Ausgabe 
29.8.1901
 
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Dann nahm Deine Frau ein Zigarettenpapier von diesem Päckchen bet, unb kritzelte mit diesem Stift hier dar­aus herum. Dabei und während des folgenden plauderte sie unaufhörlich in der lebhaftesten und zugleich an­mutigsten Weise über eine Mozart-Sonate, die sie kürzlich vortrefflich spielen hörte, über eine Chokoladentorte, zu der schort ihre Urgroßmutter das Rezept besessen und geheim gehalten habe; über eine Skizze von Stuck, die sie im Künstlerhause gesehen, über ein neues Stachelhals­band, das sie für Deinen Seel gekauft. Und so weiter. Endlich legte sie den Bleistift aus der Hand und spielte mit dem Zigarrenpapier; sie wickelte es um ihre Finger, faltete es zusammen und wieder auseinander und ließ es dann scheinbar achtlos in ihren Schoß fallen. Vetter Carol sprach wenig, beobachtete aber genau was sie that."

Weiter, weiter!"

Endlich langte sie nach der Tabatiere hier, nahm das Papierchen wieder von ihrem Schoße auf, häufte Tabak darauf und drehte kunstgerecht eine Zigarette. Sie kann es wunderbar."

Ambros nickte, um das Wunderbare zu bestätigen, und rief dann ungeduldig :Mensch, komm' doch endlich zur Sache!"

Geduld, bin gleiche dabei. Graziös rollte sie dann das fertige Stück zwischen ihren Fingern hin und her, aber anstatt die Kanten des Papiers zu befeuchten, um die Zigarette zusammenzukleben, riß sie sich ganz unaugen- fällig ein Haar aus und wickelte den goldenen Faden um die Zigarette. Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick auf Vetter Carol, um sich zu überzeugen, daß er ihr Spiel beachte. Sie war eben bei dent neuen Stachelhalsband an- gekvmmen und zeigte, daß es genau aus solch einem Metall verfertigt sei wie diese Oblatenschale hier, und dabei ließ sie die Zigarette aus der Hand gleiten, hierher, gerade zwischen die Oblatenschale und das Papiermesser kam sie zu liegen, und gleich danach deckte sie ein Blatt Papier darüber. Sie that alles so zwanglos, so geschickt und un­auffällig. Wer nicht darauf achtete, hätte gar nichts be­merkt; ich aber bemerkte alles und war sehr erregt dar- iiber. Sofort stand bei mir fest, daß ich die Zigarette haben, sie dem Oberleutnant wegeskamotieren müsse. Es gelang mir ganz unerwartet rasch. Seel meldete sich an der Thüre mit Gepolter und Gebell, und gleichzeitig erhob sich ein Lärm ans der Straße, was zur Folge hatte, daß Isa auf­sprang und ans Fenster eilte, und der Oberleutnant nach der Thüre schritt, um Seel einzulassen. Diesen Augenblick benutzte ich, um die Zigarette unter dem Papier hervor­zuholen und sie in meiner Tasche verschwinden zu lassen. Cs glückte vortrefflich, reines der Beiden hatte es bemerkt. Bald darauf empfahl ich mich, und heute bin ich da, um Dir das Beweisstück zu überbringen." Felix Rosch reichte dem Freunde die Zigarette hin:Hier." Ambros Eichmann war ganz blaß geworden.Was enthält sie?" frug er tonlos und griff danach.

Ja, ich weiß es nicht, lieber Freund, ich hab's mcht untersucht."

Du weißt es nicht?? Hm."

Mus denkst Du denn von mir? So indiskret bin ich nicht!"

Elchmanns Finger zitterten, als er das Haar von der Zigarre" abwickelte. Mit nervöser Hast öffnete, er das Röll­chen und ließ den Tabak daraus achtlos auf den Teppich fallen, glättete das dünne Papier und benutzte ein weißes Blatt als Unterlage, um die Bleististstriche deutlicher sehen zu können. Starr blickte er anfänglich darauf hin, aber nach und nach kehrte rhni die Farbe zurück, hellten srch seine Mienen auf; dann lächelte er, um schließlich in ein schallendes Gelächter auszubrechen.

Famos! Famos! Ausgezeichnet! Ein wahrhaftiges, kleines Kunstwerk!"

