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allen möglichen guten und schlechten Büchern in meines Vaters nicht eben mustergiltiger Bibliothek. Wenn ich als Gymnasiast und später als Student in den Ferien nach .Hause kam, hatte ich täglich ein paar Mal Gelegenheit, mich 'durch die überlegenen Kenntnisse meines um sechs Jahre jüngeren Schwesterchens beschämen zu lassen — ganz abgesehen davon, daß ich mich im Reiten, Turnen und Schwimmen auch nicht entfernt mit ihr zu messen vermochte."
In gespannter Aufmerksamkeit hingen Harro Boysens blaue Augen an den Lippen des Freundes.
„Ein wunderbares Geschöpf!" murmelte er. „So hast Tu sie mir eigentlich nie vorher geschildert."
„Wenn ich's gethan hätte, würde sie in Deiner Vorstellung sicherlich zu einer höchst unweiblichen und unliebenswürdigen Person geworden sein. Man muß sie eben gesehen und kennen gelernt haben, um daran zu glauben, daß sie von dem Liebreiz ihres Geschlechts über alledenr nichts eingebüßt hat."
„Nein, wahrhaftig, sie hat nichts davon eingebüßt", bestätigte Harro in einem so überzeugten Tone, daß wieder ein Lächeln um die Lippen des Rechtsanwalts spielte. „Und dann faßte sie also den Entschluß, zu studieren?"
„Vielleicht wäre sie niemals darauf gekommen, wenn nicht durch den plötzlichen Tod des Vaters jene Veränderung in unseren Verhältnissen eingetreten wäre, die Tu ja genugsam kennst. Wir waren in dein Glauben an unsere Wohlhabenheit aufgewachsen, und sahen uns nun auf ein recht bescheidenes Erbteil angewiesen. Ich selbst konnte als blutjunger Referendar natürlich noch nichts für meine kaum achtzehnjährige Schwester thun, und Hanna mußte nach der allgemeinen Ansicht froh sein, als entfernte Verwandte in Königsberg sich erboten, der Verwaisten eine Zuflucht in ihrem Hause zu gewähren. Sie aber wies das großmütige Anerbieten unbedenklich zurück, und entsetzte die Freunde, die sich für ihr Schicksal interessierten, durch die bündige Erklärung, daß sie überhaupt keiner Zuflucht bedürfe, weil sie in Zürich Medizin und Naturwissenschaften studieren werde. Drei Monate später bestand sie an einem Schweizer Gymnasium mit Auszeichnung die Maturitätsprüfung, und ich bin sicher, daß sie jetzt mit demselben Erfolg promoviert haben würde, wenn nicht diese unbegreifliche Laune sie daran gehindert hätte."
„Ein wunderbares Geschöpf!" sagte Harro Boysen wieder, mehr zu sich selbst als zu dem andern sprechend. Und dann nach .einem kleinen nachdenklichen Schweigen, fragte er weiter:
„Und der Unterschied, den Tu vorhin zwischen ihr und meiner Base Inge von Restorp 'machtest? Soll Deine Schwester nur darum weniger liebevoll und weniger aufopferungsfähig sein, weil sie so klug und tapfer ist?"
„Das ist eine schwer zu beantwortende Frage, mein lieber Harro! Es stände mir schlecht an, zu sagen, daß Hanna einer tiesen, selbstlosen Liebe wohl überhaupt nicht fähig sei. Und doch---"
„Ach Unsinn!" suhr der Bildhauer beinahe ärgerlich aus. „Bleibe mir doch mit der schauderhaften Redensart von der sogenannten selbstlosen Liebe vom Leibe. So was kann es unter normal veranlagten Menschen garnicht geben. Und nach allem, was Tu mir erzählt hast, bin ich überzeugt, das Fräulein Hanna--"
Wovon er überzeugt war, konnte er leider nicht mehr aussprechen; denn gerade als er ihren Namen genannt hatte, trat Hanna Sylvander wieder ins Zimmer. Zu den Damen, die einer langen Zeit für ihre Toilette bedürfen, gehörte sie also jedenfalls nicht. Und doch hatte sie sich nicht nur vom Kopf bis zu den Füßen umgekleidet, sondern auch die durch die lange Reise etwas in Unordnung gebrachten Haarflechten zu einer anderen loseren Frisur aufgesteckt. Das glatt anliegende dunkle Hauskleid, das sie jetzt trug, war ebenso einfach als es ihr Reiseanzug gewesen war. Ein weißer Halskragen und zwei schmale Streifen- an den feinen Handgelenken bildeten eigentlich den einzigen Schmuck. Und doch sah sie darin so elegant und vornehm aus, als wäre es ein Kunstwerk aus dem ersten Pariser Schneider-Atelier gewesen.
