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und deren erfrischenden Saft wir wie Nektar schlürfen? Welcher Mensch, der unter einem vollbehangenen, seine Zweige dicht über seinem Haupte ausbreitenden Kirschbaum dahingeht, fühlt nicht unwillkürlich, das Verlangen in sich!, die Hand nach den erquickenden Früchten auszustrecken?
„Ich wollt', ich hätte ein paar", ruft Else.
„Ich auch."
Elly versucht mit der Hand einen der Zweige zu erfassen.
„Laß, Elly, laß, das dürfen wir nicht", warnte Agnes.
„Ich will auch keine nehmen —- nur einmal sehen, ob ich hinauflangen kann!"
„O, Du kannst nicht so hoch!"
„Was? Paß auf!"
Elly vereinigte ihre ganze Kraft in einem bewunderungswürdigen Luftsprung, indem sie gleichzeitig die Hand nach dem niedrigsten Zweige ausstreckte, aber ihr Ziel erreichte sie doch nicht.
„Es ist zu hoch", keuchte sie.
„Laß mich einmal versuchen", hohnlachte Else, „ich kann höher springen."
Doch auch sie, und ebenso Agnes, versuchen vergeblich ihr Heil. Hindernisse reizen bekanntlich- und so setzen die drei jungen Mädchen lachend das Spiel fort. Elly thüt es schließlich! den andern bjcEjt zuvor, sie hat auf einmal, den erstrebten Zweig in der Hand, zieht ihn zu sich herab und jauchzt triumphierend: „Ich habe ihn, ich habe ihn!"
„Jawohl, und ich! habe Euch! auch^ Ihr Spitzbuben!" grollt da eine rauhe, polternde Stimme wie ein Donner zwischen die erschrockenen Mädchen hinein, und wie ein Blitz fährt zwischen sie der Plantagenwächter, ein Mann von rauher Gestalt in des Wortes verwegenster Bedeutung, mit einem zottigen Barte, einem schmutzigen Hut auf dem Kopfe, einer Flinte in der Hand und einem bissigen Köter hinter sich, der sich, ebenso heimtückisch wie sein Herr, nachdem er sich mit diesem hinter dem Gebüsch an der Seite herbeigeschlichen, ganz plötzlich mit wildem Gebell auf die in Todesangst aufkreischenden Mädchen stürzt.
„Hierher, Packan — Ruhe Bestie — ich werde schon allein mit denen da fertig! Verwünschter Racker, willst Tu die Schnauze halten! Was haben Sie hier zu suchen, Sie? Sie wollten Kirschen mopsen, he?"
Zitternd stehen die jungen Mädel vor dem grimmigen Wächter, Agnes und Else fangen an zu schluchzen, Elly aber faßt sich ein Herz und erwidert entrüstet:
„Nein, das wollten wir nicht — wir machten uns nur das Vergnügen, zu probieren, toer von uns den Zweig dort erlangen könne."
Der Plantagenwächter lacht höhnisch!.
„Kennen wir schon — allons, folgen Sie mir."
„Wohin?" fragt Elly, ihren ganzen Mut zusammen- raffend.
„Ins Dorf, zum Gemeindevorstand."
Da ist es zu Ende mit Ellys Kraft, auch ihr treten die lichten Thränen in die Augen. „Lieber Mann", fleht sie mit ihrer sanftesten Stimme, „lassen Sie uns doch laufen! Wir haben wirklich keine böse Absicht gehabt."
„Ich hab' Sie ja auf frischer That ertappt."
Elly sucht in ihrer Tasche und findet zu ihrer großen Freude ein Fünfzigpfennigstück, das sie eiligst Herausholt und dem zornigen Hüter in die Hand drückt.
„Da — nehmen Sie — lassen Sie, uns gehen."
Aber wütend braust er auf: „Sie wollen mich bestechen? Das ist noch viel schlimmer — das Geld werde ich dem Herrn Bürgermeister abliefern. Vorwärts, kommen Sie mit."
Alle Bitten, alle Thränen sind umsonst. Sie müssen mit. Elly, zu stolz, um zu weinen, geht mit einer trotzigen Miene voran, hinter ihr laut jammernd und sie mit Vorwürfen überschüttend, ihre Gefährtinnen. An der Seite der Wächter, zuletzt der greuliche Köter. Elly schaut sich vorsichtig um, sie denkt an Flucht. Doch psui — ihre Freundinnen verlassen? Nimmermehr! Außerdem erscheint der Versuch auch aussichtslos, der Kirschencerberus und sein Spitz würden sie schnell genug zurückbringen.
