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„Bitte, bitte, nicht weiter, gnädiges Fräulein", flüsterte er weich. „Ich bin dreifache, vierfach, hundertfach in Ihrer Schuld. Sie erinnern sich gewiß nicht mehr. Aber schon im Sedan-Panorania vor vier Wychen fing es an!"
„Doch doch", nickte sie, leise lächelnd.
„Und dann hier erst", fuhr er fort, „was bin ich Ihrer Lieblichkeit und Lebenslust gegenüber für ein Boshart gewesen, trotzdem mir innen, tief innen im Herzen ein ganz anderes Gefühl wohnte, von dem ich mich noch! nicht getraue zu reden, weil ich fürchten muß, der eben so schön errungene Frieden zwischen uns könne sofort wieder gestört werden! Denn ich liebe Sie, Fräulein Gisela, liebe Sie mit der ganzen Glut meines Herzens. . ." flüsterte er, unlogisch wie alle Verliebten doch das Geheimnis preisgebend, das er im Grunde des Herzens für ewig zu bewahren beschlossen hatte.
Und da Fräulein Gisela Walrat auf ein so kühnes Geständnis hin nichts weiter, als halb bebend, halb jauchzend:
„O Gott, Herr Baumeister!" stammelte, ohne indessen das Hasenpanier zu ergreifen, vielleicht, weil ihr der Schreck über dieses unerwartete Geständnis allzu heftig in die Glieder gefahren war, so drückte Heinz Döring, kühner werdend, das blonde Köpschen Giselas an seine Brust und suchte mit seinem Munde zunächst ihre schöne weiße Stirn.
„Du, ich finde die kleine Hexe nicht mehr!" rief Erich verdrießlich pnd trat wieder in den Schatten der Linden, ehe die beiden Zeit gehabt hatten, auseinander zu flüchten.
„Ja, zum Teufel, Heinz", fuhr der Jüngling erstaunt fort, „da ist sie ja! Und da sagst Du heimtückischer Kerl noch eben, Ihr wäret nicht bekannt miteinander? Das ist stark, höre!"
„Beruhige Dich, Kleiner!" lachte Heinz vergnügt. „Für Dich hatte die Sache ja doch keinen Zweck. Fräulein Gisela Walrat ist von diesem Augenblicke an — mein Privat- Cigentum!"
Und! damit faßte er seine schnell eroberte Braut beherzt um die Taille, so eifrig sie sich auch dagegen zu sträuben schien, und küßte sie nun auch auf den Mund.
„Alle Wetter!" murmelte Erich, dem das Wasser im Munde zusammenlief. Aber die beiden verliebten Ungeheuer dachten gar nicht daran, daß ein Bruder und künftiger Schwager auch gewisse Rechte habe. . . -
So goß er denn trübselig ein Glas Rheinwein herunter und spülte damit den Neid weg, der in ihm aufsteigen wollte wegen dieses ganz widersinnig schönen Privat-Eigen- tums eines anderen. . . .
Reue Kartoffeln.
Plauderei von B. Ohrenberg.
(Nachdruck verboten.)
„Aber, bitte, Alterchen, komm doch nun zu Tisch !" ruft Frau Agnes durch die geöffnete Thür des Studierzimmers ihres Gatten.
„Gleich, lieber Schatz!" antwortet der Gemahl, „gestatte nur noch ein paar Augenblicke, — ich habe hier ein interessantes Präparat von den Sporen des verdammten Pilzes, der die Kartoffelkrankheit verusacht."
„Daß Deine Suppe nicht kalt wird, ist mir augenblicklich wichtiger," scherzt Frau Agnes.
Sanitätsrat Wellheim verschließt sorgfältig sein kostbares Mikroskop, betritt das Speisezimmer und fragt: „Nun, Muttchen, bekomme ich heute neue Kartoffeln?"
„Sei nur nicht böse, lieber Mann! — Die Milchfrau versprach mir ganz bestimmt, ein paar Liter von ihren guten „Sechswochenkartoffeln" mitzubringen, — und nun hat sie mich doch im Stich gelassen", entgegnet Frau Agnes betrübt.
„O, das ist ärgerlich !" spricht der alte Arzt mißmutig, „ich hatte mich so daraus gefreut, — denn die alten Kartoffeln sind nicht mehr zu genießen und haben allen Nährwert verloren."
„Ach, Männchen, wenn wir doch auch ein Stück Gartenland besäßen, wie Dein Freund, der Justizrät; — wie angenehm ist es für die Hausfrau, wenn sie zartes, junges Gemüse bereiten kann, das nicht erst auf dem Transport in Staub und Sonnenhitze welk wurde", spricht Frau Agnes seufzend.
Da tritt die Köchin ins Zimmer und überreicht ein
Billet mit den Worten: „Das hat soeben der Gärtnerbursche vom Herrn Justizrat Töpfer abgegeben."
