Ausgabe 
30.3.1901
 
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(Nachdruck verboten.)

Der Bauer vom Wald.

Novelle von An ton v. Per fall.

(Fortsetzung.)

Er erkannte die Rätselschrift auf beit Flügeln, den dicken, gestreiften Leib, und wieder schlug er in die Luft und wieder füllte sich die Faust, und sein Rock, sein ganzer Körper war bedeckt, und soviel er auch abstreifte, immer neue Scharen senkten sich herab. Sie verfingen fich im Haar, stürzten sich in die brennenden Lampen, die einen brenzlichen Geruch wie von verbranntem Fleisch ausströmten. Die ganze Gesellschaft aber jagte mit hellem Gelächter auf der Wiese umher unter dem endlosen Ge­stöber.

Plötzlich ergriff Johannes ein Windlicht und eilte hinter das Haus. Dasselbe iinnverwirrende Gewirbel. Er eilte weiter bergab, blieb wieder stehen immer dasselbe! Sem Rock war besät mit den furchtbaren Tieren.

Jetzt faßte ihn eine unzähmbare Wut. Er schlug um sich wie toll, schrie rohe Flüche hinaus in die Nacht, und immer weiter eilte er atemlos seinem Walde zu. Der Lärm verklang hinter ihm, immer weiter, vielleicht war es doch nur eine Strichwolke, ein Schwarm, der gerade den Hof gestreift.

Jetzt betrat er den Wald. Er taumelte zuruck, er mußte sich die Augen zuhalten; eine eiitzige schwirrende Wolke senkte sich über ihn in den Lichtkreis, der ihn umgab, und über sich in das Endlose hinaus, lind dieses furchtbare Knistern von Millionen von Fliigeln und sich reibenden Scibßtn!

Und immer weiter wankte er. Er leuchtete über sich, die schwarzen Wedel schienen wie von Schnee belastet; auf den Boden vor sich alles kribbelte und krabbelte, und die Stämme schienen sich zu bewegen, hinauf, hmab ging das sinnverwirrende Geflatter. Im Lichtspiel glichen sie Säulen, auf denen ein Silberstrom aus- und abrieselte.

II 'S/rvtÄx-'

irke, bilde! Ob im Leben, Ob im Zaubcrland des Scheins; Zwing' des Stoffes Widerstreben, Sei mit deinem Schaffen eins.

Freu' dich, wenn es Frucht getragen!

Aber köstlicher noch bleibt Jener Tropfen Unbehagen, Der zu neuem Werke treibt.

Friedrich Adler.

Johannes schlug nicht mehr um sich, kein Laut kam mehr von seinen Lippen. Das Antlitz beschmiert von den zerdrückten Leibern der Tiere, das Haar zerrauft, stand er inmitten seines Waldes.

Die Schauer des Unbegreiflichen hatten ihn gepackt. Unbewußt sah er in das Medusenautlitz der Natur und beugte demütig den Nacken vor ihrer düsteren Majestät.

Plötzlich erlosch das Licht; ein lebendiger Klumpen hatte sich hineingestürzt und es zerdrückt. Zuerst war er geblendet und stieß sich die Stirne wund an einem Stamm; dann aber war es nicht mehr völlig Nacht. Ein förm­liches Leuchten ging aus von den Milliarden von weißen Flügeln, die ihn umschwirrten.

Das war noch qualvoller. Das Gesicht schmerzte ihn von dem ständigen Anprall der Tiere. Er mußte sich setzen, die Sinne schwanden ihm. . .

Eine Stimme weckte ihn, eine weiche Berührung, und als er die Augen aufschlug, traf ihn greller Lichtschein. Rosl kniete neben ihm, streichelte sein Haar, rief flehentlich den Namen Vater, während der alte Grimm besorgt sich über ihn beugte, eine Laterne in der Hand.

Im ersten Augenblicke fand er sich nicht zurecht, daun schämte er sich seiner Schwäche, die ihn zn Boden geworfen. Er lachte unb versuchte über die.dämonische Schmetterlings- jagb zn scherzen. Er habe halt ein wenig zu viel erwischt heute abenb.

No, Rosl", sagte er bann plötzlich, sich erhebenb, was weinst beim? Lach bo, lach bv! Jetzt hast ja 's Spiel g'wonna. Was is beim a Walb gegen an Buab'n wie der Ferl, net wahr, Rosl? Net wahr, Alter? Hahaha!"

Er lachte wilb auf.

Rosl packte bas Entsetzen. Am (Silbe hat ihn ber Schrecken um ben Verstaub gebracht.

Vater! Liab'r Vat'r!" flehte sie.Ich will ja gern auf all's verzicht'u, auf ben Ferl, ans all's Glück im Leb'u, wenn unser Herrgott bes Unglück abwenb't von unserm Walb. Bei unserer liaben Frau vom heilig'n Berg schwör ich's. Vater, schau net so wirr, hab Erbarmen mit bein arm'n Kinb!" Sie kniete zu seinen Füßen unb preßte ihr Haupt an feine Knie.

Da würbe es heller in ihm, bie Liebe pochte an bas harte Herz. Er hob sie auf unb hielt sie lange um- schlungeii. Ein schmerzliches Stöhnen rang sich aus ber Brust, währeub es von neuem auf ihn sich herabsenkte wie ein enbloser Schneefall.

Von bem Hofe her tönte bie rauhe Stimme bes Herrn Fritz zur Gnitarrebegleitung, ein bekanntes Tingeltangellieb.

Der alte Grimm betrachtete, mit bem Kopfe nickenb, bas sich umschlungen haltende Paar. Auf ber runzeligen