Felix Rosch hatte ihn genau beobachtet und staunte nun über den plötzlichen Ausdruck' seiner Heiterkeit.

Nanu, was giebt's? was hast Du? Laß' mich doch sehen, sth geb Dir mein Wort daraus, ich hab's nicht angeschaur."

Bin fest überzeugt davon, Freundchen", sagte der eifer­süchtige Gatte, immer noch lapt lachend.

Nun, dann laß mich's doch jetzt, ansehen."

Er beugte sich vor und- guckte voll Neugier.Was tausend", rief er,das ist ja gar eine Zeichnung!"

Jawohl, eine Zeichnung, sieh mal, ein Frosch, der sich gewaltig bläht und dabei die Augen verdreht und der Frosch hat eine merkwürdige Porträtähnlichkeit und darunter steht Frosch das ist alles, Lixi."

Lixi guckte mit weit geöffneten Augen und wurde dabei krebsrot im Gesicht.Richtig, das ist ein Frosch", sagte er endlich langsam und gedehnt,ein Frosch, der sich gewaltig bläht und -die Augen verdreht. Und der Frosch hat eine merkwürdige, kolossale Porträtähnlichkeit mit, mit mir, und darunter steht Frosch, das heißt Felix Rosch, und das ist alles, wahrhaftig, alles gut, sehr gut--"

Nicht wahr? Isa ist ein großartiger, ein genialer Kerl!" rief Ambros und lachte aufs neue, daß ihm die Thränen in die Augen traten.

Felix Rosch schüttelte den Kopf.Ich wiederhole trotz­dem meine Warnung", sagte er trocken.Geniale Kerle weiblichen Geschlechtes sind besonders zu fürchten. Heute war's nur ein Frosch, der sich bläht, über den sie sich lustig machte, morgen, mein lieber Elchmann, ist's vtellercht ein Elch mit solchen Hörnern." Er beschrieb einen toetten Bogen um den Kopf des Freundes, nahm seinen Hut und eilte unter neuerlichem Gelächter Ambros' Elchmanns zur Thüre hinaus.

Die fünf Sinne des Menschen.

Aus Natur und Geisteswel t. Bd. 27.

Von Dr. Jos. Clem. Kreidig in Wien. Mit 29 Abbild­ungen im Text. Geh. Mk. 1., geschmackvoll geb. Mk. 1.25.

Verlag von B. G. Teubner, Leipzig.

Der Verfasser sucht die Fragen über die B e d e u t u n g, A n z a h l, B e n e n n u tt g n n d L e i st u n g e n d e r S t tt n e in gemeinfaßlicher Weise zu beantworten. Nach einer kurzen allgemeinen Charakteristik des einzelnen Sinnesgebietes bringt er zunächst das Organ und seine Funk­tionsweise, dann die als Reiz wirkenden äuße­ren Ursachen und zuletzt den Inhalt, die Stärke, das räumliche und zeitliche Merkmal der Em­pfindungen zur Besprechung. Am ausführlichsten be­handelt er den Gehör - und Gesichtssinn, rnsbefan­dere die Gebiete der Töne und Farben. Ueberall ver­wertet er maßvoll und selbständig die neu e st e n Er g e b- nisse der Wissenschaft. Manche Kapitel, wie jene über den statischen und den Muskelempfmdungssmn, dte Erörterungen über die neueren Farbentheorien und die mannigfaltigen Täuschungen des Sehsinnes, werden auch dem bereits kundigen Leser nicht unerwünschte lleberstchten liefern. Die an geeigneten Stellen eingestreuten Abbild­ungen sollen dem wohlberechtigten Wunsche nach anschau­licher Darstellung der Endapparate und der Täuschungen gewisser Sinne wenigstens teilweise Rechnung tragen. Das Bändchen sei wie die ganze Sammlung ber dem mäßigen Preise dringend empfohlen.

Anagramm.

Nachdruck verboten.

Hafen, Torte, Rede, Silen, Emil, Kain, Rang, Erich, Leda, Altar, Sahne.

Von jedem dieser Wörter ist durch Umstellung der Buchstaben ein anderes Hauptwort zu bilden; die Anfangsbuchstaben der neuen Wörter ergeben im Zusammenhang den Namen eines deutschen Dichters.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung der Zahlenpyramive in voriger Nummer: E

E 8

SEE

ELSE WESEL WIESEL

Redaktion: E. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.