Sonntag den 29, Dezember.
1901. s— Nr. 187.
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i^^Meh ohne Stab nicht durch den Schnee, W» Und ohne Steuer nicht zur See;
Geh ohn' Gebet und Gottes Wort Niemals aus deinem Hause fort.
Alter Spruch.
(Nachdruck verboten.)
Weihnachten in dell Bergen.
Bon Dr. Theodor Adler.
Weihnachten im Kreise seiner Liehen zu feiern, ist das ersehnte Ziel, welches Hunderttausende tu jenen unwirtlichen Tagen zum Reisen veranlaßt; wer aber niemand mehr in der weiten Welt besitzt, der ihm an diesem Abend ein gastlich Heim öffnet, und verdrießlich und kopfhängerisch in einer Wirtshausecke sein einsames Mahl einnimmt, ist froh, wenn erst das Wethnachtsfest vorüber ist und das Alltagsleben seine Rechte wieder geltend macht.
Gar mancher von diesen würde jedoch ein ganz anderes Fazit seiner Weihnachtstage ziehen, wenn er sich entschlösse, einmal allein oder mit einigen Gleichgesinnten ins Gebirge hinaus zu fahren. In den großen Städten Süddeutschlands und Oesterreichs, wie München, Wien und Graz, weiß man längst, daß „ein Weihnachten in den Bergen" seine besonderen Reize hat, und so laden wir denn den Leser ein, im Geiste den Ausflug mitzumachen zu dem Bergvolke, welches sich von Eigenheiten und seltsamen Gebräuchen mehr bewahrt hat als der Bewohner der Ebene.
Um Unterkunft brauchen wir nicht besorgt zu sein, wenn wir nach einer langen Bahnreise und eventuell nach einer lustigen kurzen Schlittenfahrt am Ziel angekommen sind, und erfrieren werden wir auch nicht; denn in der Wirtsstube, deren mächtiger Ofen mit schier unendlichen Mengen Buchenholz gefeuert wird, ist es äußerst mollig; im Schlafzimmer aber, wo vielleicht seit Jahren nicht geheizt worden ast, müssen wir uns durch unmenschlich dicke Decken vor der Kälte schützen, doch ist das Schlafen im Kalten ja so gesund, „weil's das Bluat so viel frisch macht".
Das Leben in den Bergen, das, seitdem im Herbst die letzten Sommergäste entflohen, wieder seine eigenartigen Urwüchsigen Formen angenommen hat, gewinnt seinen sonderliche weihnächtigen Charakter schon lange vorher beim Beginn der Adventszeit, welche in katholischen Ländern das Rorate, das ist nämlich die Frühmesse zu Ehren der heiligen Jungfrau, bringt.
Tiefe, schweigende Nacht ruht noch auf dem Berg- ivalde, über dein vom kalten Winterhimmel die Sterne funkeln. Da wird drüben an der Berglehne ein einziges kleines Lichtchen sichtbar, das sich langsam thalabwärts bewegt, und wenn wir genau Umschau halten, sehen wir, daß es nicht vereinzelt bleibt. Bon anderen Höhen, wo ver
einzelte Bauernhöfe liegen, kommen andere heruntergezogen, und wir bemerken, daß wir in der tiefen Einsamkeit keineswegs allein sind. Es sind die Gläubigen, die bei Laternenschein oder Fackellicht thalabwärts zu dem kleinen Kirchj- lein mit dem spitzen, gotischen Turm, ziehen, in dem mit dem 6. Glockenschlage das Engelamt beginnt. Im festlichen Lichterschmucke prangt der Hochaltar, während in den übrigen Teilen der Kirche noch magisches Halbdunkel herrscht. Und nun kommen sie herein, die Bauern und Frauen, die alten Mütterchen, die Dirndeln und Burschen, und selbst die Kinder lassen sich durch Schnee und Eis nicht abhalten, ihre Eltern auf den stundenlangen Wegen zum Gotteshause im Thale zu begleiten. Auf den Betschemeln vor den Bänken werden die mitgebrachten Wachsstöcke entzündet, bei deren Licht man die kleine Schrift der Gebetbücher enträtselt. Der Priester spendet, im glänzenden Meßgewands am Altar stehend, die Messe. Dann setzt die Orgel ein mit einem jener uralten Weihnachtslieder, die sich durch die Jahrhunderte erhalten haben, tönt sich immer mehr zu einem sanften pianissimo ab, und vom Chore erschallt die Stimme des Knaben, der den Engel vorstellt, welcher einst der Maria die frohe Botschaft verkündete:
Ave Maria, gratia plena
(Gegrüßt seist Du, Maria, Du gnadenreiche)
und von unten kommt als Antwort der Gesang der An« dächtigen:
Benedicta tu in mulieribus
(Gebenedeit seist Du unter den Frauen).
Dann folgt, nach Beendigung des Ave, Maria, noch ein Marienlied, in dein sich der duftige Zauber der alten deutschen Bolkspoefie verkörpert:
Sei gegrüßet, lichter Stern, .holde Mutter unsres Herrn, Königin der Engelein, Stolzer Turm von Elfenbein, Ave Maria.
oder:
Maria sei gegrüßet, Du lichter Morgenstern! Der Glanz, der Dich umfließet, Verkündet uns den Herrn.
Von jeder Makel rein Sollst Du zunt Menschenheile Des Höchsten Mutter sein.
Bald im Anfang der Weihnachtszeit, am 5. Dezember, als Borabend des Tages vom heiligen Nikolaus, beginnen die Weihnachtsspiele, deren es namentlich in Tirol, Steiermark und Kärnthen zu Dutzenden gießt, und zu deren Einübung die Proben oft schon im Oktober ihren Anfang nehmen. In Haus und Hof aber beginnt mau mit den Zurüstungen, welche die Essensfrage betreffen. Denn in bett; Bergen, wo man zum Krämer vielleicht recht weit hat/


