Schreiber I gleichsam ganz ungezwungen giebt, einen wesentlich ander« | Charakter trägt, wie die Unterschrift unter Geschäftspapieren I oder amtlichen Schriftstücken. Schon aus diesem Grunde I ist es sehr schwer, die Identität der Unterschrift festzustellcn. I Nun kann ej aber auch leicht vorkommen, daß der Ver- I fasser amtlicher oder gefälschter Schriftstücke auch durch I Uebermüdung, Krankheit oder Alkoholgenuß veranlaßt wird, I sich etwas gehen zu lassen, so daß später unter eine Reihe I gleichartiger Dokumente eines auftaucht, welches enteil I wesentlich anderen Charakter trägt und deshalb für eine
Fälschung gehalten werden kann. Ter erfahrene Sachver- I ständige weiß jedoch, daß der gewandte Fälscher niemals I abnorme Schriftformen wählt, da diese besonders ins Auge fallen, sondern daß er sich gerade die geläufige, die not' | male Schrift, über welche man leichter hinwegsieht, zrm
Vorbild wählt. Nun zeigt aber auch die normale ©W I mannigfache Abweichungen, welche nicht allein durch
geschotet werden könnten, und alle Mann arbeiteten nach I Kräften. Eine Raa nach der andern stieg empor, die Fallen I wurden belegt, Halsen zu Bord getaljt, wobei alle Mann I einen donnernden Chor anstimmten, und Schoten angeholt. I Dann wurden die Brassen steif gesetzt, und nun legte sich das I Schiff, als auch das Großbramsegel beigesetzt war, stark auf I die Seite. Die Bark hatte jetzt alle Segel bei, die sie vor- I läufig brauchte, und die Mannschaft klarte das Deck auf und I schoß das Tauwerk auf. I
Flüchtig eilte die „Aurora" über das Wasser dahin; nach I dem Singen und Schreien war eine wohlthuende Stille ein- I getreten. Der achtern am Ruder stehende Mann bewegte I nur ab und zu ein paar Speichen des Rades, um dem Gieren I des Schiffes zu begegnen, und man hörte nur das plätschernde I Geräusch des Wassers unter dem Bug und das unterdrückte, tiefe Brausen des Windes in den weißen, gewölbten Segeln. |
„Das ist also die „Aurora" unter Segel, Jeß", sagte I Richard. „Wie denkst Du über sie? Ich habe Dich beob- I achtet, wie Du sie von oben bis unten besichtigtest, als wärst I Du ihr Schiffer, Erbauer und Reeder in einer Person."
„Da Irrst Du Dich", erwiderte ich. „Ich habe nicht Deine Bark bewundert, sondern wollte nur sehen, ob ich see- I krank werde." ■
„Du!" rief er lachend aus. „Kind, geh 'mal hinunter und guck in den Spiegel. Seekrank! Ein Mädel, das an I der Seekrankheit leidet, hat nicht so rosige Wangen und strahlende Augen oder kann so reden und lachen wie Du, I mein Schatz. Aber wie denkst Du über den kleinen Kahn, I Jeß?" Dabei blickte er stolz über das saubere Deck und die l schön geschwungene Linie der Schanzkleidungen und dann I nach oben an den breiten, prallen Segeln empor, die sich | übereinander emportürmtön.
Ich sprach natürlich meine Bewunderung aus. „Und nicht wahr, Richard, sie segelt auch schnell?" !
„O ja", meinte er, „wie ein Baltimore-Klipper. Jetzt, I wo der Wind kaum einen einzigen Strich frei ist, macht sie ihre sieben und einen halben Knoten so fein, als ob sie von I einer Schraube getrieben würde."
Er wollte durchaus, daß ich die Bark bewundern sollte wie er selber, und bat mich, keine Furcht zu haben, sondern mich an ihm festzuhalten und über die Luvreeling zu lehnen, von wo ich mir den Rumpf des Schiffes betrachten könne, wie er durch die grauen, schäumenden Wasser dahinfegte. Rur ein Seemann versteht es, jemand die Schönheiten eines Schiffes zu zeigen. Er hätte mir keinen besseren Platz anweisen können, als diesen, wo ich, von ihm gehalten, über der Reeling hing und die glänzende Seite der Bark bis nach vorn überblicken konnte. m , ,.
„Ich erklärte, ich wünschte nur, daß der Vater hier wäre und mit mir sehen und bewundern könnte.
„In siebenundvierzig Jahren", würde er Dir sagen, „hat er dergleichen schon öfter gesehen", versetzte Richard lachend. Er lachte überhaupt viel. Selten habe ich einen so heiteren Charakter kennen gelernt. „Und nun, Jeß, was meinst Du, wenn Du hinunter gingest und Deine Kanute etwas nach Schiffsbrauch in Ordnung brächtest? Wenn Du Hilfe brauchst, rufe den Steward. Ich muß an Deck bleiben."
„Um welche Zeit essen wir Mittag, Richard?"
, Was? Bist Du hungrig? Da würde sich der Vater freuen, wenn er das hörte. Aber wir haben noch eine volle Stunde Zeit. Vor halb zwei giebt es nichts."
Obgleich das Deck eine starke Krängung hatte und die Bark lebhaft tanzte, fand ich doch, daß ich mich mit Leichtigkeit auf den Beinen halten konnte, und wies Richards aus- aestreckte Hand zurück, die er mir beim Hinabsteigen reichen wollte. Dies war mein erster Besuch in der Kanute, seit wir den Tyne verlassen hatten. Unten an der Treppe blieb ich eine Zeitlang stehen, indem ich mich an dem messingenen Geländer hielt, und betrachtete mir den Raum, der nun an Stelle unseres alten Wohnzimmers treten sollte. Die Wände knarrten und krachten, und selbst durch den geschlossenen Lichtschacht konnte ich die Stimme des Windes vernehmen, die aus der Höhlung des großen Besan widerhallte, der, durch das Oberlicht gesehen, sich wie eine gewaltige Nebelbank gegen den Himmel abhob.
(Fortsetzung folgt.)


