Dienstag den 29. Dktobrr.
Elf
1901. — Nr. 155.
II
itimnte dich, o junges Blut, willst du nicht verachtet liegen, Niemand ist durch Müßiggang in der Welt emporgestiegcn; Fleiß ernähret, Arbeit ehret, laß nur bald die Kinderschuh;
Müh und Tugend hört der Jugend, Rat und Ruh dem Alter zu.
Johann Grob.
(Nachdruck verboten.)
Der Erbe von Petershagen.
Roman von O. Elster.
(Schluß.)
Wieder tiefe Stille. Da klopft es an die Thür und der Ackervogt trat ein.
„Entschuldigen Sie, Herr Breymann. . •"
„Na, Ahrens, was giebt's denn? Ich denke, es ist alles in Ordnung?"
„Ist es auch, Herr Breymann — auf dem Hofe wenigstens — aber da drüben im Walde scheint was los zu sein."
„Habt Ihr auch den Schuß gehört?"
„Ja, Herr Breymann — und dann das Hundegeheul. Und nun bellt das Tier schon zehn Minuten lang ununterbrochen. Gerade als 06' ein Schweißhund ein totes Stück Wild verbellt."
Breymann öffnete das Fenster. Deutlich hörte man das Bellen des Hundes, das dann und wann in ein langgezogenes Geheul überging.
„Ja, Herr Breymann . . - soll ich da nicht einmal mit einem Knecht hinübergehen? Wer weiß, ob da nicht ein Unglück geschehen ist. Heut' nachmittag hab' ich den Herrn Baron von Petershagen vorübergehen sehen; er hatte keine Flinte über der Schulter und den Hund bet sich, und ging dem Walde zu. Wilddiebe treiben sich jetzt da herum :— — wenn der Baron nun mit so 'nem Kerl zusammen-! getroffen wäre . .
Else war aufgesprungen. Eine tiefe Blässe bedeckte ihre Wangen. Ihr Herz klopfte heftig.
„Ich will Euch begleiten, Ahrens", sagte sie hastig.
„Nein, Else, das ist nichts für Dich", wehrte Herr Breymann ab, „ich werde mitgehen."
„Du, Vater? Bei dem Wetter?"
„Es hat aufgehört zu schneien. — Das bischen Nässe schadet mir nichts. — Kommt, Ahrens, der Heinrich soll mit einer Stall-Laterne mitgehen."
„Ja, Herr Breymann und vielleicht nehmen Sie Ihre Flinte mit"
„Was soll uns die nützen? Kommt nur!"
Die Männer entfernten sich. In qualvoller Unruhe blieb Else zurück. Eine dumpfe Ahnung sagte ihr, daß Lin Unglück geschehen sei, welches auch, auf ihr Leben einen
Schatten werfen sollte. Sie beugte sich zum Fenster hinaus. Noch immer scholl das klagende Gebell des Hundes vom Walde herüber. Else glaubte die Stimme des Hundes von Eitel Fritz zu erkennen, den sie ja im Sommer und Herbst oft gesehen hatte.
Auch die Hunde in Jägerhof wurden unruhig und begannen zu bellen und zu heulen.
Die tiefe Stimme ihres Vaters verwies sie zur Ruhe. Dann hörte Else ihn sagen: „Du kannst mitgehen, Tyras — kannst uns suchen helfen. . " und dann sah sie die drei Männer in Begleitung des Hundes über den Hof gehen. Die Laterne flackerte im Winde — bis jenseits der Chaussee konnte sie den Lichtschein verfolgen, dann verschwand er in dem Nebel.
Kein Laut war zu hören, als das Bellen des Hundes, das nach und nach in ein klagendes Winseln überging.
Else sank auf einen Stuhl und legte die Hand vor die Augen.
So mochte eine Viertelstunde vergangen sein, als am Hofthor Stimmen laut wurden. Else sprang auf und trat an das Fenster. Zwei dunkle Gestalten hielten zu Pferde auf dem Hofe.
„Ist Herr Breymann zu Hause?" fragte eine Stimme.
„Nein, Herr Baron", erwiderte ein Knecht vom Jägerhof. „Aber Fräulein Breymann . - ."
Der Fremde sprang aus dem Sattel, warf seinem Begleiter die Zügel zu und schritt rasch auf das Haus zu. Else ging ihm entgegen. In der erleuchteten Hausthür trafen sie sich. ,
„Herr von Sannow — Sie hier — und zu die> er Stunde?!"
„Ja, ,ich bin es, Fräulein Else. Haben Sie meinen Schwager gesehen?"
„Ihren — Schwager? — Herrn von Petershagen?" „Ja — Eitel Fritz. . "
„Nein, Herr von Sannow. —■ Wie kommen Sie zu der Frage? Wie sollte Eitel Fritz . . - Herr von Petershagen . . . hierher kommen . ..?"
„Ah, Fräulein Else — jetzt ist nicht mehr die Zeih Worte zu verlieren! —- Da — lesen Sie den Brief, den Eitel Fritz für mich zurückgelassen hat, als er heute nachmittag von Petershagen fortging..."
Sie waren in das Zimmer getreten, und Arno, der sich in hochgradiger Aufregung befand, reichte ihr der Brief. Else las: „Lieber Arno. Deinen Brief empfangen Da alles vergeblich, so ergreife ich das letzte Mittel, um die Ehre des Mädchens zu retten, das ich über alles ir der Welt liebe und achte. Elses Name soll, nicht in den Schmutz gezerrt werden. Deshalb gehe ich lieber aus dem Leben — dann ist ja ein Prozeß unnötig. Mich ekel! dieses Leben an — verzeiht mir — und sag' Else, daß mein letzter Gedanke ihr gegolten.
Verzeiht mir und vergeßt nicht ganz
Euren unglücklichen Eitel Fritz : j. >


