Ausgabe 
30.6.1901
 
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hübsch aus, wenn sie mit strahlendem Lächeln jedem Einfall lauschte, als seien es die ersten Witze, die sre in ihrem Leben gehört hatte. Und ich freute mich darauf, daß sre mich nachher irr Haus und Garten herumfuhren sollte Da hatte ich mW aber verrechnet .Dem Pastor mißfiel offenbar die vertrauliche Art, in der seine Tochter mit dem Fremden verkehrte, und ich hörte, wie er nachher dem armen Kinde streng befahl, sich in sein Studierzimmer zu begeben, um dort einen ehrerbietigen Geburtstagsbrres an die Großmutter zu schreiben.

Das Gesicht der Kleinen zeigte eine klägliche Miene, als sie uns 'ba§ Haus verlassen sah. Auch mir war bte Laune verdorben. Wie oft hatte ich mich darnach gesehnt, die alten Spielplätze wiederzuschen! Doch als höflicher Wirt geleitete mich der Pastor selbst durch, Scheunen und Ställe, hier Verbesserungen zeigend, dort über bie schlechten Seiten klagend. Dies hätte ich hingehen lassen können, hätte er nicht dazwischen immer über Gunhilda und ferne Jüngste geklagt. ,, . .

Ja, sehen Sie", wiederholte er tritt fernem unver­wüstlichen Phlegma, wie idj es in meinem Aerger nannte, das Weib gehört nun einmal ins Haus. Dafür soll es erzogen werden, soll kochen und stricken, backen und platten. Zufrieden wird ein weibliches Wesen nur sein, wenn fern Spruch ist: ,Ein gut Gericht, das beste Gedicht'. Mit meiner Abiqael, mit meiner Deborah wird kein Mann betrogen. Gunhilda dagegen, die will lesen und studieren, und her­raten will sie nur, wenn sie einen Mann findet, der rhr wirklich überlegen ist. Dieser Unsinn! Ich bitte Sre, hrer auf der Insel, wo die Schiffer und Kaufleute spärlrch genug zu haben sind. Und eine alte Jungfer na, das ist und bleibt doch ein verfehltes Leben." ,

Aber, bester Herr Pastor", rief ich eifrig,die Ideen der Neuzeit bald erhalten die Frauen Zutritt zur Uni­versität." , ., .

Lassen Sie mich mit Ihren Ideen der Neuzeit rn Frieden", wehrte der gute Mann schnell ab.Davon wollen wir hier bei uns nichts wissen. Wir sagen: gieb dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Betrüben muß es jeden braven Mann, zu hören tote sie es jetzt in den großen Städten treiben. Was soll das Ende vom Liede werden? Gott stehe uns in Gnaden bei. Ehe wirs uns versehen, haben wir Aufruhr, Not und Elend

Leider habe ich mich im Auslande gar nicht um bte Politik gekümmert", unterbrach ich! ihn schnell, wühl wissend, daß zwischen uns keine Einigkeit über die schwierige Frage der politischen Lage zu erwarten fei.Da sehe ich ^hre Damen im Garten. Wollen wir nicht wieder umkehren?"

Kopfschüttelnd folgte mir mein Wirt. Er wurde fortan vorsichtiger in seinen Aeußerungen und schien den Ver­dacht zu schöpfen, ich gehöre am Ende auch, zu jenen Frei­denkern und gefährlichen Radikalen, welche seiner Meinung nach im Begriff standen, das Vaterland ins Unglück zu flirt 5 en.

Desto beredsamer zeigte sich jetzt die Pastorin. Einmal der häuslichen Sorgen entledigt, schien sie bereit, sich der Geselligkeit zu widmen und ihrerseits so viel Gewinn tote möglich von dem unerwarteten Besuch, zu ziehen.

Ich sah bald ein, daß die stattliche Frau nicht allein im Aeußern einen Gegensatz zu ihrem würdigen Eheherrn bildete, und ich verstand, daß gerade eine Natur wie Gnu­tz ildas sich von ihr ungezogen fühlen mußte. Ein Band! wirklicher Freundschaft schien trotz des Unterschiedes der Jahre diese beiden zu vereinigen, und wie vorhin brachte die Pastorin bald wieder das Gespräche aus die Pflegetochter meines Wirtes. ,

Nehmen Sie sich meiner Gunhilda etn wenig an, Herr Doktor", begann die Pastorin, während wir zwischen den Blumenbeeten dahinschritten.Es ist ein seltsames Wesen mit einer Feuerseele, das zu schnell alles auffaßt und sich zu eigen macht, um davon befriedigt zu fein, was eine alte Frau wie ich, Mitzuteilen versteht."

Sie haben Gunhilda unterrichtet?" fragte ich, ver­wundert.

