Ausgabe 
30.5.1901
 
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ringen, ohne daß es dazu eines langwierigen Prozesses bedürfte."

Ob mir das gelingt, hängt Wohl zumeist von der Persönlichkeit dieses Herrn Regiernngs-Assessors ab. Ich gestehe, daß ich! selbst einigermaßen gespannt bin ans den Verlauf unserer Unterredung."

Wissen die Reftorps von dem Telegramm?"

Ach hielt es für meine Pflicht, sie unverzüglich! davon in Kenntnis zu setzen."

Ah, das hättest Tu nicht thun sollen."

Und weshalb nicht, Hanna?"

Weil das unbegreifliche Benehmen Deiner Braut Dich hätte zur Vorsicht mahnen sollen. Sie stellt sich ja wahrhaftig noch immer, als hielte sie die Auffindung des Briefes für das größte Unglück, das ihr und ihren Angehörigen hätte widerfahren können."

Ueber das Gesicht des Rechtsanwalts legte es sich wie ein Schatten.

So sagt ihr Vater; denn Inge selbst ist ja seit dieser Wendung der Dinge für Dich wie für mich -so gut wie unsichtbar geworden. Oder hast Du sie vielleicht heute gesprochen?"

Nein. Aber ich, traf Herrn von Restorp, als ich zu Professor Herbold ging. Und er vertraute mir, daß er sich, schon so früh vom Hanse fortgemacht habe, weil ihm die Jammermiene seiner kranken Frau, und Inges sonder­bares Benehmen nachgerade unerträglich geworden seien."

So spracht er gestern abend auch zu mir. Er sagte, es käme überhaupt kaum noch ein Wort über Inges Lippen, und sie ginge mit entzündeten Äugen umher, wie wenn sie ganze Nächte durchgeweint hätte. Selbst damals, als sie unter Zurücklassung ihrer ganzen Habe von Klitzow fortgemußt hatten, sei sie nicht halb so bekümmert, und niedergeschlagen gewesen wie jetzt. Hast Du dafür eine Erklärung, Hanna?"

Keine andere, als daß sie ein schwaches, nervöses Geschöpf ist eine von jenen Duldernaturen, für die es nichts Entsetzlicheres gießt, als die Vorstellung eines Kampfes. Jetzt, da sie sieht, daß es Ernst werden soll mit dem Streit um Dietrich von Restorps Erbe, stellen sich ihrem Geiste natürlich nur alle schlimmen Möglichkeiten dar, die aus diesem Streit entstehen könnten. Und sie würde es vorziehen, in Armut und Dunkelheit weiter zu leben, als sich diesen vermeintlichen Gefahren auszusetzen."

Bernhard schüttelte den Kopf, als wolle ihm diese Erklärung nicht einleuchte,l, und nachdem er ein paar Se­kunden lang stumm vor sich hingeblickt hatte, sagte er zögernd:

Willst Tu mir eine offene Frage ebenso offen beant­worten, liebe Hanna?"

Wenn id) dazu im stände bin, gewiß!"

Kaum vierundzwanzig Stunden, nachdem ich ihn von der Auffindung des Briefes in Kenntnis gesetzt hatte, brachte mir Herr von Restorp seiner Versicherung nach ganz aus eigenem Antrieb ein Schriftstück, in welchem er sich für den Fall eines glücklichen Ausgangs des Pro­zesses verpflichtet, seiner Tochter eine Mitgift von dreimal- hunderttausend Mark zu geben. Wußtest Tu etwas von diesem Dokument, Hanna?"

Ja. Er hat es auf meine Veranlassung ausgefertigt."

Auf der Stirn des jungen Rechtsanwalts zeigte sich eine tiefe Falte.

Ich ahnte es. Und ich will Mr glauben, daß Du es gut gemeint hast. Aber es war ein schlechter Dienst, den Tu mir damit geleistet, und ®u' hättest es fürwahr nicht thun dürfen, ohne Dich zuvor meiner Einwilligung zu ver­sichern."

Die mir natürlich verweigert worden wär! Gerade weil ick)! Deinen unpraktischen Sinn und Dein zuweilen übel angebrachtes Zartgefühl kannte, habe ich mich veranlaßt gesehen, in diesem Fall ohne Deine Zustimmung zu handeln. Unzuverlässigen Leuten vom Schlage des Herrn von Restorp gegenüber, kann man garnicht vorsichtig genug zu Werke gehen." , ,

Und kam es Mr nicht in den Sinn, daß. Du mich durch Deine übergroße Vorsicht um etwas viel Besseres und Köst- licheres bringen könntest, als es mir diese zweifelhaften Hunderttausende sind um die Liebe und das Vertrauen

Boysen zu Ihrem Beistände hier zu haben, Fräulem Her­bold", sagte sie.Ich eile, ihn zu benachrrchttgen; denn ich hoffe, daß ich ihn noch bei meinem Bruder antreffe."

