Ausgabe 
29.12.1901
 
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Das Märchen ist zweifellos sehr anmutig; doch leider wenig bekannt. Ich hörte es vor langen Jahren auf einem vstpreußischen Gut erzählen, wo die Kinder regelmäßig auf ihrem Weihnachtstisch ein kleines Schüsselchen mit Erdbeeren und Heidelbeeren aus Zucker fanden. Natürlich durften neben diesen Beerentellern die großen bunten Teller mit Pfefferkuchen, Marzipan, Aepfelu, gebrannten Mandeln, Traubenrosinen und Nüssen nicht fehlen; denn welches Kind möchte diese am Christabend wohl missen?

Sie sind jedoch im Lauf der Zeit recht anspruchsvoll geworden, unsere Kleinen. Die genannten Süßigkeiten allein genügen ihnen nicht mehr, es müssen dazu noch kandierte Nüsse und Früchte, Fruchtpasten in den kunstvollsten Formen, Pralinees, Fondants, Frankfurter Brenten, Spekulatius, präparierte Bananen, die neu eingeführten chinesischen Feigen, holsteinischer Knorpelkuchen, Morsellen, Nougat, Creme- und Mandelbrödchen, orientalische Blumeu-Konfi- türen und Dessertkonfekt aller Art kommen. Außer dem Königsberger Marzipan giebt's auch Lübecker, sowie solchen mit Frucht-, Nuß- und Cremefüllung oder Chokoladenüberzug und außer den einfachen altbekannten Pfefserkuchensorten alle erdenklichen feineren mit hochtönenden Namen. Da verdient der Teller denn mit vollem Recht das Beiwort bunt". Mit seinem mannigfaltigen Inhalt, der sich aus den erlesensten Näschereien aller Völker unseres Erdballs zusammensetzt, legt er Zeugnis ab von dem ausgedehnten Handel- und Verkehrswesen unserer Neuzeit. Ob die Kinder von heute wirkliche nicht im stände sind, sich! schon zu billigeren Bedingungen den Magen zu verderben? Ich! glaube doch. Dies Resultat würde nicht ausbleiben, auch wenn man ihnen einige Aepfel von jenen Sorten, die unter der mißtrauen- - erweckenden BezeichnungKochobst" verkauft werden, sowie verschiedentliche Süßigkeiten aus einem dörflichen Material- warenlädchen auf den Teller legen möchte. An anderen' Tagen würden sie diese vielleicht nur mit Verachtung strafen, aber eint Christabend ist so leicht keines zur Kritik geneigt, da sind sie alle miteinander nichts als Kinder mit der ganzen unbefangenen Fröhlichkeit und Empfänglichkeit der Kinder. Nur bunt von Farben müßte der Teller sein; diese Forderung wird unerbittlich gestellt, aber die läßt sich auch erfüllen mit Hilfe jener aus viel Mehl und etwas Syrup hergestellten sogenannten Pfefferkuchenherzen, auf denen rot, blau, gelb und grün angekleckste Bildchen mit Unterschriften, wie folgende:

Der Esel ist ein dummes Tier, . Was kann der Elefant dafür?" oder

Alles biegt und alles bricht, Aber unsere Freundschaft nicht." aufgeklebt sind.

Indessen so sind die Menschen! Den Kindern, für die diefe schönen Herzen doch! eigentlich fabriziert werden, schenkt man sie in mittleren oder höheren gesellschaftlichen Kreisen nicht, den Erwachsenen aber oftmals. Wenn un­verheiratete Herren und Damen von feiten befreundeter Familien eingeladen werden, den Weihnachtsabend bei ihnen zu verleben, so bekommen sie auch- ihren bunten Teller, auf dem sich- neben allerhand Leckereien auch einiges Scherz­hafte zu befinden pflegt. Da der echte Humor jedoch ziemlich selten auf Erden ist, so muß der unfreiwillige jener Pfeffer­kuchenpoesien herhalten, der denn auch thatsächlich meist allgemeine Heiterkeit erregt, während diese keineswegs immer zum Ausdruck gelangt, wenn die Leute ihren eigenen Genius in Beisteuer setzen. Es ist eine alte Erfahrung, daß dieharmlosen" Gegenstände, die als Scherzartikel den | Gästen auf die Teller gelegt werden, selten die von den | Gebern beabsichtigte Wirkung erzielen. So empfiehlt es sich z. B. nicht, einen Herrn mit einer Auswahl der vielbeliebten, I ut Konfitürengeschäften käuflichen Miniaturfläschchen mit

£ Kognak und Schnäpsen oder mit einem niedlichen | Körbchen zu beschenken. Manche könnten darin Anspielungen I entdecken, die nun, die doch zweifellos recht unzart Barett. Zu solch' ungerechtfertigtem Mißtrauen werden die nnt Schöpfungen anspruchsloser Mal- und Dichtkunst ge­schmückten Herzen schwerlich Anlaß geben.

