Ausgabe 
30.4.1901
 
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icht die Frcudc, nicht die Plage Schiebe du zum andern Tage, Sondern ihn' die beiden ab Frisch im Nu, wie Gott sie gab,

Rückert,

(Nachdruck verboten.)

Die Göttin des Glücks.

Roman von Reinhold O r t m a n n.

(Fortsetzung.)

Harro, der in seiner gewaltigen Größe noch immer steif wie ein Rekrut neben dem Sofa stand, machte ihr eine etwas linkische Verbeugung. Und er dachte auch dann noch nicht daran, seine erloschene Zigarre wieder anzu­zünden, als sich die Thür bereits seit einer guten Weile hinter den beiden geschlossen hatte. Wie auf eine von fern her klingende süße Musik lauschte er auf den Klang von Hannas Stimme, dem nach ihres Vaters Meinung eine so wundersame Macht inne wohnen sollte. Und als er ihn nicht mehr hören konnte, weil die Geschwister in das an der andern Seite des Ganges gelegene Schlafzimmer eingetreten sein mochten, strich er sich gleich einem aus dem Traume Erwachenden über die Stirn und durch das wellige blonde Haar. Bernhard Sylvander, der nach etwa fünf Minuten zurückkehrte, fand ihn nachdenklich vor dem gefüllten Bierglase sitzen, die kalte Zigarre in der einen, und das Zündhölzchen, das er anzustreichen vergessen hatte, in der anderen Hand.

Nun, Alter, was sagst Du zu dieser Ueberraschung?" fragte er, und der Stolz auf die schöne Schwester leuchtete aus seinem Gesicht.War es brüderliche Uebertreibung, was ich. Dir von ihr erzählte?"

Es war eine sehr stümperhafte Schilderung, mein Bester! Sie ist das schönste und liebenswürdigste Wesen, das die Natur jemals in einer verschwenderischen Laune hervorgebracht."

Das ist vielleicht ein bißchen viel gesagt. Aber, so thöricht es klingen mag, und obwohl sie meine Schwester ist ich bin eigentlich derselben Meinung."

Abegesehen natürlich von Inge, nicht wahr?"

Ah, Inge das ist etwas ganz anderes! Kannst Tn eine Nachtigall mit einem Paradiesvogel vergleichen?« Oder eine duftige Rose mit einer phantastischen, farben­prächtigen Orchidee? Inge ift für mich der verkörperte Inbegriff sanfter, mädchenhafter Anmut, und stiller weib­licher Tugend. Sie wäre der heldenmütigsten Aufopferung fähig für die, welche fie liebt. Aber sie würde sich opfern, ohne ein Wort darüber zu verlieren, und sicherlich, ohnö

daß diejenigen es ahnten, für die sie es thäte. Hanna da­gegen --"

Nun? Es klingt nicht, als ob der Vergleich zu Gunsten Deiner Schwester ausfallen sollte."

O, Du darfst mich nicht mißverstehen. Hanna ist darum gewiß nicht schlechter, weil sie anders geartet ist. Und in keinem Fall ist sie verantwortlich zu machen für die Besonderheit ihres Wesens, die ganz und gar eine Sache des Temperaments, und der ursprünglichen Charakteranlage ist. Soweit meine Erinnerungen in ihre Kindheit zurückreichen, war sie dieselbe, die sie heute ist eine starke, selbständige, vielleicht etwas eigenwillige Natur. Ich kenne niemanden, den sie nicht schon als ganz kleines Mädel bezaubert hätte; aber ich entsinne mich keiner Situation, in der sie die geduldig Leidende oder demütig Nachgebende gewesen wäre."

Nun, das ist wahrhaftig kein Tadel. Der schwachen und nachgiebigen Staturen sind leider mehr als genug jener Hauskatzennaturen, die fein still halten, wenn sie von einem Stärkeren geschlagen werden, und die erst dann heimtückisch zu kratzen anfangen, wenn sie's ohne Gefahr thun können." *

Nein, so eine Hauskatze ist Hanna freilich nicht", sagte Bernhard lachend.Sie kratzt gewiß, wenn sie geschlagen wird, und wahrscheinlich schon früher. Etwas mehr Schmiegsainkeit wäre ihr sogar meiner Ansicht? nach zu­weilen recht zu wünschen. Aber ihre Erziehung war aller­dings wenig danach angethan, diese Tugend zu entwickeln. Wir hatten die Mutter früh verloren, und sie war der verhätschelte Liebling des Vaters, wie sie aller Welt Lieb­ling war. Auf dem großen Gute, das mein Vater als Domänenpächter bewirtschaftete, konnte sie ganz das Leben eines in beinahe zügelloser Freiheit anfwachsenden Natur­kindes führen. Ihre sogenannten Gouvernanten waren nichts als das willenlose Spielzeug ihrer manchmal sogar ein bißchen grausamen Launen. Und von jenem Zwang, unter dem andere Mädchen zu sittsam schüchternen Jung­frauen herangedrillt werden, hat sie nie etwas gespürt."

Und die Vorkenntnisse, deren sie für das Studium der Medizin bedurfte, wie konnte sie sie bei einer solchen Erziehung erwerben?"

Das ist eigentlich auch mir ein Geheimnis geblieben; denn ich habe sie niemals lange und angestrengt arbeiten sehen. Aber sie besaß allerdings schon als Kind eine geradezu, geniale Schnelligkeit und Sicherheit der Auf­fassung. Ohne einen ordentlichen methodischen Unterricht genossen zu haben, wußte sie alles, wie wenn es ihr an­geflogen wäre. Mit unserem alten Dorfpastor, der sie vergötterte, trieb sie zu ihrem Vergnügen Lateinisch und Griechisch, Und die Naturwissenschaften, für die sie von jeher eine leidenschaftliche Vorliebe hatte, studierte sie aus