Ausgabe 
30.11.1901
 
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vorhin, wenn auch totenbleich». Eine Dame in ihrer Nähe richtete eine scherzende Frage an sie, und in demselben Tone erfolgte Felicias Erwiderung. Langsam, ohne alle augenfällige Aufregung und Hast, die irgend jemandes Befremden hätte erregen können, durchschritt sie den Raum und die beiden nächsten, ebenfalls von heiter schwatzenden Menschen erMten Gemächer, um den nach den Hinterzim­mern führenden Gang zu gewinnen. Hier war niemand, und für einen Moment gab sich Felicia der Schwäche hin, die sie während der letzten Sekunden mit so heroischer Anstrengung bekämpft hatte. Sie lehnte sich gegen die Wand und drückte das Gesicht in beide Hände, denn ein Schwindel hatte sie befallen, und die verschnörkelten Ta- peteu-Muster hatten plötzlich angefangen, sie gleich tollen Fratzen in wildem Wirbeltanze zu umkreisen. Aber die Furcht, ohnmächtig zu werden, rüttelte sie rasch wieder auf. Mit eiserner Willenskraft zwang sie ihre Nerven zum Gehorsam und setzte ihren Weg fort. Sie wollte in ihr Zimmer, aber als sie der Thür bis auf wenige Schritte nahe gekomruen war, klang ihr von drinnen das lustige Gekicher heller Mädchenstimmen entgegen, und sie er­innerte sich des von Hilde erlassenen Verbots. In rat­loser Verzweiflung blieb sie abermals stehen, und der Schild­pattfächer in ihrer Rechten zerbrach unter dem Druck der schlanken Finger. Tort hinein konnte sie nicht; denn es durfte sie ja niemand mehr sehen ! Aber wohin sollte sie sich sonst wenden? Wie sollte sie unbemerkt zu ihrem Hut und ihrem Mantel gelangen, ohne die sie an dem eisig kalten Winterabende das Haus nicht verlassen konnte, selbst wenn sie darauf verzichten wollte, ihr leichtes helles Kleid und ihre dünnen Stiefelchen mit anderen zu vertauschen? Sie hatte noch keinen Plan; aber daß sie fort mußte, auf der Stelle und ohne Zögern fort mußte, stand als eine furchtbare Notwendigkeit mit unumstößlicher Gewißheit in ihrer Seele fest. Für einen Augenblick dachte sie wohl daran, eine der Dienerinnen zu rufen und sich durch sie unter dem Vorwande eines Scherzes die erforderlichen Kleidungsstücke aus ihrem Toilettenzimmer holen zu lassen. Aber sie verwarf den Gedanken sogleich wieder, weil seine Ausführung ihr zu gefährlich schien und weil sie sich überdies nicht die Kraft zutraute, in ihrem gegenwärtigen Gemütszustände eine Komödie zu spielen, hätte es auch nur gegolten, ein argloses Dienstmädchen damit zu täuschen.

Zu langem Zaudern .und ließ erlegen jedoch blieb ihr nicht Zeit, und was unvermeidliche geworden war, mußte sofort geschehen. Irgendwo in ihrer Nähe wurde eine Thür geöffnet, und dies furchterregende Geräusch trieb sie weiter aufs Geratewohl in das erste beste Versteck, das sie zu gewinnen vermochte.

Erst als sie mit hastenden Fingern den Schlüssel hinter sich abgedreht hatte, erkannte sie, wo sie sich befand. Es war Herberts kleines, nach dem Hofe hinaus gelegenes Studierzimmer, aus dem sie durch die offene Thür in sein anstoßendes Schlafgemach blicken konnte. Auf dem einfachen Schreibtische brannte die Lampe, und auch die Kerzen in den beweglichen Leuchtern des englischen Garderoben­schrankes, vor dessen Spiegelthüren der Assessor vorhin seinen Anzug beendet haben mochte, waren nicht ausgelöscht worden. Eine abenteuerliche Idee durchzuckte bei dem An­blick dieses Schrankes Felicias Hirn, eine Idee, die ihr selbst beinahe wahnwitzig vorkam und die sie doch nicht verwarf, weil sie in der Not des Augenblicks keine bessere an ihre Stelle zu setzen wußte.

Hastig öffnete sie den Behälter und nmsterte beim Scheine der Kerzen die darin befindlichen Kleidungsstücke. Das einzige, das ihrem Zwecke vielleicht dienen konnte, war ein langer, grauer, ärmelloser Pelerinenmantel, den sie hier übrigens zum ersten Male sah, da ihn Herbert während der Tauer ihrer Bekanntschaft niemals getragen hatte. Felicia nahm ihn vom Haken und schlüpfte hinein. Natürliche war er ihr viel zu weit, und sie würde unter anderen Umständen gewiß herzlich gelacht haben über die sonderbare Gestalt, die ihr da mit einem Male aus dem Spiegel entgegenschaute. Aber seine Länge kam ihr zu statten; denn er verbarg ihr Kleid vollständig, und ein flüchtiger Beobachter mochte nicht einmal auf den ersten Blick bemerken, daß der Mantel nicht für die Toilette einer Frau, sondern für einen Mann bestimmt war. Wenn sie in der Vermummung nur unentdeckt und unaufgehalten bis zum nächsten Dvoschkenstandplatze gelangte, so war ihrer Meinung nach kaum noch etwas zju befürchten; denn

während der Fahrt, die ja vorerst immerhin ins Blaue hinein gehen mochte, würde ihr schon irgend ein Ort ein­sallen, wo sie zunächst eine Zuflucht suchen und sich ver<» b er gen konnte.