Der Trauerzug ist schon ziemlich ans Ende der Plantage gelangt, als ihnen ein elegant gekleideter junger Herr entgegenkommt. Etwa 25 Jahre alt, mit hübschen,
liebenswürdigen Zügen, dunklen Augen, hoher Stirn, stattlichem Schnurrbart.
Erstaunt hält er die kleine Karawane an.
„In aller Welt, Kunze, was haben Sie denn da?"
„Drei Kirschendiebinnen, Herr Wolf."
„Das ist nicht währ", verteidigt sich Elly, „wir haben weder Kirschen gestohlen, noch die Absicht gehabt, es zu thun."
„Ich hab' Sie aber doch dabei erwischt."
„Wir haben nur aus Scherz im Springen den Zweig zu erreichen gesucht."
„Jawohl, wer's glaubt — das hier ist Herr Wolf, der Eigentümer der Plantage, der wird's Ihnen schon geben."
„Wenn Sie der Besitzer sind, so bitten wir Sie, uns zu entlassen, wir haben nichts Böses gethan. Mein Vater, der Rechsanwalt Krüger, wird über die uns zugefügte Behandlung Beschwerde führen."
Der junge Herr lächelt.
„Meine Damen, es thut mir leid. Sie nicht so ohne weiteres entlassen zu können. Sie haben sich! in der That verdächtig gemacht — und nicht allein das. Sie sind so gut wie überführt. Wir sind in unserem vollen Recht."
„So wollen wir Ihnen unsere Namen und Adressen sagen, das wird doch genügen."
„Darauf können wir uns nicht einlassen, die uns angegebenen Adressen erweisen sich fast immer als unrichtig. Es bleibt nichts übrig, als Sie zu pfänden. Wenn Sie mir einen entsprechenden Gegenstand oder eine bare Summe als Kaution hinterlegen können, so mögen Sie gehen."
Erfreut blicken sich die jungen Mädchen an — endlich ein Ausweg!
„Was — was sollen wir Ihnen dalassen?"
„Haben Sie keinen Sonnenschirm?"
„Tie liegen in Burkersdorf im Gasthof, wo unsere Mütter auf uns warten."
„Oder bares Geld?"
Tie Damen flüsterten leise zusammen. „Ich habe gar nichts bei mir", raunt Agnes Elly zu.
„Und Du, Else?"
„Zwanzig Pfennige — hier hast Tu."
„Und ich habe mein ganzes Geld dem Aufseher gegeben --" J ■■ j' 4
„Nun?" fragt erwartungsvoll der Kirscheneigentümer.
Errötend gesteht Elly, daß sie sich nur im Besitz von wenigen Pfennigen befänden.
„Tas genügt freilich! nicht. So müssen Sie mir wohl oder übel Ihre Hüte zum Pfand lassen."
„Unsere Hüte? Wir können doch nicht in bloßem Kopse gehen? Nein, das geht unmöglich", widersprechen alle drei.
Ta kommt Elly ein Gedanke. „Schicken Sie doch zu unseren Müttern nach Burkersdorf, die werden sofort das Nötige erlegen."
„Tas ist weit — indessen, um Ihnen gefällig zu sein" — Herr Wolf streicht sich den Schnurrbart — „Knnze, gehen Sie in den Burkersdorfer Gasthof, fragen Sie nach Frau Rechtsanwalt Krüger, melden Sie ihr das Geschehene und richten Sie aus, ich! ließe die Damen bitten, sich einmal aus das Gut zu bemühen."
Kunze will abtrotten, aber Elly hält ihn zurück. „Warten Sie doch — sollen wir denn nicht mitgehen?"
„Damit Sie unterwegs entfliehen — und dann giebt es keine Frau Rechtsanwalt Krüger dort", ruft lachend der junge Gutsbesitzer. „Nein, meine Damen, das geht nicht. Sie müssen sich schon so lange als meine Gefangenen betrachten ■— bitte, begleiten Sie mich auf das Gut, es ist nur wenige hundert Schritte von hier, dort mögen Ihre Mütter Sie in Empfang nehmen."
Kunze trottet mit dem Köter ab, und seufzend ergeben sich die drei Gefangenen in ihr Schicksal. In Begleitung des jungen Herrn machen sie sich auf den Weg nach dem schönen, schloßähnlichen Herrenhaus, das, von prächtigen alten Linden und Kastanien beschattet, ihnen am Eingang eines großen Gartens entgegenwinkt.
„Sie verzeihen, daß ich vorangehe", entschuldigt sich


