Ausgabe 
30.7.1901
 
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wurde, wenn auch nicht gerade der Weg zur Goldbereitung, so doch durch das Bewußtsein vergoldet, daß sie geheim gehalten werden müße, und vielleicht wer konnte das wissen? das sicherte Mittel gegen manche Krankheit war. Das Bedürfnis, sein Verfahren zu verbergen und b ? Lust, Neues zu versuchen, ergriffen wie ein Fieber die ganze Bevölkerung. Hausmütter wie Dorothea, die Schwester Christ,ans III., oder seine Tochter, die Kurfürfiin Anna von Sachsen, Männer wie Erik Lange und sein Schwager Tycho Brahe gingen an der Spitze...

Nach den Berichten dieser Zeit zu urteilen, war man dem großen Ziel: dem Universalmittel, dem Stein der Weisen, ein gut Stück näher gekommen. Der Arzt Kaiser Karls V., Dr. Gall, erfand ein Aquavit, das in nicht ge­ringem Grade seinem Namen entsprach indem es dazu diente, das Leben zu verlängern. Durch seinen Gebrauch wurde er 129 Jahre alt.

Durch einen wundervollen Glücksfall war ein Stein mit höchst merkwürdiger Kraft, ohne Zweifel ein Haupt­bestandteil des Steins der Weisen, bei Refsnaes an die Küste des Kallundborg Fjords getrieben worden. Christan II., der als Gefangener hier lebte, fand ihn auf einer Jagd unter den Steinen am Strande, wo er durch seine Schönheit und seinen köstlichen Glanz seine Auf­merksamkeit erregte. Er nahm ihn auf, aber kaum hatte er ihn in der Hand, als er für seine Begleiter verschwand, die zu seinem großen Vergnügen einander fragten, wie er weggekommen wäre, obgleich er mitten unter ihnen ritt. Da sah er etwas später einen Vogel, der sich am Strande gerade vor sein Pferd setzte. Er warf nach ihm mit dem Stein, aber im gleichen Augenblicke wurde er wieder sichtbar, und das Gesolge umdrängte ihn, er denn hin gewesen wäre. Da der König hieraus schloß, daß die unsichtbar machende Krast im Steine gelegen hätte, suchte und suchte er nach ihm, aber fand ihn nicht mehr. Das einzige, was sein kurzer Besitz ihm einbrachte, war, daß er von. der Zeit an weniger Freiheit erhielt und strenger als zuvor bewacht wurde.

Eine leicht anzustellende Probe darauf, ob etwas wirk­lich ein Universalmittel war, lag darin, ob es gegen Gift sicherte. Als besonders zuverlässig in dieser Hinsicht galt in ganz Europa der Stein Bezoar, der sich im Magen einer indischen Ziegenart bildete. In einer Schrift, welche Laurenz Catelan in Montpellier 1623 hierüber her­ausgab, heißt es:Gott hat der Welt kein trefflicheres, sichreres und wirksameres Gegengift gegen alle Arten Gifte und ansteckende Krankheiten geschenkt. Alle Gift- stosfe wenden sich diesem Stein zu, und werden von ihm angezogen, wie sich der Heliotrop beständig der Sonne zn- dreht." Gegen den Schluß der Regierung Ludwigs XIV. wurde das Zutrauen zum Bezoarsteine etwas abgeschwächt, wiewohl man am französischen Hofe beständig solchen in der Tasche hatte. Es ging nämlich das Gerücht, daß viele falsche in Umlauf wären, und daß die Jesuiten in Goa eine große Fabrik zur Herstellung derselben errichtet hätten. Noch im Jahxe 1741 war jedoch ihr Preis in Amsterdam 3400 Livres für das Stück, und sobald ein Ostindien- sahrer einige heimbrachte, wurden sie von den Spitzen der Gesellschast zum Privatgebrauch an sich! gerissen/ ohne in den Handel zu kommen. . . .

Einer der eifrigsten Forscher nach dem Steine der Weisen war Paracelsus' berühmtester und begabtester Schüler, Dr. Peder Sörensen, Leibarzt bei Friedrich II., der vorzüglichste Arzt Dänemarks int 16. Jahrhundert.

Er suchte unermüdlich, gestützt ans seine gründlichen chemischen Kenntnisse und die reiche Erfahrung, welche seine ausgedehnte Praxis ihm gab. Viele seiner Kuren glückten wunderbar. Und, .wie behauptet wurde, soll er zuletzt wirklich das Uitiversalmittel gefunden haben. Wenn dies sich so verhält, so muß es als ein außerordentliches Unglück angesehen werden, daß er es gerade nicht bei der Hand hatte, als er im Sommer 1602 selbst von der herr­schenden pestartigen Epidemie ergriffen wurde, und am 28. Juli starb. Er hätte jedoch Zeit gehabt es anzuwenden, da er bei dem Erscheinen einer schwarzen Pustel auf einer feiner Augenbrauen, obschon sonst gesund, seinen in we­

nigen Tagen bevorstehenden Dod voraussagte, wie er auch eintraf.

