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eingefaßt sind. Wenn ich die geringe Mühe der Bereitung nicht in Anschlag bringe, kostet mich die Flasche dieses reinen, gesunden Weins höchstens sechzig Pfennige."
„Aber, das ist ja fabelhaft billig!" spricht Frau Agnes erstaunt, und fügt leise seufzend hinzu: „Ach, besäße ich doch auch> einen Garten und Sie, lieber Freund, würden mein Lehrmeister."
— — Die neuen Frühkartoffeln bestehen die Probe glänzend; sie machen ihrem verlockenden Aussehen volle Ehre und haben ein zartes, lockeres, weißes Fleisch; sie munden vortrefflich mit der goldgelben Butter in eisgekühlter Schale und zum fetten, breitrückigen Matjes-Hering, der so appetitlich aus der weißen Porzellanplatte ruht. Eine Schüssel, mit köstlichem Gurkensalat gefüllt, vervollständigt die Speisenfolge.
„Es ist ein wahrer Götterschmaus!" versichert der Sanitätsrat. begeistert.
„Können Sie mir das Rätsel lösen, lieber Justizrat, wie sich die armen Hausfrauen in jener Zeit beholfen haben, als die Kartoffel noch nicht eins der wichtigsten Volksnahrungsmittel war?" fragt Frau Wellheim.
Im Plauderton entgegnet der alte Herr:
„Aus vergilbten Küchenrezepten und den ältesten Koch»- büchern erfahren wir, daß sich die früheren Geschlechter hauptsächlich durch Mehlspeisen ernährten, die in der verschiedensten Gestalt auf den Tisch kamen. Auch jetzt noch giebt es in manchen Ländern Nationalgerichte, die aus jener Zeit stammen, bevor die wilden Kartoffeln aus Peru und Chile, nach langjähriger Veredelung, und sehr langsamer Besiegung festeingewurzelter Vorurteile, die weiteste Verbreitung sanden.
Ter Bayer liebt leidenschaftlich seine schmackhaften Knödel; in Württemberg schwärmt man für Wasserspätzle; in Thüringen, Sachsen und Schlesien spielen die Mehl- und Hefenklöße, Dampfnudeln und Speckkuchen, Käsekäulchen und Pfannkuchen eine wichtige Rolle.
Zu den gebräuchlichsten Speisen gehörten bekanntlich Graupen von Gerste, Grütze von Heidekorn und Hafer; ferner die jetzt noch beliebten Hülsenfrüchte und der Hirsebrei. Auch Möhren und Kohlrüben, so wie ein Nationalgericht der Deutschen, das Sauerkraut, wurden während der früheren Jahrhunderte in weit größeren Mengen verzehrt, als jetzt. Aber beim armen Volk war meistens Schmalhans Küchenmeister, infolge häufiger Mißernten, und der entsetzlichen Verheerungen durch endlose Kriege. Es kann in Zahlen gar nicht ausgedrückt werden, wie sehr sicht im Vergleich mit jenen finsteren Zeiten, der Volkswohlstand gehoben hat; aber erst durch die allgemeine Verbreitung der Kartoffel, die man das Brot der Aermsten nennen kann, hat sich die Volksernährung so gebessert, daß eine Wiederkehr der im Mittelalter so häufigen Hungersnöte nicht mehr zu befürchten ist."
„Nun mußt Du auch mir eine Frage beantworten, lieber Freund, weshalb widmen sich unsere Gemüsegärtner nicht noch mehr dem Anbau guter Frühkartoffeln? sie würden doch damit weit höhere Preise erzielen, als mit den Spätkartoffeln, und können das abgeerntete Land noch einmal bepflanzen", fragt der Sanitätsrat.
„Dieser Umstand läßt sich aus zwei Ursachen erklären; vor allem ist der althergebrachte Schlendrian ein Hemmschuh, und dann beschäftigen sich die großen Gemüsegärtnereien erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit mit der Züchtung und Veredlung möglichst früher und reichtragender, und möglichst feinschmeckenöer Speisekartoffeln. In früherer Zeit baute man nur die weißschalige Nieren- oder Sechswochenkartoffel, die aber vielfach ausgeartet ist und durch weit bessere Sorten immer mehr verdrängt wird. Von den vielen Neuheiten der letzten Jahre will ich nur ivenige erwähnen: Beliebt sind die schmackhafte „blaue Sechswochenkartoffel", die sehr empfehlenswerte „allerfrüheste Viktor", die äußerst ertragreiche „Juli-Kartoffel", die „rote May Queen", die „blaßrote Delikatessenkartoffel" und „Erfurter Goldflocke"."
„Na, lieber Mann, gute Sorten wüßten wir nun genug", sagt voll wehmütigen Galgenhumors Frau Agnes, — es fehlt nur noch der Garten, um sie im nächsten Frühjahr pflanzen zu können!"
