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muß man mit Spreise und Trank Wohl ausgerüstet sein, und kann nicht erst, wie es der Großstädter thut, am letzten Tage in wenigen Stunden alles Notwendige Zusammenkäufen.
Zunächst wird in ^der deni Weihnachtsfeste vorausgehenden Woche das Schwein geschlachtet, was man im zeitigen Frühjahr als „Märzfahrl" gekauft und den Sommer über mit vieler Sorgfalt groß gezogen und gemästet hat. Tann kommen die Bäckereien an die Reihe und das große Reinemachen, und wenn der Abend des 24. Dezember herniedersinkt, ist es auch mit den Arbeiten vorbei, die in den letzten Tageil vor dem Fest ziemlich alle Zeit in Anspruch genommen haben. Die Sitte des Christbaums hat zwar bei den Bewohnern der Alpenlcntder, wo St. Nikolo der eigentliche Tag des Schenkens, der Nüsse und der Pfefferkuchen ist, noch nicht allgemein Eingang gefunden, und nur hier und da, wo ein „Extra Noblichter" wohnt, sieht man die Lichter des Tannenbaums in die Christnacht hinaus- leuchten. Aber dafür sitzt alles froh beisammen am schweren eichenen Tisch und läßt fich's gut schmecken beim Fastenmahl, an dem die Bäuerin mit dem Schmalz nicht gespart hat. Oft kommt auch noch ein Fleischgericht dazu in Häusern, wo man mit dem Erstrahlen des ersten Sternleins am Wend das Fasten beendet, und der Fremde, der Lutherische, der an diesem Tage in die Bergwirtshäuser kommt, braucht keinen Mangel zu leiden.
Dann wird der Rosenkranz gebetet oder etwas ^Erbauliches erzählt, und wenn die Uhr gegen Mitternacht vorrückt, rüstet sich alles zum Gange nach der „Christmetten", von welchem sich höchstens die gebrechlichen Personen ausschließen, welche als Hüter des Anwesens und bei den Kindern Zurückbleiben, die noch zu klein sind, um den weiten beschwerlichen Weg mitzumachen. Nun wiederholt sich das Bild von der Advents-Rorate in ungleich größerem Maßstabe; vor der Kirche werden die brennenden Kien- spähne, welche als Leuchte auf den tiefverschneiten Wegen gedient haben, in den Schnee gesteckt. Heute ist jedermann im höchsten Sonntagsstaat; die sammetnen Mieder mit den silbernen Kettchen und Schaumünzen, die roten Korallenschnüre, welche sich von dem dunklen Stoffe der Taille wirksam abheben, die schönsten seidenen Kopftücheln und Schürzen, die gestickten Brustlätze, die Westen, der Männer mit den haselnußgrvßen Silberknöpfen: alles ist herausgeholt zu Ehren des heiligen Christs. Wiederum erklingen vom Chor herab die deutschen Weihnachtslieder, unter denen sich manches befindet, was zu den besten Schöpfungen der deutschen Volkspoesie gehört.
Der Weg nach Hause ist nicht immer ohne Gefahr; denn der an den Bergabhängen seit Wochen aufgehäufte Schnee hat auch seine Tücken. Nicht nur im Frühjahr, wenn die lauen Märzenwinde das Gefüge des Schnees und seinen Halt auf der Unterlage durch Tauwasser gelockert haben, stürzt die Lawine mit vernichtender Gewalt ins Thal, sondern oft auch mitten im Winter, wenn ein warmer Föhn oder Sirokko mit einer Geschwindigkeit, die alles vor sich Uiederwirst, über die Gipfel braust und die gefürchtete „Windlahn" in Bewegung setzt, vor deren Winddruck, ohne daß die Schneemassen ihn berührt haben, der starke Hochwald niederbricht, wie dünne Hölzchen, fordert das Hochs- gebirge seine Opfer. Auch mitten im strengsten Winter, wenn der jähe, meist über Nacht eintretende Wetterumschlag kommt, bei dem das Thermometer oft in wenigen Stunden von 15 Grad unter Null auf ebenso viel über Null steigt, hat schon mancher Besucher der Christmette seinen Tod gefunden, von dem ein einsam an der Berglehne stehendes Märtel mit bewegten Worten und groteskem Bilde zum Wanderer redet. Auch die Geistlichen in den Bergen, denen es ihre Pflicht auferlegt, unter den größten Gefahren stundenlange Wege zu machen, um Schwerkranke zu trösten und Sterbenden" die letzte Oelung zu spenden, wissen davon zu erzählen, daß inmitten der großartigen Bergnatur, wo das Menschenherz dem Weltgeist näher zu sein glaubt, der Dämon des gräßlichen Todes lauert.
