1901. — Nr. 172.
Samstag den 30. November.
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281 er kann sich manchen Wnnsch gewähren, AM Der kalt sich selbst nnd seinem Willen lebt;
'S*® Allein wer and're wohl zu leiten strebt, Muß fähig sein, viel zu entbehren.
Goethe, Ilmenau.
(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman von Reinhold Ortmann,
(Fortsetzung.)
Felicia ivar in diesen letzten Tagen durch die zahlreichen Besorgungen, die sie nach ihrer entschiedenen Erklärung keinem anderen überlassen konnte, derart in Anspruch genommen, daß sie kaum Zeit faitd, ihr Mittags- mahl gemeinsam mit der Familie ihres Verlobten einzunehmen. Ganz ermüdet, aber heiter und schöner denn je tvar sie an dem heutigen Abende nach Hause zurückgerehrt- und sie war diesmal ersichtlich ganz zufrieden, daß Herbert noch nicht da war, weil sie es liebte, für ihn noch besonders Toilette zu machen.
„Er soll mich nicht in dem Anzuge finden, in dem mich alle die anderen während des ganzen Tages gesehen", hatte sie einmal erklärt, und obwohl er die zarte Aufmerksamkeit gar nicht bemerkt hatte, war sie dabei geblieben, sich eigens für ihn zu schmücken, auch wenn man weder Gäste erwartete, noch irgendwo zu Gaste gebeten war.
Hilde leistete ihr im Toilettenzimmer Gesellschaft und machte allerlei geheimnisvolle Andeutungen auf die großartigen Ueberraschungen, die Felicia noch vor Ablauf des dritten Tages erleben würde. Sie war dabei von so übermütiger Heiterkeit, daß ihre künftige Schwägerin sie neckend fragte, ob vielleicht wieder eine Nachricht von dem Sylter Holden eingelaufen sei. Da sprang Hilde auf und schmiegte sich dicht an ihre Seite: ,
„Willst Du mir einen großen, einen sehr großen Dienst erweisen, meine geliebte Fee?"
„Jeden, der nicht das Opfer meines Lebens oder eine Verschiebung meiner Hochzeit von mir fordert."
„So versprich mir , mich hinfort nie mehr mit dem Doltor zu necken; denn er ist hier und er wird in unserem Hause verkehren. Ich würde also geradezu gezwungen sein, mich jedesmal vor ihm zu verstecken, wenn ich. fürchten müßte, daß meine Worte und mein Benehmen nachher eine Zielscheibe Deines Spottes sein würden."
„Gut, ich verspreche es. Er ist also wirklich da, und Du hast ihn vielleicht schon gesehen?"
Hilde nickte.
„Er kam heute nachmittag, um einen Besuch zu Mächen,
und da der Vater noch nicht zu Hause ivar, mußte er sich fast eine Stunde lang mit meiner Mutter und mir unter, halten. Tas heißt, was mich betrifft, so bestand die Unterhaltung lediglich im Zuhören. llitb ich wollte, daß ich tit seiner Gegenwart nie etwas anderes zu thun brauchte.^
„So? Ist er ein so interessanter Erzähler?"
„Der interessanteste, den ich jemals kennen gelernt habe. Gerade weil alles, was er spricht, so einfach und natürlich klingt, könnte ich ihm stundenlang zuhören. Und denke Dir nur, Fee: sein Bein ist gar nicht mehr steif. Er kann ohne Stock gehen, nnd wenn man nicht sehr genau: darauf achtet, merkt man ihm gar nichts mehr an."
„Es war also nur ein vorübergehendes Leiden?"
„Ja. Eine Folge der Verletzungen, die er vor Jahresfrist bei einem Eisenbahnunglücke davongetragen hatte. Fünf Ständen ist er damals in den Trümmern eines zerschmetterten Wagens eingeklemmt gewesen, ehe man ihn befreite, und nach jenem Tage ist sein Haar innerhalb weniger Wochen beinahe ergraut."
„Ein sehr merkwürdiger Mann — in der That! Ich beklage aufrichtig, daß ich nicht das Vergnügen hatte, ihn schon' heute kennen zu lernen."
„O, Du wirst nicht lange darauf zu warten brauchen. Zu Deiner Hochzeit konnte ihn der Vater ja leider nicht mehr einladen; aber er hat ihn gebeten, zum Polterabende zu kommen, und der Doktor war liebenswürdig genug, fern Erscheinen zuzusagen."
„Vortrefflich! Aber ich werde mich zusammen nehmen müssen, um Herbert keinen Anlaß zur Eifersucht zu geben — nicht wahr?" c ,
„Ach nein", sagte Hilde lächelnd, „der Doktor wird sich gewiß niemals bemühen, der Braut eines anderen gefährlich zu werden, selbst wenn sie so schön und liebenswürdig ist wie Du." „ .. ,
Felicia verschloß ihr mit einem Kuß die Lippen, und da sie mit ihrem Anzuge fertig geworden war, gingen sie m das Wohnzimmer hinunter.
Herbert war noch immer nicht da, und der Stadtrat, der es niemals unterließ, seiner schönen Schwiegertochter bei Begrüßung und Abschied ritterlich die Hand zu küssen, hielt es für seine Pflicht, ihn zu entschuldigen
„Es ist die Arbeit, die ihn nicht loslaßt. Aber nur wenige Tage noch, und Du wirst Dich für alle Entbehrungen schadlos halten können, mein Kind! Ein paar Wochen lang wird er dann ja ausschließlich Dir gehören."
„Ach ja", sagte sie mit einem kleinen Seufzer, „aber die wenigen Tage, die mich noch von jenen glücklichen Wochen trennen, sie werden mir so entsetzlich lang. Ueb- riqeit8 —" fügte sie in verändertem Tone hinzu, — „ist mir s ganz lieb, daß ich noch vor seiner Heimkehr ein Paar Worte mit Dir sprechen kann, Onkel! Mein Vater hat. mir da einen Brief geschrieben, der sich auf meine Mitgift bezieht, und ich kann doch unmöglich mit Herbert über diese langweilige,r Geldsachen reden, für die er sich anscheinend


