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ebensowenig interessiert als ich. Da — ich habe den Brief zu mir gesteckt" — sie zog das ziemlich nachlässig behandelte Blatt ans ihrem Busen — „und will Dir die betreffende Stelle vorlesen. Sie lautet: „Durch Vermittelung meines hiesigen Bankiers werden beim Eintreffen dieses Briefes Lei dem Hause Kühn & Harders in M. bereits hundertund- fünfzigtausend Dollars für Dich angewiesen worden fein, und man wird nicht unterlassen, Dich davon zu benachrichtigen., Das ist Deine Mitgift, und Du kannst ganz nach Deinem belieben darüber verfügen. Wenn ich Dir indessen einen väterlichen Rat geben soll, so ist es der, das Geld auf Deinen Namen bei dem Bankhause liegen zu lassen und Deinem Gatten nur die Verfügung über die Zinsen einzuräumen. Wie ich die deutschen Verhältnisse kenne, sind diese Zinsen ausreichend, Euch eine sehr behagliche Lebensführung zu ermöglichen, und da Herbert Ignatius kein Geschäftsmann ist, der das Kapital arbeiten lassen könnte, so hat er wohl kein Interesse daran, daß es ihm zugänglich gemacht werde. Aber wie auch immer Du es einrichten magst, jedenfalls mußt Du darauf bestehen, daß niemals ohne Deine Einwilligung und Deine Unterschrift ein Teil der Mitgift abgehoben werden darf." Und so weiter —! Ich glaube, es ist in der That das Einfachste und Vernünftigste, was mir mein Vater da vorschlägt. Willst Du Herbert statt meiner fragen, ob er damit einverstanden ist? Mir ist es, wie gesagt, viel zu peinlich, mich über solche Dinge mit ihm zu unterhalten."
Es war, gut, daß ihre Augen durch die Lektüre des Briefes anderweitig beschäftigt gewesen waren, sonst würde sie sicherlich der Ausdruck einer auf das äußerste gesteigerten Spannung in den Zügen des Kämmerers befremdet haben. Denn ein wie guter Schauspieler Ignatius auch war, in diesem Momente vermochte er doch nicht ganz zu verbergen, was in jeütent Innern vorging.
„Gewiß, mein Kind, das will ich von Herzen gern thun. Und von seiner Seite ist wohl kaum ein Widerspruch zu erwarten. Aber mein guter Georg schätzt uns denn doch etwas zu gering, ivenn er meint, daß wir es nicht verständen, ein Kapital arbeiten zu lassen. Gerade in der allernächsten Zeit dürste sich mir Gelegenheit bieten, mich mit einer Summe von hundert- oder hundertfünfzigtausend Mark an einem äußerst gewinnbringenden Unternehmen zu beteiligen. Und ich sehe nicht ein, weshalb ihr diesen günstigen Zufall nicht benützen solltet."
„Wenn Herbert es für zweckmäßig hält, werde ich gewiß nichts dagegen einwenden."
Ter Stadtrat wiegte lächelnd den Kopf.
„Von seiner Entscheidung werden wir uns allerdings kaum abhängig machen dürfen, liebste Felicia; denn ein kaufmännisches Genie ist er bei all seiner sonstigen Begabung niemals gewesen. Ich denke, wir beide machen die Spekulation lieber auf unsere eigene Hand und begnügen uns, ihn mit der Kunde des glücklichen Gelingens zu überraschen."
Verwundert blickte sie auf, um dann in entschiedener Ablehnnng den Kopf zu schütteln.
„Hinter seinem Rücken — meinst Tn? Nein, das werde ich niemals thun. Ich will kein Geheimnis vor ihm haben, das mir nicht die Umstände geradezu aufzwingen — und ich will ihn nicht betrügen, wäre der Betrug auch noch so harmlos und unschuldig!"
Ludwig Ignatius grub die Zähne in die Unterlippe. Er fühlte, daß er eine Ungeschicklichkeit begangen hatte und er konnte nicht einmal versuchen, sie auf der Stelle wieder gut zu machen; denn eben erschien die hohe Gestalt seines Sohnes auf der Schwelle, und mit einem jauchzenden Freudenruf, die ganze übrige Welt vergessend, flog ihm Felicia entgegen.
Dreizehntes Kapitel.
Nun war der große Abend gekommen, für den mau so viele geheimnisvolle Vorbereitungen getroffen, und den das junge Volk aus dem Bekanntenkreise der Jgnatius'schen Familie mit so lebhafter Ungeduld herbeigewünscht hatte. Schon um acht Uhr waren die ersten Polterabendgäste erschienen, und jetzt, um die neunte Stunde, schwirrte es bereits in sämtlichen Borderzimmern von plaudernden und lachenden Stimmen.
Felicia, die nach ihrer Gewohnheit ein hellfarbiges, aber diesmal auffallend einfaches Kleid trug, war die schönste und strahlendste Braut, die man je gesehen. Man hätte fie trotz ihrer vollentwickelten, junonischen Gestalt für eine Siebzehnjährige halten können, so jungfräulich
zart war der rosige Hauch ihrer durchsichtigen Haut, so kindlich hell klang ihr munteres Lachen, und so elfenhaft beweglich flatterte sie von einer Gruppe zur anderen, nm überall mit demselben reizenden Mienenspiele dieselben Artigkeiten und Schmeicheleien einzuernten.
