Ausgabe 
29.8.1901
 
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auf die Erhaltung dieses Lebens freilich schienen bei der Art der Verletzungen, die man nun in sorgfältiger Unter­suchung feststellte, äußerst .gering. Der einheimische Arzt und die beiden fremden Kollegen, die sich unter den Sommergästen befunden hatten, stimmten darin überein, daß der arme junge Mann es höchstens noch ein paar Stunden machen rönne, und daß er vor seinem Ende wohl schwerlich noch einmal zur Besinnung kommen werde.

Da erschien plötzlich noch ein vierter Helfer in Ge­stalt eines berühmten süddeutschen Chirurgen, der erst tags zuvor in der Sommerfrische eingetroffen war, weshalb die Kollegen von seiner Anwesenheit noch keine Kenntnis hatten. Er untersuchte den Verunglückten noch einmal, und die Erklärung, die er dann abgab, setzte die anderen einigermaßen in Erstaunen; denn während sie ziemlich einig gewesen waren, dem rettungslos verlorenen Patienten alle Manipulationen zu ersparen, die ihm nur überflüssige Qualen bereiten konnten, faßte der große Heilkünstler mit der ihm eigenen Energie seine Aufgabe sogleich von einem ganz anderen Standpunkte auf.

So lange noch Atem in ihm ist, haben wir kein Recht, ihn verloren zu geben," erklärte er, und die Berufsgenossen kamen aus der Bewunderung gar nicht heraus, als sie sahen, mit welcher Sicherheit er unver­züglich die Behandlung in Angriff nahm. Ein paar Mal allerdings schien das schwach glimmende Lebensfünkchen unter seinen Händen ganz verlöschen zu wollen, und alle Hilfsmittel der ärztlichen Wissenschaft mußten aufgeboten werden, um es immer von neuem anzufachen. Aber nach Verlauf einer Stunde waren doch die gebrochenen Glieder nach allen Regeln der Kunst eingerichtet, geschient und verbunden, und man hatte dem noch immer Bewußtlosen in einem ruhig gelegenen Zimmer des Erdgeschosses sein Lager bereitet-

Der große Chirurg, der nur ein paar Tage hier hatte verweilen wollen, erklärte nun, daß er jedenfalls bleiben werde, so lange seine Anwesenheit dem Ver­unglückten von Nutzen sein könne. Wenn er sich damit auch ohne Zweifel um einen guten Teil der gesuchten, und erhofften Erholung brachte, so hatte sein hochsinniges Benehmen dem Kranz seines Ruhmes doch! abermals ein neues Blatt eingefügt, und ihm die Verehrung der ganzen Touristengesellschaft im Fluge gewonnen.

Zwar meinten die anderen Aerzte achselzuckend: Schade um die aufgewandte Mühe; denn er kann die Nacht doch nicht überstehen". Aber schon am nächsten Tage prophezeiten sie nichts mehr; denn Rudolf Jmberg hatte nicht nur die Nacht überstanden, sondern sein Herz arbeitete auch wieder viel kräftiger, und er hatte sogar schon vorübergehend das Bewußtsein wieder erlangt.

Es ist ein Wunder", sagten die Herren jetzt, und neidlos fügten sie hinzu:Wenn diese Daseinsverlänger­ung wirklich als ein Gewinn für ihn anzusehen ist, so hat er sich einzig und allein bei dem Professor dafür zu bedanken."

(Schluß folgt.)

Der Beweis in der Zigarette.

Skizze von Thesi Bohrn.

(Nachdruck verboten.)

Aber Du hörst nicht, lieber Freund."

Doch, doch, ich höre ganz genau."

Nun, dann verstehst Du nicht oder willst nicht ver­stehen."

Hm Du sagtest, sie standen gestern hier vor meinem Schreibtisch,, meine Frau und Vetter Carol nämlich, und be­trachteten angelegentlich ein beschriebenes Blatt Papier. Sie hatten die Köpfe dicht beieinander und lachten laut, wie Du die Thüre öffnetest, und als Du ins Zimmer tratest, stoben sie auseinander wars nicht so?"

Ja, so wars, genau so."

Nun, und?"

Und? Na, ich dächte, das wäre genug."

Wie genug? Wo genug? Was genug? Gieb mir keine Rätsel auf. Du weißt, Rätsel lösen war nie meine Sache."

Höre, lieber Freund, Du glaubst doch, daß ichs gut mit Drr meine?"