„Aber Herzensschatz!" rüst erschrocken der Sanitätsat,
„soll ich auf meine alten Tage und mit steifem Rücken, graben und harken, pflanzen und jäten?"
„Nun, für die groben Arbeiten mieten wir einen kräftigen Burschen", entgegnet die Gattin entschlossen.
Jetzt nahm der Justizrat lächelnd das Wort und sagte: „Als Arzt mußt Du wissen, daß Graben und Harken für Deine Wohlbeleibtheit die heilsamste Kur wäre; mir selbst, lieber Freund, bereitet mein Garten die glücklichsten Stunden. Du ahnst nicht, welcher Genuß es ist, bei Sonnenaufgang, in taufrischer Kühle, hier zu wandeln und zu schaffen. Noch ist der Lärm des Tages nicht erwacht, nur die kleinen gefiederten Sänger, die mein winziges grünes Reich bewohnen, zwitschern leise und belauschen zutraulich mein Thun. Du kannst es nicht mitfühlen, welche Befriedigung es mir gewährt, die Erzeugnisse meiner Sorgfalt und Mühe, blühen und gedeihen zu sehen — die Arbeit im Bureau ist nur zu oft unerquicklich und aufreibend; — die Thätig- keit im Garten beruhigt meine Nerven, sie macht mich! fröhlich und zufrieden."
„Wahrlich, Sie sind ein beneidenswerter Mann!" spricht Frau Agnes strahlenden Blickes.
„Wenn Du die ernstliche Absicht hättest, lieber Wellheim, ein Gärtchen vor dem Thor zu erwerben, so böte sich; bald Gelegenheit dazu", sagt der Justizrat. „Das Nachbargrundstück kommt in nächster Zeit zum Verkauf, weil der Besitzer krank und gebrechlich! ist."
„Ach, bester Mann, das kaufen wir!" ruft jubelnd Frau Wellheim.
„Nun, wir wollen uns das noch überlegen, liebe Agnes."
„Aber stellen Sie sich die Gärtnerei nicht zu leicht vor, verehrte Frau", sagt der Justizrat in schelmisch mahnendem Ton; „es ist auch mancher Verdruß damit verknüpft, und große Ausdauer erforderlich — Sie müssen sich auch viele praktische Handgriffe aneignen, denn jedes Ding will gelernt sein. — Es wäre aber eine große Freude für mich, wenn wir Nachbarn würden; auch sollen Sie in mir jederzeit einen geduldigen und nie verdrossenen Ratgeber finden."
Frau Agnes reicht dem alten Freunde ihres Gemahls treuherzig die Hand und spricht:
„Gelt, Männe, da schlagen wir fröhlich ein! — Diesen Wunsch darfst Du mir sticht versagen. Und im nächsten Sommer, lieber Justizrat, da speisen Sie vergnügt bei mir selbstgebaute Frühkartoffeln."
Der Stein der Weifen.
Nachdruck verboten.
Wer hat nicht vom Stein der Weisen sagen hören, und von seinen wunderbaren Wirkungen, jede Krankheit zu heilen, und alles in Gold zu verwandeln? Wer nur wenige wissen, woher der Glaube kommt, und wie mächtig er einst eine ganze Zeit ergrifft Darüber findet sich in dem Werke des bekannten dänischen Kulturhistorikers Troels Lund „Gesundheit und Krankheit in der Anschauung der alten Zeiten", das soeben bei G. B. Teubner Leipzig in deutscher Uebersetzung erschienen isft eine außerordentlich; interessante Darstellung, die, wie überhaupt das ganze Werk, sehr vergnüglich' die Anschauungen der alten Zeiten schildert, und dabei doch einen tiefen Einblick in das Wesen der Vergangenheit und der Menschennatur gewährt. Wir geben im Nachstehenden einen wesentlichen Teil dieser Darstellung wieder.
Selten oder niemals hat ein-Gedanke ein so empfängliches Erdreich gesunden, wie die Lehre vom „Arca- num", vom „Unbekannten", vom „Stein der Weisen" in Europa. Sie zündete sowohl anderwärts, als über den ganzen Norden. Von der Elbe bis zum Nordkap gab es kaum eine Hausmutter, die nicht wesentliche Voraussetzungen et- stillte, um sich schnell darein zu finden. Uralter, vererbter, heidnischer Zanberglaube begegnete sich in dieser Lehre mit dem allerneueften Glauben an die Natur und ihre Kräfte. Die Arbeiten des Alltags bekamen einen neuen Anreiz und doppelte Schnelligkeit, da sie nun ein Versteckspiel mit Nachbarn und Freunden sein sollten. Die ärmlichste Anweisung zu einem hausgebrauten Meth, „Latwerge" von Johannisbeeren ober zu Schlehenbranntwein


