Ausgabe 
30.5.1901
 
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(Nachdruck verboten.)

Die Göttin des Glücks.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Eben hatte Erika sich und ihn durch einen bedeut­samen Blick auf ihre Taschenuhr daran erinnert, daß die Unterhaltung nun schon fast eine Stunde währte, als zu ihrer Ueberraschung jemand ohne vorheriges Anklopfen hinter ihr die Zimmerthür aufriß, und sie die vor Auf­regung bebende Stimme des alten Kruschke hörte:

Fräulein Erika um Gotteswillen, kommen Sie schnell! Der Professor ich glaube, es geht ihm nicht gut!"

Sie schrie nicht auf, aber sie war totenblaß geworden, und für einen Moment mußte sie sich an der Tischkante festhalten, weil ihre Kniee wankten, und weil es ihr vor den Augen zu flimmern begann. Erst als der Agent sich «mschickte, eine teilnehmende Phrase vorzubringen, gewann sie die Herrschaft über sich selbst zurück.

Sie verabschiedete ihn mit einigen raschen Worten, und eilte ohne seinen Gegengruß zu erwarten, beflügelten Schrittes durch den Verbindungsgang in das Atelier. Ein entsetzlicher Anblick war es, der sich ihr hier darbot, ein Anblick, der sie mit Grauen erfüllte, und den Schlag ihres Herzens stocken machte. Die große Gruppe inmitten des Raumes war zum großen Teil zertrümmert. Bon der Ge­stalt des zur Höhe emporstrebenden Jünglings wie von der des Mädchens, das mit verzweifelter Gebärde sein Knie umklammerte, waren nur noch wenige, fast unkenntliche Reste erhalten. Der Boden ringsum aber war mit Gips­stücken übersäet, und mitten unter ihnen lag der schwere Hammer, der ohne Zweifel zur Ausführung des Vernicht­ungswerkes gedient hatte.

Fünf oder sechs Schritte von der Stätte der Verwüst­ung entfernt, ruhte Klemens Herbold in dem großen Lehn­stuhl, der seit dem Beginn der letzten Arbeit zu seiner Bequemlichkeit in das Atelier gebracht worden war. Seine Brust arbeitete fürchterlich, und er rang röchelnd nach Atem. Sein Aussehen aber war ganz das eines Sterben­den. Erika erkannte auf den ersten Blick, daß dieser Anfall schrecklicher war, als irgend einer der vorhergegangenen, und wie fest sie sich auch vorgenommen haben mochte, ge­

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ib aus, als solltest du der Welt dich bald begeben, Sei karg, als würdest du noch lange, lange leben. Der ist ein weiser Mann, der beides wohl erkiest, Und mild in rechter Zeit, in rechter sparsam ist.

M. Opitz von Boberseld.

faßt und tap^r zu bleiben, ließ sie sich doch für einen Moment von ihrem verzweifelten kindlichen Schmerz über­mannen.

Mit dem schluchzenden Ausruf:Vater! Lieber lieber Vater!" warf sie sich neben dem Lehnstuhl in die Kniee, und bedeckte die abgezehrte, eiskalte Hand des Leidenden mit ihren Küssen. Da hörte sie dicht an ihrem Ohr Hannas gedämpfte Stimme:

Schicken Sie unverzüglich nach dem Arzte, Fräulein-- Herbold! Ich habe Ihrem Vater von der bereitstehenden Arznei gegeben; aber mir scheint, daß hier noch andere Maßnahmen getroffen werden müssen und zwar so schnell als möglich"

Erika schaute auf, und durch den Schleier von Thränen, der ihren Blick, verdunkelte, sah sie die ver­führerische weiße Gestalt des schönen Modells, das Kle­mens Herbvld so lange für seine Glücksgöttin gehalten. Eine heiße Flutwelle von Bitterkeit und Groll wogte in ihrem Herzen auf; denn so wenig sie auch bis jetzt zu begreifen vermochte, was sich während ihrer Abwesenheit hier zugetragen, so unzweifelhaft schien es ihr doch, daß Hanna Sylvander einen entscheidenden Anteil daran gehabt haben müsse. Aber sie gab der feindseligen Empfindung keinen Ausdruck, und keine vorwurfsvolle Frage kam über ihre Lippen. Sie richtete sich empor, um den ratlos, und erschüttert dastehenden Kruschke in die nahe gelegene Wohn­ung des Arztes zu senden. Doch sie durfte es ihm ersparen; denn gerade in diesem Augenblick, da man seiner so dringend bedurfte, erschien Doktor Reimers, der dem Pro­fessor seinen gewöhnlichen Morgenbesuch hatte machen wollen, und der wahrscheinlich schon durch das Mädchen von der plötzlichen Verschlimmerung unterrichtet war, in der Thür. Er war ein alter Freund des Künstlers, den er oft scherzend den am schwersten zu behandelnden unter seinen Patienten genannt hatte, und war ihm gleich allen, die Klemens Herbold näher kannten, in herzlicher Liebe zugethan. Wohl hatte er sich trotz der scheinbaren Besser­ung keine Illusion über den wahren Zustand des Kranken gemacht; aber er war doch herzlich überrascht, und aufs tiefste erschüttert durch das, was er da vor sich sah. Ter Blick, den er Hanna zusandte, war nichts weniger als wohlwollend; denn er wußte ja aus Herbolds Aeußerungen, daß sie vor allem die Schuld daran trug, wenn der Patient in dieser letzten Zeit seine Kräfte überschätzt hatte. Er würdigte sie kaum eines Grußes, ehe er sich über den röchelnden, anscheinend halb bewußtlosen Patienten herab­beugte, und seine Fragen waren ausschließlich an Erika gerichtet.

Als er das Besteck mit der kleinen Morphiumspritze aus der Tasche zog, legte Hanna den vorhin abgeworfenen Mantel um ihre Schultern.

Sie werden ohne Zweifel den Wunsch hegen, Herrn