Tie Damen hatten sich zumeist sogleich in den seiner gewöhnlichen Ausstattung vollständig beraubten großen Salon verfügt, wo die improvisierte Bühne und die in langen Reihen ausgestellten Stühle auf bevorstehende theatralische Genüsse hindeuteten, während die Herren noch in den anstoßenden Zimmern geblieben waren, um mehr oder minder ernsthafte Gespräche zu führen. Man erwartete in jedem Augenblick das Zeichen zum Beginn der Ausführ- ungen; denn schon vor einer geraumen Weile hatten sich die mitwirkendeü jugendlichen Künstlerinnen und Künstler — unter ihnen natürlich auch Hilde — zum Zwecke der Kostümierung in die hinteren Gemächer der Wohnung zurückgezogen. Da sich bei der Generalprobe ein empfindlicher Mangel an Garderoberäumen fühlbar gemacht hatte, war auch Felicias Zimmer heute dafür in Beschlag genommen worden, und Hilde hatte ihr auf das Strengste eingeschärft, daß sie es vor dem Beginne der Vorstellung nicht mehr betreten dürfe. Das Lärmen und Lachen des jungen Völkchens, das da hinten sein übermütiges Wesen trieb, drang zuweilen bis zu der vorn versammelten Gesellschaft herüber und steigerte die fröhliche Erwartung, mit der man den kommenden Dingen entgegensah.
Einen nur gab es, dessen unveränderlich ernste Miene so wenig von freudiger Ungeduld als von stolzem Glücksgefühl erkennen ließ — und dieser eine war der vielbeneidete: Bräutigam. Er hatte sich bisher beharrlich unter den im Arbeitszimmer seines Vaters versammelten Herren auf- gehalten, obwohl ihn der Stadtrat schon wiederholt verstohlen darauf hingewiesen hatte, daß sein Platz heute lediglich an Felicias Seite sei, und daß er es getrost ihm überlassen dürfe, den Gästen die Ehren des Hauses zu erweisen. Nun aber schien die junge Braut nicht länger geivillt, eine so ungebührliche Vernachlässigung zu dulden, denn sie schlug mit lächelndem Antlitz den Thürvorhang ein wenig zurück, der den großen Salon von dem Arbeitszimmer trennte, und ihre leuchtenden dunklen Augen suchten unter den vielen schwarzbefrackten Herren die Gestalt des Assessors,
Nicht isogleich vermochte sie ihn zu entdecken; denn Herbert war eben in das Borgemach hinaus getreten, um dort in Gemeinschaft mit seinem Vater einen neuen Gast zu begrüßen. Aber die Flügel der Verbindnngsthür zwischen beiden Räumen Ivaren weit geöffnet, und Felicia konnte von ihrem Standorte aus beinahe das ganze Vorzimmer überblicken. Deutlich sah sie Ludwig Ignatius und ihren Verlobten, von dem Gaste aber zunächst nicht viel mehr als die hohe, breitschultrige Gestalt und eine Fülle lockigen grauen Haars.
„Das ist Hildes heldenhafter Doktor!" dachte sie, und in begreiflicher Neugier harrte sie des Augenblicks, da die Köpfe der beiden anderen ihr sein Gesicht nicht mehr verdecken würden. ÜJhtr ein paar Sekunden noch, und Herbert machte wirklich eine Bewegung, die ihren Wunsch erfüllte. Wer in diesem Momente schwanden das holde Lächeln wie die rosige Farbe von ihrem Antlitz, und ihre von Brillanten funkelnden Finger krampften sich in den Sammet der Portiere, als fürchte sie, zu Boden zu sinken, wenn sie sich nicht daran festhielt. Ein Laut des Entsetzens, glücklicherweise von keinem vernommen, kam über ihre Lippen, und ihre schwarzen Augen hätten nicht angstvoller, nicht verstörter blicken können, wenn sich plötzlich ein grauenerregendes Gespenst vor ihr ans dem Boden erhoben hätte.
Wäre Hermann Müller jetzt geradewegs auf sie zugeschritten, so häte sie vielleicht regungs- und widerstandslos alles über sich ergehen lassen. Aber der Stadtrat schien ihn in ein sehr interessantes Gespräch verwickelt zu haben. Sie hörte das sonore Lachen ihres Schwiegervaters und hörte den Mann mit dem grauen Lockenhaar antwortens
„In der That, ich bin glücklich, nun endlich in meinem geliebten Mutterlande feste Wurzeln schlagen zu könnem Der Arbeit an dem schönen Menschlichkeitswerk Ihrer Stadt soll, wie ich hoffe, der ganze Rest meines Daseins gewidmet sein."
Ta war der lähmende Bann des ersten furchtbaren! Sreckens gebrochen. Sie lieh den Vorhang herabfallen wandte stich in den Salon zurück — lächelnd wie


