- 378 -
der Führer und Aufseher, „ich will Ihnen den Weg zeigen."
„Wohin?" fragt Elly unruhig.
„In das Gefängnis, mein Fräulein."
Agnes stößt einen Schrei des Schreckens aus, Else bekundet ihr Entsetzen durchs einen neuen Thränenstrom, selbst die starke Elly fühlt ein ängstliches Pochen in ihrer Brust.
„Mein Herr, Sie werden uns doch nicht wie gemeine Verbrecherinnen behandeln?" stammelt sie furchtsam.
„Bedaure, ich habe kein anderes Gelaß." Damit stößt er eine Thür in der ersten Etage auf. „Bitte, hier herein! Und nehmen Sie Platz."
Das Kleeblatt atmet erleichtert auf. Das vermeintliche Gefängnis entpuppt sich als ein behaglich ausgestattetes Zimmer mit bequemen Möbeln in altdeutschem Stil.
„Bitte setzen Sie sich nur — ich werde Ihnen sogleich die Gesängniswärterin schicken."
Fünf Minuten später betritt eine ältere Dame in vornehmer Haltung das Gemach,. „Mein Sohn hat mir von Ihrem Mißgeschick erzählt, meine Damen", führt sie sich lächelnd ein, „er hat mich, gebeten, Ihnen Gesellschaft zu leisten."
Ten drei Gefangenen wird jetzt schon erheblich, leichter ums Herz. Jede Spur von Angst und Sorge schwindet jedoch aus den lieben Gesichtern, als gleich darauf ein Mädchen eine große Schüssel herrlicher Kirschen auf dem Tische vor den Fräulein niedersetzt. Gleich- hinter ihr folgt Herr Wolf selbst mit ein paar Flaschen duftenden Tokayers, ein anderes Mädchen bringt Gläser.
„So meine T-amen, nun langen Sie zu", fordert Wolf sie freundlich lächelnd auf. „Es ist freilich, nur Gefangen- kost — aber Sie werden Hunger und- Durst haben, vor allem an diesem heißen Tage das letztere."
„Sie sind sehr liebenswürdig", versichert Elly mit einem Knix.
„Wir danken Ihnen", setzt Else hinzu.
Agnes, als die Jüngste, hat beim Anblick der wunderbaren Kirschen alle Not vergessen. „Ich bin so frei", sagte sie und langt zu. Der Gutsherr und seine Mutter gehen mit gutem Beispiel voran, die drei Mädchen, verdurstet wie sie sind, greisen bald herzhaft zu. Man bewundert, lacht, scherzt, und alles Vergangene ist vergessen . . .
Indessen sitzen die Mütter im Garten des Gasthofs von Burkersdorf und warten, warten, warten.
„Wo die bösen Kinder nur bleiben?" meint Frau Rechtsanwalt Krüger endlich besorgt.
„Vielleicht haben sie sich verirrt, erwiderte die Mutter von Else und Agnes, Frau Stadtrat Vogt.
In diesem Augenblicke hören sie, wie ein Mann den Wirt fragt, welche von den Damen Frau Rechtsanwalt Krüger sei.
Dieser zuckt die Achseln.
T-a erhebt sich Frau Krüger mit den Worten: „Hier, ich bin t' Was wünschen Sie?"
Ter l >- berus blickt verwundert die elegante Dame an. Empfehlung von Herrn Rittergutsbesitzer Wolf, und — und Ihre Mädchen hätten Kirschen geklemmt, und — und-Sie möchten gleich hinkommen und sie auslösen, sie sind gepfändet und haben kein Geld."
Höchst bestürzt stehen die beiden Damen sofort auf, berichtigen ihre Zeche und lassen sich von dem Boten nach dem Gute führen. Beiden zittert das Herz in Angst um ihre Töchter — wie erstaunen sie aber, als sie, vor der Thür eines Zimmers stehend, schon von außen die lachenden Stimmen ihrer Kinder hören, und im Hereintreten diese fröhlich! um einen Tisch sitzen und sich! an den schönsten Kirschen, die man sich denken kann, letzen sehen!
„Ihr bösen Mädchen, was habt Ihr uns sür einen Schreck eingejagt", ruft die Frau Rechtsanwalt erleichtert aus.