Neben Männern wie Peder Sörensen und Tycho Brahe, an deren Tüchtigkeit und Ehrenhaftigkeit kein Zweifel herrschen kann, treten andere natürlicherweise in den Schatten. Aber selbst, wenn wir an den äußersten entgegen­gesetzten Flügel gehen, zu den reinen Betrügern, so zeugen diese sowohl durch die Frechheit, mit welcher sie auf­traten, als durch das Entgegenkommen, das sie fanden, von der allgemeinen großen Erwartung, die in der Zeit lag. So erreichte z. B. ein würdiges Paar, die Herren Caspar Üben und Johann Schunken, im Jahre 1590 die Unterstützung von Herzog Ulrich von Mecklenburg. Die beiden uneigennützigen Herren verlangten nur alles für ihre Arbeit Notwendige, und außerdem 15 Thaler sofort, später 120, eine gewöhnliche Hofkleidung, freie Kost, Wohn­ung, Beleuchtung, Beheizung. Für diese Kleinigkeit ver­sprachen sie im Laufe von 40 Wochen lapis philosophorum, d. h. den Stein der Weisen, Herstellen zu wollen; darauf im Laufe bmt drei Wochen eine Flüssigkeit, in welcher sich Kupfer zu Silber verwandelte; in weiteren acht Wochen eine Tinktur zu schaffen, welche zehn Lot Kupfer, Blei, Quecksilber und Silber in ecb-tes Gold umbilden könnte; im Laufe von acht Tagen eine Flüssigkeit herzustellen, die alles in Silber verwandelte; in drei Wochen Gold aus Zinnober und Silber zu bereiten, und endlich in 40 Tagen den Goldsaft zu erfinden, in welchem der Stein der Weisen zeitweise erneuert werden muß, um seine Kraft zu be­wahren. Im Stein der Weisen sind nämlich 4 Lot Gold und 6 Lot Silber, die znlwr angeschafft und dann erneuert werden müssen.

Man weiß nicht, worüber man sich hier am meisten wundern soll, über die Frechheit dieser Goldmacher oder über die Leichtgläubigkeit Herzog Ulrichs. Der Schluß hätte doch so nahe liegen müssen: Wenn sie es wirklich ver­stünden, Gold zu machen, so kämen sie doch nicht zu Herzog Ulrich um ein paar Thaler zu verdienen. Der Ausfall bewies denn auch, daß sie neid): Verlauf eines Jahres ihn 500 Gulden gekostet, aber noch nicht für einen Schilling Nutzen gebracht hatten. Sie beriefen sich nun darauf, daß alles von Gottes Beistand und den Geistern abhinge, während der Herzog ihnen mit Gefängnis und Folterbank drohte. Eines schönen Tages waren die Vögel ausgeflogen, und der Herzog stand allein da, nur um eine Erfahrung reicher. Aber, daß ein verständiger Mann wie er sich wirklich zrnn Narren machen ließ, daß in Dänemark Männer wie Erik Lange nnd später Valdemar Daa Hab und Gut daran setzen konnten und noch mit dem Bettelstab in der Asche nach Gold stöberten, das beweist, wie diese selbe Hoffnung allen vorschwebte, wie der Gedanke an den Stein der Weisen vor den Augen jener Zeit flimmerte.

Um dies völlig zu verstehen, müssen wir uns be­ständig erinnern, daß die Naturauffassung jener Zeit eine andere war als unsere. Wie redliche man sich auch bestrebte, die Frage erfahrungsmäßig aufzustellen, immer flog die Antwort ^vorher phantastisch, wie ein Kobold, aus dem Kasten. Selbst die gleichen Ausdrücke verstand jene Zeit in anderer Weise als wir. Wenn z. B. Paracelsus von dem Leben der Mineralien spricht, von den Kälteschauern und Fiebern der Erde, von der inneren Gleichheit zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos, so verstand vielleicht er schon, jedenfalls aber seine ganze Zeit, dies ganz buch­stäblich. Der große Stein z. B.. welchen Friedrich II. kurz vor der Geburt Christians IV. von Grönnehave zum Strand bei Kronborg schleppen ließ, galt für lebendig. Gelehrte Betrachtungen wurden darüber geschrieben, wie er atmete und ob er Blut an seinen Steinadern hätte.

Aus der ganzen Naturauffassung der Zeit, wie sie sich vom Tiber bis zum Nordkap, von der Themse bis zur Weichsel erstreckte, ist also auch der Glaube an den Stein der Weisen erwachsen. Es ist derselbe Gedankengang, aus dem auf dem Gebiete der Dichtung ein seltsamer Sproß emporschoß, von allen Bestandteilen der Zeit genährt: die Faustsage entstand. Jedes Land verstand sie und erzählte sie ioieber, in biefer Sage fand alles Sehnen und Schaudern der Zeit eine Stätte.

Redaktion: E. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.