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meiner Braut? Wenn Inge von diesem Dokumente Kenntnis erhalten hat, und von Deinem Anteil an seiner Entstehung, so brauche ich wahrhaftig nicht lange nach einer Erklärung ihres Benehmens zu suchen. Sie muß notwendig den häßlichsten Verdacht gegen mich hegen, und ich habe kein Mittel, sie von seiner Grundlosigkeit zu überzeugen." Mit einem ungeduldigen Zucken der Schultern wandte sich Hanna zum Gehen.
„Ich war darauf gefaßt, daß ich für den Augenblick wenig Tank ernten würde, und darum hätte ich Dir mein Verdienst an der Sache verschwiegen, wenn Du mich nicht geradezu darum befragt hättest. An dem Tage, da Du die dreimalhunderttausend Mark in Empfang nimmst, wirst Du wahrscheinlich anders darüber denken."
©ie' verließ das Bureau, um in ihr Schlafzimmer hinüber zu gehen, wo sie sich nach den Sitzungen bei Professor Herbold umzukleiden pflegte. Aber während sie die Kanzlei passierte, trat sie an den ersten Schreiber heran, und flüsterte ihm zu:
„Wenn sich morgen der Regierungs-Assessor Hubert Wedeking bei meinem Bruder melden läßt, müssen Sie mich unverzüglich davon in Kenntnis setzen. Werden Sie das nicht vergessen?"
„Gewiß nicht, gnädiges Fräulein", erwiderte der dürre, schmalbrüstige Bureauvorsteher, der eine glühende Liebe für Hanna im Herzen hegte. Sie nickte ihm mit einem freundlichen Lächeln dankbar zu, und noch lange starrte der arme, schwindsüchtige Jüngling wie verzückt auf die nüchterne, braungestrichene Thür, hinter der sie seinen Blicken entschwunden war.
(Fortsetzung folgt.)
Der König der Gemüse.
Gastronomische Plauderei von Th. V. Gall.
(Nachdruck verboten.)
Auf dem flachen Sandboden unseres Erdteils, also gerade dort, wo nicht einmal eine andere nennenswerte Vegetation gedeiht, wächst eines der köstlichsten Gemüse, das dem Gaumen des Sterblichen von der allsorgenden Mutter Natur gespendet wird: der Spargel. Die Gastrosophen der modernen Kulturnationen nennen ihn, wenn sie seiner gedenken, wohl meist den „König der Gemüse"; allein im Grunde sollte er eine noch höhere Würde zuerteilt bekommen; denn sein so bedeutender kulinarischer Ruf stammt eigentlich aus der Zeit, da er das Leibgericht der römischen Cäsaren bildete; er war recht und schlecht das „Kaisergemüse" zur Blütezeit der Siebenhügelstadt, die Schüssel, die den Höhepunkt jeder Mahlzeit abgab, der ersehnte Leckerbissen all' jener Feinschmecker, die zwischen Rosen- und Veilchengewinden bei den Imperatoren zu Tische saßen oder die Gepflogenheiten dieser infolge ihrer glücklichen materiellen Lage nachahmen durften. Zumal der Spargel von Ravenna wurde wegen der Zartheit seines Geschmacks und der großen hygieinischen Vorteile, die bereits das früheste Altertum an diesem Gemüse erkannt hatte, überaus geschätzt. Hier wurden Sprossen von solcher Größe geerntet, daß selbst heutige Züchter darauf stolz sein würden, und die Zubereitung fand in so mannigfacher Art und unter so rich,- tiger Würdigung der großen gastronomischen Vorzüge, die im Spargel schlummern, statt, daß: die Meister der Kochr- kunst nicht selten gut thäten, die Rezepte der kaiserlichen Küchenchefs, die unter einem Tiberius, Caligula und Domitian ihres oft recht schwierigen Amtes walteten, nach- zulesen und von ihnen zu lernen.