Gewiß, mein Bester, gewiß."

Nun, dann laß Dirs raren, und gieb besser acht aus Deine Frau."

Gut! aber wie soll ich das machen? Soll ich sie einsperren, anbinden, in ein Glaskasterl setzen?"

Geh doch, ich spaße nicht."

Ich auch nicht, Lixi, ich auch nicht."

Ach, mit Dir ist nicht zu reden aber ich warne Dich nochmal, Ambros! Deine Frau ist schön, ist sehr schön, ist jung, ist sehr jung und die häufigen Besuche dieses Vetters Carol----" '

Ambros ließ sich in seinen hohen Stuhl fallen und lachte aus vollem Halse.

Ja, jetzt lachst Du, aber ich sage Dir, Du wirst noch, blutige Thränen weinen."

Ei? ha, ha, ha!"

Carol ist ein verteufelt hübscher, schneidiger Kerl."

Ist er auch, wird hiermit bestätigt."

Eben majorenn geworden, wie ich höre, und ist schon Oberleutnant hat einen Wald von dunkeln Haaren und einen Mund voll prächtiger, eigener Zähne"

Stimmt alles, Lixi, und damit willst Du wohl sagen, daß ich schütteres Haar habe und daß meine Zähne hm."

Ja, lieber Freund, mir gehts auch nicht besser mit meinen Haaren und meinen Zähnen das geht einmal nicht anders, wenn man über dreißig zählt, ists nicht mehr so---" i

Wie wenn man eben majorenn geworden ist, stimmt auffallend aber weißt, ich bin Ambros Elchmann, und Tu bist Felix Rosch, und das sind zwei sehr verschiedene Menschen, auch wenn sie beide schütteres Haar und so weiter haben. Sei Du auf Deine Frau eifersüchtig, Wenns Dir Ver­gnügen macht, mich wirst Du dazu nicht bringen ich bin Isas Liebe und Treue sicher, bombensicher, sage ich! Dir, und----"

So, Du bist Isas Treue sicher? Ha, ha, bist Du wirk­lich so altmodisch, an die Treue einer Frau zu glauben?"

Ja, Lixi, ich bin so altmodisch"

Na, vielleicht denkst. Du etwas moderner, wenn man Dir Beweise zeigt."

Beweise? Worüber?"

lieber Untreue, natürlich"

Neber Untreue meiner Frau?"

Selbstverständlich Deiner Frau."

Ambros sprang erregt auf.Nun ists aber genug", rief er,kein Wort weiter, sonst vergesse ich meine gute Erziehung, ich- dulde es nicht, daß Du von meiner Frau"

Aber lieber Freund, ich spreche von Thatsachen, ich sagte Dir doch, daß ich Beweise habe."

Wo sind die Beweise? Her mit den Beweisen!"

Felix Rosch zog die Faust aus der Tasche seines Sacos und hielt sie Ambros hin.Hier ist der Beweis in der Zigarette ist der Beweis."

In der Zigarette? In welcher Zigarette?"

In dieser Zigarette hier."

Felix öffnete die Hand, da lag wirklich eine Zigarette, umwunden mit einem feinen, blonden Frauenhaar.

Ei, das ist ja ein Haar meiner Frau!?"

Ganz richtig, ein Haar Deiner Frau."

Wo hast Du das her? Was bedeutet das? Soll das ein Beweis sein? So rede doch!"

Gleich, lieber Freuno, gleich Du bist ja nickst eifer­süchtig, darum setze Dich ruhig wieder hin und höre mich an."

Ambros Elchmann setzte sich nieder in den tiefen Lehn­stuhl vor seinem Schreibtisch verschränkte die Arme und sagte mit erkünstelter Ruhe:Ich höre."

Also, ich sagte Dir, die beiden stoben auseinander, als ich ins Zimmer trat. Ich konnte nicht sehen, was das Blatt enthielt, denn Deine' Frau schob es rasch in das untere Fach hier und setzte sich dann, nachdem sie mich begrüßt hatte, in den Stuhl, in dem Du jetzt sitzest. Der Oberleutnant lehnte nachlässig am Thürrahmen daneben, und ich nahm in einiger Entfernung auf diesem Hocker Platz."

Weiter, weiter!"

Die Zweie tauschten fortwährend Blicke des Einver­ständnisses untereinander, und ----"

Thun sie immer, die Uebermütigen, auch! in meiner Gegenwart, finde dabei nichts Unrechtes weiter, weiter!"