Es war ganz sicher, daß sie Harro Boysens letzte Worte gehört haben muhte; aber sie ließ nichts davon merken.
„Ich störe die Herren hoffentlich nicht", sag-te sie leichthin, „wenn ich mir hier meinen Thee bereite."
„Ich würde mich sofort empfehlen, wenn ich fürchten müßte, daß Sie sich meinetwegen irgend welchen Zwang auserlegen, mein gnädiges Fräulein! Ihr Bruder wird Ihnen bestätigen, daß dergleichen zwischen uns niemals üblich gewesen ist."
„Gut — aber wenn ich fortan der Dritte im Bunde sein soll, dürfen wir nicht gar so förmlich miteinander verkehren. Ich erlasse Ihnen also ein für alle mal das gnädige Fräulein, umsomehr als ich vielleicht nicht immer gnädig sein werde. Bis aus Widerruf gestatte ich Ihnen, mich einfach Fräulein Hanna zu nennen — nicht etwa, um Ihnen damit eine besondere Gunst zu erweisen, sondern weil es so für uns alle bequemer ist."
Da. es nach ihrer ausdrücklichen Versicherung keine besondere Gunst sein sollte, brauchte er sich auch nicht dafür zu bedanken. Und zudem erschien gerade jetzt Frau Heitmüller mit einer blitzblanken Theemaschine, von deren Existenz der Rechtsanwalt bis dahin nichts geahnt hatte, und mit allem erforderlichen Zubehör. Ter ungewohnt freundliche Ton, in dem sie sich nach etwaigen weiteren Wünschen des Fräuleins erkundigte, durste als eut Beweis dafür gelten, daß das geheimnisvolle Feengeschenk sich auch dieser brummigsten aller Haushälterinnen gegenüber bereits zu bewähren begann. Und Harro, dessen blaue Augen unverwandt jeder Bewegung Hannas folgten, sah darin nur die allernatürlichste Sache von der Welt. Wie ein interessantes wissenschaftliches Experiment beobachtete er die Entstehung des goldgelben, aromatisch duftenden Tranks unter ihren weißen Händen, und als sie fragte, ob sie ihm ein Glas davon anbieten dürfte, bejahte er ohne weiteres, unbekümmert um den harmlosen Spott des Freundes, der ihn neckend an seinen bisherigen Abscheu gegen den Thee erinnerte.
„Es ist keine Schande, seine Neigungen zu ändern", sagte Hanna, „die, vielgerühmte Beständigkeit mancher Menschen ist bei Lichte betrachtet, doch nur Eigensinn, Tummheit oder Feigheit. Wer da glauben machen will, daß seine Empfindungen in Bezug auf dieselbe Person oder Sache immer die gleichen bleiben, der belügt entweder sich selbst oder die anderen."
„Nun, dagegen ließe sich doch mancherlei einwenden", widersprach Bernhard. ,',Aber wir wollen nicht gleich am ersten Abend zu streiten ansangen. Wie mundet Tir denn der Thee, Alter?"
„Vortrefflich ! Für einen Kandidaten der Medizin besitzt Fräulein Hanna recht beachtenswerte hausmütterliche Talente."
„Ein Lob, das ich sehr entschieden ablehnen muß. Es würde mir nicht einfallen, mich mit dergleichen zu befassen, wenn jemand da wäre, der es mir recht macht. Hast Tu eine Zigarette, Bernhard?"
Ter Rechtsanwalt stand auf, um das auf seinem Schreibtisch stehende Kästchen zu holen. Gleichzeitig erhob sich auch Harro, nachdem er einen Blick auf seine Taschenuhr geworfen.
„Es ist spät geworden, und ich; darf Ihnen für heute nicht länger lästig fallen, Gute Nacht, Fräulein Hanna!"
Freundlich und unbefangen reichte sie ihm die Hand.
„Auf Wiedersehen! Ich hoffe, meine Anwesenheit wird nichts an Ihrem Verkehr mit meinem Bruder ändern, und Sie werden meinetwegen von nun an nicht seltener hierher kommen als früher."
„Nein, gewiß nicht!" erwiderte er, beglückt durch den freundschaftlichen Truck der kleinen kräftigen Finger. „Auf baldiges Wiedersehen, also, Fräulein Hanna!"
Dem Rechtsanwalt aber, der ihm bis auf den Gang hinaus das Geleit gab, raunte er beim letzten Händeschütteln zu:
„Nun werden sie Dich beide gleichzeitig verwöhnen — die Braut und die Schwester. Wahrhaftig, Tu bist ein beneidenswerter Mensch!"
(Fortsetzung folgt.)