... Und doch können auch diese man sollte es nicht für möglich! halten die Ursache großer Ereignisse werden. M einer mir bekannten Familie war das fünfjährige Söhnchen, des Hauses während der Abwesenheit der Mama heimlich m das Weihnachtszimmer geschlüpft. Diese herr­

liche Gelegenheit, um dort Unheil anzurichten, benutzte der Junge dazu, über das auf einem Pfefferkuchenherz befind­liche Bild eine vom Karton abgelöste Photographie seiner erwachsenen Schwester zu kleben. Diese wollte das Porträt zum Geschenk für ihre Eltern noch in zwölfter Stunde in einChromobild" umtvandeln, wozu es bekanntlich von der Unterlage abgeweicht werden und mit Klebstoff bestrichen werden muß. Dies war zwar noch nicht geschehen; doch stand das Töpfchen mit dem dazu bestimmten Mittel bereit. Wer konnte es dem Kleinen verdenken, daß er der Lockung nicht widerstand, zumal, da die Sache ihm so bequem gemacht war! Da niemand rechtzeitig seine Unthat entdeckte, geschah es, daß einer der Gäste, ein junger Herr, das Herz aus feinem Teller fand. Zufällig war die Photographie nicht groß genug gewesen, um auch den gedruckten Vers zu be­decken, der da lautete:

Das Herz von dieser Maid, Ist Dein für alle Zeit!"

Ob der betreffende Herr-glaubte, daß die junge Dame höchstpersönlich ihm ihr Konterfei mit dieser Unterschrift zum Angebinde hatte machen wollen, vermag ich nicht zu sagen, jedenfalls aber so viel steht fest nahm er sich die Worte zu Herzen, was dann die weitere Folge nach sich zog, daß es wenige Tage später ein Brautpaar mehr! rtr der Welt gab.

Man sieht aus dieser höchst wahrhaftigen Geschichte, wozu ein bunter Teller manchmal gut ist. Er erfreut nicht nur Kinderherzen, sondern vereinigt unter Umständen sogar! Liebende. Mehr kann man . doch wahrhaftig von einem bunten Teller nicht verlangen.

Zug und offene Fenster.

(Nachdruck verboten.)

lieber dies gesundheitlich so überaus wichtige Thema plaudert Professor Meidinger aus Karlsruhe in denBlättern für Bolksgesundheitspflege". Unser Behagen bei ruhendem Körper, insbesondere innerhalb unserer vier Wände, ist an eine bestimmte Temperatur geknüpft, die etwa zwischen 16 und 21 Grad Celsius (13 bis 17 Grad Reaumur) liegt. Junge Leute oder solche, die durch regelmäßigen Aufenthalt im Freien abgehärtet sind, fühlen sich bei der niederen Tem­peratur wohler, ältere oder durch den Beruf mehr ans Zimmer gebannte Personen bedürfen, namentlich wenn sie von magerem Körperbau sind, der höheren Wärmegrade. Durch Luftbewegung, hie man im Freien als Wind- im Zimmer als Zug bezeichnet, wird die Wirkung ein und der­selben Temperatur sehr verändert, da eine raschere Ab­kühlung der Haut nicht bloß an den unbedeckten, sondern auch an den bekleideten Körperteilen entsteht, so weit sie dem Luftstrom ausgesetzt sind. Die Luft erscheint dadurch kälter, als sie in Wirklichkeit ist. Wenn die Temperatur sonst über dem der Annehmlichkeit entsprechenden Punkte stehst so wirkt die verstärkte Abkühlung der Haut durch bewegte Luft wohlthuend, weshalb die Damen zum Fächer greisen. Im Freien kann der Wind bis zur Erzeugung eines frostigen Gefühls auf den Körper einwirkeu, ohne der Gesundheit zu schaden, so lange der Körper in Bewegung ist. Eine ge­sundheitliche Schädigung tritt erst ein bei Zug innerhalb des Zimmers, wenn sich' der Körper in Ruhe befindet. Die sich einseitig fortsetzende Abkühlung der Haut kann, auch wenn, die Temperatur.sonst normal isst zu Erkältung, zu Schnupfen, aien und weiterhin sogar zu rheumatischen Beschwerden

zu Gelenkrheumatismus führen. Dies ist bei jungen Leuten selbstverständlich seltener als bei älteren; darum aber sollte jeder sorgfältig darauf achtgeben, wenn er die Alters­grenze überschritten hat, die ihn für Zug und die daraus entstehenden Folgen einvfindlicher werden läßt. Das offene Fenster spielt in der Wohnung, übrigens auch in anderen Räumen zum vorübergehenden Aufenthalt, wie tu den Eisen­bahnen, eine große Rolle. Viele Leute meinen, es sei füv ibre Gesundheit erforderlich das Fenster des Schlaf­zimmers während des ganzen Jahres offen zu haben. Die Folge davon isst daß die Schlafräume an heißen Sommer­tagen unangenehm warm, im Winter unbehaglich kalt find. Das Oeffnen der Schlafzimmer wird auch zur Nachtzeit empfohlen. Wer von Jugend an daran gewöhnt ist, mag sich! auch im höheren Alter dabei wohl fühlen, wer abev erst später damit beginnst holt sich dadurch gewöhnlich eine