Mit meinen Kindern zusammen. Eine feste Schule giebt es ja nicht hier auf der Insel. Ter Schulmeister zieht mit feinen Zöglingen umher von einem Hause zum andern. Ta haben denn ich und mein guter Mann es übernommen,

den Mädchen das nötigste zu lehren. Meinen ältesten Töch­tern war auch, was wir ihnen boten, mehr denn genug. Küche und Keller, Spinnstube und Waschhaus das ist nun einmal ihr Gebiet, und meine kleine Hannah sie ist eben ein liebes, übermütiges Kind, das sich am liebsten in Feld und Flur herumtreibt. Ich wette, sie zerbricht sich jetzt gewaltig den Kops, um den Brief noch vor Abend fertig zu bringen. Mein Mann ist, darin ein bißchen zu sehr vyn der alten Schule und kann es gar nicht begreifen, tote der Wildsang sich, hierher unter uns verirrt hat." Sie lächelte halb schelmisch, halb wehmütig und fuhr dann ver­traulich fort:

Anders ist es mit der fremden Blume, die hat in unseren Schären nicht recht Wurzel fassen wollen. Ich! glaube nun mit unserem verstorbenen Freunde, dem Arzte, daß Gunhilda einer vornehmen Familie entstammt. Sehen Sie diesen Wuchs, diese seinen Züge! Merkwürdig, daß es nie gelingen wollte, eine Spur von den Verwandten zu ent­decken, welche ihre Mutter hier aufsuchen wollte!"

(Fortsetzung folgt.)

In der Kirschplantage.

Humoreske von Friedrich Thieme.

(Nachdruck verboten.)

Und das ist ein Sonntag! Die Sonne lacht um bie Wette mit all den strahlenden, jauchzenden, schöngeschmück­ten Menschenkindern, kein einziges Wölkchen am Himmel, nur ein schmeichelndes Zephyrlüstchen, das den jungen, reizenden Blondköpfen da unten im !Wale bie Mühe des Fächerwedelns erspart. Sie tragen ja auch! keine Fächer, so hübsch sie sonst geschmückt sind. Wie weiße und rote Rosen sehen sie aus, nur daß die Rosen hübsch still am Zweige sitzen und sich begnügen, zu duften. Die drei jungen Mädchen aber sind lustige Käfer, denen der Schelm aus den blauen Augen blitzt, und denen der Uebermut die Wangen kirschrot gefärbt hat!

Ja, wenn junge Mädchen spazieren gehen! Junge Burschen sind nichts dagegen nur wenn sie in Herren­gesellschaft sind, da kichern sie leise zusammen und stellen sich an, als könnten sie nicht bis drei zählen. Wart' nur, ich kenne Euch! Seht sie nur, wie sie dahinwandeln ah, was sage ich, wandeln?

Lasset uns fingen, Tanzen und springen! heißt es bei ihnen sie sind ja auch ganz allein in dem grünen, schattigen Grunde, haben ihre beiden Mütter heim­lich und böswillig verlassen, bie sitzen brühen in Burkers- borf im Gasthofsgarten unb zerbrechen sich ben Kopf, wo bie wilden Mädchen nur wieder hin sind hahaha!

Paß auf, Else ich springe darüber!"

Prahlerin, das kriegst Tu nicht fertig!"

Was? Du denkst, ich kann nicht über ben nichtigen Zaun springen?" Achtung!"

Wupp, ist sie bruben!

Kommt herüber, hier giebt es reife Kirschen!"

Tu, bas ist verbotenes Terrain, da sind Strohwische aufgepflanzt, Elly."

Selber Strohwische 's ist ja ein Weg hier. Ach, die herrlichen Kirschen Glaskirschen, Herzkirschen, Am­mern !"

Else und Agnes können nicht mehr widerstehen. Der Zaun stellt ein leicht zu nehmendes Hindernis dar, int Nu stehen sie neben der Freundin. Eine ungeheure Kirsch­plantage breitet sich vor ihnen aus. Mitten hindurch geht ein Weg nach dem Torfe. Niemand kann ihnen ver­wehren, ihn zu beschreiten.

Seht nur die herrlichen Kirschen", ruft Elly mit funkelnden Augen.

Pah, vom Sehen haben wir auch nichts!"

's ist aber doch ein entzückender Anblick!"

Ach ja", seufzt Agnes.Was ich für einen Durst habe!"

In der That was gießt es wohl Herrlicheres, als den Anblick einer Kirschplantage, wenn im grünen Laub die reisen roten und schwarzen Früchte hängen? Was giebt es Köstlicheres, in der austrocknenden Hitze eines Julitages, als die saftige, üppige, süßschmeckende Kirsche, die von unserer Zunge mit Wohlbehagen zerdrückt wird