(Fortsetzung folgt.)

200 Kilometer die Stunde.

Phantasieen im V-Zug. Von Heinz Wilmer.

Nachdruck verboten.

Ich sitze im D-Zug nach München. Zum ersten Mal auf der Strecke Probstzella werde ich nur 11 Stunden brauchen. Früher waren es 14, noch früher 18. Ein hübscher Fortschritt, vielleicht bringen wir es noch auf 9; der Luxus­zug macht die Strecke schon jetzt in dieser Zeit.

Sie haben eine große Tragweite, diese Verminderungen der Fahrzeiten. Ich will gar nicht davon sprechen, daß ich früher entweder die Fahrt unterbrechen mußte oder mit einem starken nervösen Kopfschmerz ankam, also in jedem Fall zwei Reisetage verlor, einen hin und einen her. Auch für den, der stärkere Nerven hat, bedeuten die drei Stunden weniger viel. Sie geben eine Vorstellung des Näherrückens, die den Entschluß der Reise erleichtert, also zum Beispiel den Kaufmann veranlaßt, eine Stadt in den Bezirk seiner Geschäfte zu ziehen, die er früher draußen ließ. Jedesmal werden durch die Verminderung einer Fahrzeit die geo­graphischen Vorstellungen gemäßigt, bis eine Stadt, die früherweit" war, mit einemMal"nahe" ist. Mit einem Mal, so allmählich die Veränderungen sind. Für mich ist jetzt München nahe, und da ich, wie alle Berliner, die Stadt liebe, ist mir der Gedanke sehr behaglich.

Tiefe Gedanken haben mich so lange angenehm be­schäftigt, daß ich noch nicht einmal die Zeitung gelesen habe. Ich blättere sie also nun durch, um einen, Ueberblick zu gewinnen. Da bleibt mein Auge auf der Ueberschrift haften:200 Kilometer die Stunde!" Es handelt sich um Versuche mit einem elektrischen Schnellwagen, der diese Geschwindigkeit erreichen, soll.

Ich bin gerade gut vorbereitet, um diese Meldung in ihrer ganzen Bedeutung zu verstehen. Unsere Züge machen heute im Durchschnitt 60 bis 70; wir werden also dreimal so schnell fahren wie jetzt. Das ist nicht mehr eine Mäßigung, sondern es ist eine Umwälzung unserer geographischen Be­griffe, unserer Vorstellungen von nah und weit.

Was kann die Zeitung bringen, was nur entfernt so wichtig für das Leben der Menschheit werden könnte wie dies?! Es ist also viel interessanter, sich ein wenig in dieser zukünftigen Welt bekannt zu machen als zu lesen.

Ich vertiefe mich in folgende, glänzend wirkliche Ge­danken.

Tie Welt wird mit einem Ruck dreimal kleiner.

Es giebt schon lange Menschen, die eine Fahrt von einer Stunde zu ihrem Geschäft nicht scheuen, namentlich im Sommer, oder die am Nachmittag eine Stunden fahrt machen, um einmal ganz frische Luft zu atmen. In dieser Stunde wird man von Berlin unter anderen folgende beliebte Punkte erreichen können: die Elbe bei Dresden, das Gebirge in Thale, die See in Heringsdorf. Das werden also für den Berliner in Zukunft Nachmittagsausflüge sein, wer mutig ist, kann täglich seinen Spaziergang im Bergwald machen oder sein <Äebad nehmen; oder, wenn seine Geschäftszeit etwas ungünstiger liegt, an diesen Orten sommerwohnen. Man wird natürlich nicht mehr auf einen oder zwei Züge angewiesen fein, sondern mindestens auf einen Zehnminuten- verkehr rechnen können. Da die Wagen außerdem unter­irdisch in die Stadt eingeführt werden, fällt die Fahrt zum Bahnhof fort. c ,

Berlin wird endlich Seestadt. Denn wenn der Kauf­mann in einer Stunde am Hamburger Hafen sein kann, kann er leicht von dort aus Rhederei und Ueberseehandel treiben. Er hat ein Kontor in Berlin für den Vormrttag und eins in Hamburg für dm Nachmittag.

Eine Reise von drei Stunden hin und ebensovrel her kann man bequem als Tagesreise erledigen. So liegt heute Dresden für den Berliner. In Zukunft der Gedanke macht schwindeln liegt so jede deutsche Stadt, Köln und Frankfurt im Westen, München im Süden,, Königsberg rm Osten. Oder umgekehrt genommen: für jeden Deutschen ist eine Fahrt nach Berlin ein Tagesausflug. Das Natronal- lied wird also umgedichtet r mein Vaterland muß klemeri sein.