Wenn nun auch der Spargel an den Boden von vornherein nur geringe Ansprüche stellt, muß die Kultur dieses Gemüses gleichwohl, wofern es seinem stolzen Titel in der That gerecht sein soll, sehr sorgfältig und durchaus zielbewußt gehandhabt werden. Immer müssen die Sonnenstrahlen möglichst ungehindert ein Spargelfeld küssen; denn sonst weigern sich- die zarten Sprossen hartnäckig, an das Tageslicht zu kommen; eigensinnig verharren sie trotz: Amselsang und Blumenduft unter der Erdrinde; die goldenen wärmespendenden Fäden allein verfügen über die Bannformel, der gehorchend alsdann ein lichtweißes Spargelhaupt nach dem andern aus dem Schoß der Mutter Erde hervorgezaubert wird. Auch von Unkraut aller Art will
ein Spargelfeld aufs peinlichste gesäubert sein; denn sonst nehmen dem Gemüse Disteln und Winden, die sich so gern in seiner Nachbarschaft ansiedeln, jedwede Kraft und Lust am Gedeihen oder ersticken es wohl gar gänzlich. Der Boden muh des weiteren frei von jedem steinigen Gehalt sein, damit die Sprossen, sobald der Werckus der Sonne an sie ergeht, schlank und frei emporwachsen können. Schließlich hat der Züchter aber vor allem dafür Sorge zu tragen, daß seine Pflege auch einer guten Sorte zu teil werde. Es giebt augenblicklich, zumal auf deutschem Boden, Arten, die geradezu als ein Triumph der sich damit befassenden Nutzgartenwirtschaft bezeichnet werden dürfen^ Besonders in Braunschweig und Thüringen hat man sie zu einer Vollkommenheit gezüchtet, daß man meinen könnte, eine Steigerung dieser Arten sei überhaupt nicht mehr möglich. Aber auch: die Mark Brandenburg mit ihrem für das Gedeihen dieses Gemüses an sich so geeigneten Boden beteiligt sich: durchaus erfolgreich an diesem Wettbewerb. Hier waren es hauptsächlich! die aus Frankreich eingewanderten Flüchtlinge, die sich: um die Einführung und so glückliche Fortentwickelung der Spargelkultur wohl verdient machten. Mächtige Felder, die in ungünstigen Jahren oft geradezu erstaunliche Erträge liefern, findet man ferner in Baden (Schwetzingen), in Oesterreich: (Korneu- burg und Laa), in Böhmen (Jung-Bunzlau), sowie in der Umgegend von Ulm und Darmstadt. Gebaut wird dieses Gemüse überall, wenn auch in Anbetracht der großen Vorzüge, die es dem Menschen genüßlich und gesundheitlich gewährt, noch bei weitem nicht genug.
Merkwürdigerweise wies bereits Plinius darauf hin, daß in Deutschland auf den Feldern sehr häufig wilder Spargel vorkomme. Seine Heimat ist wohl der Osten, von wo aus er dann allmählich seinen Siegeszug durch die Lande unternommen hat. Während sich nun der Deutsche bis über den Beginn der Neuzeit hinweg mit seinem Wildling begnügte, war fast bei sämtlichen übrigen Völkern Europas dies Gemüse bereits in seiner veredelten Form', bekannt und angebaut. Augenblicklich unterscheidet man vorwiegend zwei Arten des Spargels: den weißen uttb den grünen. Im deutschen Norden will man eigentlich: nur von' der ersteren Art etwas wissen, wogegen man in allen übrigen Ländern dem letzteren ganz entschieden den Vorzug einräumt. Das altbewährte Sprichwort, daß sich über den Geschmack nicht streiten lasse, trifft auch hier zu. Während nämlich der weiße Spargel, wie er nur in winziger Höhe aus der Erde hervorragt und so „gestochen "wird, von einer Zartheit und Lieblichkeit ist, die nur noch: sehr wenigen Gemüsen eigen, rühmt man am grünen dagegen mit kaum minderer Berechtigung den entschiedenen Geschmack, den ausgeprägten Charakter: kurzum etwas gewissermaßen männliches, gleich: erwünscht für den Wohlgeschmack als auch zuträglich für die Gesundheit desjenigen, der dies Gemüse ißt. Zumal die letztere Eigenschaft, die hygieinische nämlich, wird beim Spargelverbrauch leider im allgemeinen bei weitem nicht genug betont und demgemäß auch gewürdigt. Leute, die an Herzaffektionen leiden oder Neigung zu Wassersucht haben, finden in diesem Gemüse' eine Arznei, die die größten Erfolge aufzuweisen hat., Nierenkranken sollte unter Umständen geradezu eine Spargelkur verschrieben werden. Die zuträglichen Wirkungen, deren sich dies Gemüse rühmen darf, sind hauptsächlich aus einen Stoff, das Asparagin, zurückzuführen; zugleich ist der Spargel leicht verdaulich und stark eiweißhaltig; durch die Lupe der Chemie betrachtet, enthält er nämlich: 2,27 Prozent eiweißhaltiger Körper, 0,31 Prozent Fett, 0,47 Prozent Zucker, 2,80 Prozent sonstige stickstofffreie Substanzen, 1,54 Prozent Cellulose, 0,57 Prozent Asche, 92,04 Prozent Wasser. Das Mtertum kannte übrigens diese großen gesundheitlichen Eigenschaften des Spargels schon ganz genau und benutzte ihn bereits als Arzneipflanze, als an seine Verwendung für die Küche noch gar nicht zu denken war. Auch sonst hat dies Gemüse dem Kulturmenschen wiederholt allerhand Dienste geleistet. Als der erste Napoleon die Kontinentalsperre über die seiner Botmäßigkeit gehorchenden Völker verhängte, bediente man sich der roten Samen als Surrogat für den unerschwinglich! teuer gewordenen Kaffee, und im Altertum trugen die böotischen Bräute an ihrem Ehrentage Kränze aus dem feingeästeten