Herr Wolf verbeugt sich- lächelnd- vor ihr und bittet um Entschuldigung. „Alle Schuld trifft mich«", versichert er nicht ohne Verlegenheit. „Ich sah die jungen Damen in so hilfloser Bestürzung, und gedachte mir einen kleinen
Scherz mit ihnen zu machen. Bitte, geben Sie uns die Ehre, meine Damen, sich! hier von dem kleinen Abenteuer zu erholen und ebenfalls die bösen Früchte zu versuchen, deren verlockender Anblick Ihre Fräulein Töchter so in Aergernis gebracht hat."
Natürlich nehmen die Mütter die freundliche Einladung an, eine neue Schüssel Kirschen wird gebracht, man lacht, ißt, stößt an und trinkt. Als die Gesellschaft endlich aufbricht, näherte sich Wolf der reizenden Elly mit den Worten: „Gnädiges Fräulein, Sie als die Anstifterin müssen sür Ihre Freundinnen büßen — ganz ohne ein Pfand kann ich Sie nicht sortlassen."
„Wollen Sie meinen Sonnenschirm haben?" fragt Elly neckisch.
„Nein — aber die Schleife aus Ihrem Haar." Elly errötet, lacht dann, aber sie gießt sie ihm. „Womit soll ich sie wieder auslösen?"
„Sie werden es seinerzeit erfahren."
Als Elly im Begriff ist, das Haus zu verlassen, tritt der Cerberus an sie heran.
„Fräuleinch-en, hier."
„Was denn?"
„Ihr Geld." Dabei zeigt er ihr das berüchtigte Fünfzigpfennigstück.
„O, behalten Sie es nur", nickt ihm Elly glückstrahlend- zu.
„Tanke schönstens — jetzt darf ich es annehmen; denn nun ist's keine Bestechung mehr." . . .
Eigentlich ist unsere Geschichte damit zu Ende. Unsere Leser und Leserinnen mögen uns indessen nicht zürnen, wenn wir ihnen ergänzend noch einige Mitteilungen über die Folgen des Abenteuers unterbreiten, so wenig ihnen auch wie wir wissen, daran gelegen ist. Es geschieht auch nur zur Warnung, damit sie es nicht machen, wie Elly und ihre Freundinnen. Etwa ein Vierteljahr später erscheint eines Tages Wolf mit der gepfändeten Schleife bei Elly — sie hatten sich- inzwischen mehrfach gesehen, so unglaublich das klingt — und verlangt von ihr, sie müsse das Pfand einlösen, die Akten über den Fall müßten endlich- geschlossen werden.
Elly wird rot wie eine Rose.
„Ich — ich weiß nicht — was ich — was verlangen Sie denn dafür?"
„Was ich verlange? Nur Ihre kleine Hand. Aber nicht etwa blos, um sie zu drücken, bewahre — behalten will er sie, und zwar für immer!"
Da haben wir die Bescherung! Eine Verlobung giebt's und eine Heirat! Und am Hochzeitstage ist der junge Ehemann so verwegen, zu erzählen, seine junge Frau habe sich! im wahren Sinne des Wortes in sein Herz — gestohlen! Elly widerspricht sreilich, aber Wolf sagt: „Hand auss Herz, Elly, wenn der Wächter nicht gekommen wäre, hättet Ihr im Ernste die Kirschen nicht angerührt?"
Da lacht Elly verschämt und entgegnet: „Nun, vielleicht jede eine —"
„Siehst Tu!"
„Aber Tu bist doch der Hauptdieb!"
„Ich? Wieso?"
„Ich- habe Dir nur eine Kirsche —: stehlen wollen, aber Tu hast mir mein Herz gestohlen!"
Preisrätse (♦*)
Zahlenquadrat.
Nachdruck verboten.
In die Felder nebenstehenden Quadrates sind auf- einanderfolgende Zahlen derart zu setzen, daß jede wage- ------------ rechte und senkrechte Reihe, sowie jede der beiden Diagonalen die Summe von 90 ergibt.
*) Lösungen sind mit Aufschrift: „Preisräisel-Lösung" versehen innerhalb acht Tagen an die Redaktion der „Gießener Famiiienblätier" einzusenden.
Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer:
Aberglaube.
Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