In den Häusern harren der Kinder sodann der Krippen, die zwar auch in den Kirchen vom ersten Adventssonntage bis zum heiligen Dreikönigstag ausgestellt sind, die aber, seitdem der heilige Franz am Weihnachtsfeste 1223 zur Feier des heiligen Tages eine Krippe errichtete, aus den Gotteshäusern in die Privatwohnungen gedrungen sind. Oft sind es nur kleine Darstellungen des Stalles, wo die Mutter Gottes mit dem Jesuskind im Arm sitzt und Joseph habet steht, während die Lämmer, das Oechslein und der
Esel neugierig dem Wunder zuschauen. Wer aber ein klein wenig mit dem Schnitzmesser umzugehen weiß, schneidet in den langen Winterabenden stets neue Figuren dazu, sodaß im Laufe der Jahre eine Szene von vielen Hunderten von Figuren entsteht, welche eine ganze Berglandschaft bevölkern.
Die Krippen in den Kirchen sind natürlich ungleich! größer und schöner, weil zu ihrem Aufputz die ganze Ortschaft beisteuert, und oft namhafte letztwillige Zuwendungen! gemacht werden. Die schönste dieser Krippen, welche über 10000 Gulden gekostet hat, ist im Besitze des Bürgermeisters Moser in Bozen, während in der Marienkirche in Graz allweihnachtlich eine wahrhaft künstlerische Krippe aufgestellt ist, deren Figuren sämtlich lebensgroß in Wachs gebildet sind.
Zum Dreikönigstage werden der ganzen Szene noch die heiligen drei Könige hinzugefügt samt dem Engel, der ihnen den Weg zur Sancta Casa weist. Was wir da aber nur im Bilde sehen, tritt uns in den Weihnachtstagen oder auch schon früher lebend und handelnd vor Augen. Dio Darsteller wandern in ihren Kostümen von Haus zu Haus, haben also fast nie eine eigene Bühne, sondern führen iw der ersten besten Stube irgend ein Teil der Weihnachtsgeschichte auf und singen dazu Lieder, deren derbe Realistik und Naivetät den heiligen Personen Reden in den Mundi legt, wie sie auch dem Sinne nach nie in Judäa gehalten! sein werden, sondern nur als eigenartigste Schöpfung des! deutschen Volksgeistes entstehen konnten, und wobei es nicht an den köstlichsten Zeitfehlern mangelt. Wer daran Anstoß nimmt, wenn der bekannte Maler Uhde und andere den Christus in seinen Bildern mitten in eine deutsche Bauernstube stellt oder mitten zwischen deutsch-modern gekleidete Landleute auf ein Aehrenfeld, der wird von seinen Bedenken kuriert werden, wenn er einmal zu sehen Gelegenheit findet, mit welcher Andacht die Bergleute den Worten dieser Volksschauspieler lauschen, die durchaus nicht im Geiste des Jahres Null unserer Zeitrechnung gehalten sind.
In den Touristen- und Unterkunftshäuscrn der Alpen> welche im Winter bewirtschaftet sind — und es giebt deren! nicht wenige — geht es jetzt übrigens auch überall froh und heiter beim Glanze des Christbaums am Weihnachts- abend her. Denn aus Turn- und Gebirgsvereinen findet sich da immer eine größere Anzahl von unverheirateten Mitgliedern zusammen. Jedenfalls wird der, welcher zu Weihnacht einmal in die Berge geht, recht befriedigt wieder-, kehren, auch!.wenn er nicht gerade zu den Bergen der Alpen! reist, sondern mit der Winterlandschuft vorlieb nimmt, Witz sie -ein europäisches Mittelgebirge uns bietet.
Dsr bunte Teller.
Plauderei von Sylvia.
(Nachdruck verboten.)
Die Sitte, am Weihnachtsabend für alle Hausgenossen! einen bunten Teller unter den Christbaum zu stellen, ist wohl in ganz Deutschland verbreitet; aber wo sie eigentlich herstammt, vermag niemand recht zu sagen. Manche behaupten, daß die verschiedenen Süßigkeiten, Früchte und! Kuchen die Gaben versinnbildlichen sollen, die dereinst die Hirten dem Christusnnde zu Füßen legten, die Erklärung; erscheint indessen gesucht. In einem märkischen Märchen! wiederum wird der Brauch! auf das Erlebnis eines kindlichen Geschwisterpaares zurückgeführt. Der kleine Sohn des! Lcmdesherrn und sein Schwesterchen — heißt es hier — waren am 24. Dezember über die Grenzen ihres väterlichen! Parks hinausgegangen und dabei in einen großen Wald! gekommen, aus dem sie nicht wieder herausfanden. Test ganzen Tag lottg irrten sie umher, und zuletzt wurden sitz so hungrig, daß sie bitterlich! zu weinen anfingen. DM hörte die Fee, dste der Kinder Pate war, und aus Mitleid mit ihnen ließ sie Erdbeeren und Heidelbeeren aus dem! Schnee aufwachsen. Bevor der Prinz und das Prinzeßchen sie aber aufgegessen hatten, kamen die Diener, bte von! den Eltern ausgesandt waren, um sie zu suchen. Da bte! Kinder die schönen Früchte nicht im Stich! lassen wollten/ so pflückten sie diese ab und machten sich aus dem SchueÄ Tellerchen, in die sie die Beeren hineinlegten. Der Fürst des Landes ordnete an, daß zur Erinnerung an dieses Ereignis alljährlich am Heiligabend alle armen Kinder auf seine Kosten einen Teller voll Leckereim geschenkt bekämen.