Wellheim öffnet den Umschlag und liest: „Lieber Freund! Hierdurch bitte ich- Frau Agnes und Dich, heute ein frugales Abendbrot bei nnr im Gartenpavillon einzunehmen ; — ich will eine neue Sorte Frühkartoffeln probieren; bitte, pünktlich um acht Uhr, aber ohne „akademisches Viertel", — sonst werden sie derb."
„Hurrah! — nun bekommen wir heute doch neue Kartoffeln, und frisch aus der Erde!" ruft Wellheim so vergnügt, und so übermütig, als wäre er noch junger Student.
Justizrat Töpfer, ein gemütlicher Junggeselle mit ergrautem Haar, hat nur eine Passion, nämlich die Liebe zu seinem Garten, den er mit einem Jungbrunnen vergleicht, weil ihn die Arbeit darin, und die Freude am Gedeihen seiner Pfleglinge, frisch und gesund erhält. Der alte Herr besitzt den Ehrgeiz, die frühesten und zartesten Riesenspargel zu erzeugen; — es macht ihm große Freude, die Naschmäulchen seiner vielen, kleinen Nichten mit süßen Mammut-Erdbeeren zu stopfen; er liebt es, den Tarnen seiner Kollegen die prachtvollsten, selbstgezogenen Rosen zu verehren; aber das größte Interesse widmet er, seltsamer Weise, der Kultur von Frühkartoffeln, und in seinem Arbeitszimmer liegt eine große Zahl bunter Kataloge der ersten Gärtnereien, sowie Tüten und Säckchen, Beutel und Kartons, die „Neuheiten" enthalten.
---- Als Herr und Frau Wellheim sich! pünktlich! einfinden, werden sie vom Justizrat herzlich! begrüßt. Mit schelmischem Lächeln überreicht er der Gattin seines Freundes ein kleines Blumensträußchen, das diese dankend annimmt, aber erstaunt betrachtet.
„Nun, bitte ich, verehrter Freund, was sind denn das für seltsame Blüten? Ich! habe sie noch! in keiner Blumenhandlung angetroffen, obgleich sie von eigenartiger Schönheit find."
„In den Blumengeschäften werden sie auch nicht verkauft", entgegenet lächelnd- der Justizrat, „ich! verehrte Ihnen eine kleine Zusammenstellung verschiedenfarbiger Kartoffelblüten."
„Ei, wie hübsch sie aussehen!" rühmt Frau Agnes, „wir haben oft nicht das richtige Auge für originelle Blumen in Feld und Wald, sondern gehen achtlos daran vorüber."
„Doch nun bitte ich!, rasch zu Tisch !" mahnt freundlich der Gastgeber, „sonst erzürnen wir meine gute, alte Hausfrau, Frau Hirt, die soeben die dampfende Schüssel bringt."
„Ach, steh' mal, Frauchen, diese Pracht!" ruft Wellheim bewundernd.
„Da lacht einem ja das Herz im Leibe", spricht Frau Agnes voll Anerkennung, „wie machen Sie es nur, Frau Hirt, daß jede der schönen Knollen so herrlich aufgeplatzt ist? — Bei neuen Frühkartoffeln ist das doch!- selten."
Die Wirtsch!afterin verneigt sich) dankend und sagt: „Die gnädige Frau wissen wohl nicht, daß ich) aus einem Dorfe im Voigtlande stamme, — dort lernt man die Kartoffel richtig behandeln; — Sie würden staunen, wenn ich! erzählte, wie viele sehr schmackhafte Gerichte die Vogtländerinnen aus den Erdäpfeln zu bereiten verstehen. Das Sieden der Kartoffel geschieht häufig fehlerhaft; sollen diese ihren feinsten Geschmack erreichen, so wasche man sie erst unmittelbar vor dem Kochen, setze sie mit kaltem, leicht gesalzenem Wasser an, lasse sie darin halb fertig kochen, ersetze dann dieses Wasser durch siedendes und ebenfalls gesalzenes, und lasse sie hoch aufkochen. Sobald die Kartoffeln weich sind, schmecke man den Sud mit etwas kaltem Wasser ab; so behandelt, platzt jede Kartoffel."
--Auf der mit Blumen geschmückten Tafel in dem traulichen, kleinen Gartenhause prangen auch zwei funkelnde Krystallkaraffen, die mit hellrotem und rubinfarbenem Beerenwein gefüllt sind. Nachdem der Justizrat die Gläser vollgeschenkt und ein Wohl auf seine lieben Gäste ausgebracht hat, spricht er den Wunsch aus, daß auch dieses Produkt seines Gartens ein wenig Beifall finden möge.
„Alle Wetter, — Du bist ja ein Tausendkünstler!" sagt Wellheim schmunzelnd, nachdem er einen tüchtigen Schluck getrunken hat.
Frau Agnes spricht bewundernd: „Haben Sie wirklich diesen feurigen und aromatischen Wein selbst gekeltert?"
„Gewiß, verehrte Frau, und zwar aus den Früchten jener Johannisbeersträucher, von denen die Rabatten dort