Ich danke Ihnen", gab Erika leise zurück, ohne noch einmal das Gesicht zu ihr zu erheben. Schweigend be­gleitete der alte Kruschke die Fortgehende bis tn den Vorraum, um ihr die schwere Schiebethür zu öffnen, aber als er sie wieder hinter ihr geschlossen hatte, schüttelte er zornig die geballte Faust.

Schlange!" murmelte er in fernen grauen Bart. Wenn ich sie doch niemals hätte herein zu lassen brauchen!"

Hanna, die sonst aus Sparsamkeit kaum je einen Wagen benutzte, stieg heute in die erste erreichbare Droschke, um sich nach Hause fahren zu lassen. Die Vorgänge in Klemens Herbolds Atelier schienen auch auf sie einen starken Eindruck hervorgebracht zu haben; denn sie war sehr bleich, und erschauerte trotz der linden Sommerluft wie im Fieber. Aber als sie dann die Treppe emporstteg, hatte sie ihre gewöhnliche Ruhe und sichere Selbstbeherrsch­ung vollständig zurückgewonnen. Sie fragte die im Vor­zimmer arbeitenden Schreiber, wer sich im Kabinett ihres Bruders befinde, und als sie hörte, daß nur Harro Boysen bei ihm sei, öffnete sie ohne weiteres die Thür.

Hoch erfreut über ihr unerwartetes Erscheinen wollte der junge Bildhauer ihr entgegen eilen, aber sie kam hastig seiner Anrede zuvor.

Ich bringe eine schlechte Nachricht, Harro! Professor Herbold hat soeben mitten in der Arbeit einen schweren Anfall gehabt, und ich fürchte, er wird es diesmal nicht überwinden."

Da war freilich alle Heiterkeit und Glückseligkeit mit einemmale wie weggewischt ans seinem Gesicht. Und mit zitternden Händen suchte er nach seinem Hute.

Mein Gott es schien doch wie eine wirkliche Besser­ung. Die arme arme Erika! Ich muß natürlich sofort zu ''ihr. Möchtest Tu mich nicht zurückbegleiten, Hanna?"

Nein", sagte sie scharf und bestimmt. ,Fräulein Her­bold trägt gar kein Verlangen nach meinem Beistände."

Nun, ich! will nicht in Dich bringen, obwohl ich über­zeugt bin, daß, Du ihre Gesinnung falsch beurteilst. Mich aber müßt Ihr entschuldigen. Ich darf keine Minute ver­lieren, und ich mache mir die bittersten Vorwürfe, daß ich um einer nichtsnutzigen Geldangelegenheit willen fern sein muß, während der Professor und Erika meuter viel­leicht dringender denn je bedürfen!"

Er sprach es schon im Fortgehen; denn er hatte sich nicht einmal Zeit gelassen, ihnen die Hand zu reichen. Hannas Oberlippe kräuselte sich spöttisch, während sie ihm nachblickte.

Findest Du nicht, Bernhard, daß ich erstaunlich wenig Anlage zur Eifersucht habe? Obwohl wir seit kaum zwei Stunden verlobt sind, vergißt er über die Sorge um diese Erika vollständig, mir Adieu zu sagen."

Ich denke, seine Aufregung und der Schmerz über den bevorstehenden Verlust entschuldigen ihn hinlänglich. Du hast ihm die schlimme Neuigkeit ja nicht eben schonend beigebracht, liebe Hanna!"

Ist er denn ein schwachnerviges Weib, daß ich, darauf hätte bedacht sein müssen? Und Du siehst ja, der Schrecken hat ihn nicht 'umgebracht. Hast Du Dich, in der Wede- kingschen Angelegenheit mit ihm verständigt?"

Er hat mir unbeschränkte Vollmacht gegeben, nach meinem Ermessen zu handeln. Und da habe ich, auch etwas für Dich., Hanna! Dies Telegramm ist vor einer halben Stunde bei mir eingelaufen."

Sie nahm hastig das Blatt aus seiner Hand und las: Ich bitte, mich morgen Vormittag zu persönlicher Aus­einandersetzung in Ihrem Bureau zu erwarten. Wedeking."

Ihre Lippen waren fest zusammengepreßt, und ihre feinen Nasenflügel bebten, als sie ihm die Depesche Nun?"^'fragte er.Bist Du garnicht überrascht? Dies beweist doch eigentlich eine viel größere Geneigtheit zur gütlichen Verständigung, als wir es erwarten konnten."

Ja", erwiderte sie.Und nun wird alles von Demer Klugheit und Geschicklichkeit abhängen, Bernhard! Du mußt Deine ganze Diplomatie aufbieten, um einen Sieg zu er­